Ausstellungsbesprechungen

Edvard Munch - The Modern Eye, Tate Modern, London, bis 14. Oktober 2012

Londonreisende aufgepasst: In der Tate Modern besteht noch bis zum 14. Oktober die Möglichkeit, den modernen Blick Edvard Munchs zu studieren. Denn der symbolträchtige Expressionist ließ sich in seinen Werken von den progessiven Methoden der Fotografie und des frühen Films inspirieren. Karin Ego-Gaal schildert ihre Eindrücke.

Edvard Munch, »The Scream«, 74 Millionen Pfund! Ein Schrei, der durch die Kunstszene ging und Munch (1863-1944) in die oberste Riege der teuersten Künstler der Welt schoss. Das Bekannteste seiner Werke ist natürlich nicht in der Ausstellung »Edvard Munch: The Modern Eye« präsent, jedoch über sechzig sorgfältig ausgewählte Bilder, fünfzig Fotografien und sogar seine nicht so bekannten filmischen Arbeiten. »Edvard Munch: The Modern Eye« offenbart eine neue Perspektive auf den norwegischen Künstler. Munch, der oft als Künstler des 19. Jahrhunderts, als Symbolist und Pre-Expressionist angesehen wurde, war ein sehr moderner Mensch mit Interesse für kulturelle und technische Entwicklungen sowie das aktuelle Zeitgeschehen. Auf der emotionalen Seite war Munch von Ängsten, spirituellen Unruhen und persönlichen Tragödien geprägt. In einem Gedicht, das der Künstler auf dem Rahmen von »The Scream« verewigte, beschreibt er sich selbst als »zitternd vor Angst«. Viele seiner Werke reflektieren seine Emotionen und seinen psychologischer Zustand, zeigen seine eigene subjektive Vision.

Persönliche Erfahrung und ein tiefer Prozess der Selbstanalyse sind wesentliche Kriterien, aus denen Munch seine Kreativität schöpfte. Sein Engagement und die Faszination für Selbstporträts begleiten seine gesamte künstlerische Karriere und stehen im Mittelpunkt des ersten Raumes. 50 Jahre liegen zwischen den Werken; sie repräsentieren seine Begeisterung und Neugier für verschiedene Medien wie Malerei, Lithografie, Holzschnitte und Fotografie. Munchs erstes Selbstporträt entstand 1882, als er 18 Jahre alt war. Das sorgfältig gemalte Ölbild mit dem akkuraten feinen Pinselstrich stellt genau das Gegenteil von dem dar, was Munch später so bekannt machte: die gestische expressionistische Pinselarbeit. Eine seiner ersten Lithografien ist ebenfalls zu sehen: Das Selbstporträt von 1895 zeigt eine bemerkenswerte Entwicklung in seinem Stils und bei der Anwendung von Schwarzweiß. 1902 kaufte er seine erste Kamera und begann, sich mit Fotografie zu beschäftigen. Seine ersten Aufnahmen reichen von heroischen Posen, bei denen er auch gerne mal nackt zu sehen ist, etwa »Self Portrait Naked in the Garden at Asgardstrand« (1903) bis hin zu inszenierten, durchdachten, fast schon einer Theaterkomposition gleichenden Fotografien wie »Self Portrait as an Invalid in the Clinic of Dr. Jacobson, Copenhagen« (1908-09).

Eines der Ausstellungshighlights ist das Werk »The Sick Child« (1907). Es ist nicht nur das Bild, das ihm zu seinem Durchbruch als Künstler verhalf: Es bedeutete für ihn die traumatische Erinnerung an die Kindheit und an seine Schwester, die mit 13 Jahren an Tuberkulose starb.

»The Sick Child« (1907 und 1925) ist nicht das einzige Werk, das es zwei- oder mehrmals gibt; Raum 2 gehört den »Reworkings«, darunter sind »Vampire« (1893 und 1916-18), »Ashes« und »The Girls on the bridge« (1902 und 1927). Munch erklärte: »Tatsächlich machte ich oft Kopien von meinen Bildern – aber es war immer eine Entwicklung zu sehen und sie waren nie gleich – ich habe eines auf dem anderen aufgebaut.«

Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigte ihn ein neues Medium: die Fotografie. Sein Lieblingssujet war er selbst, meistens im Profil oder in Dreiviertelansicht, fast nie frontal. Überbelichtung und Unschärfe störten ihn nicht, ganz im Gegenteil, Geister und Trugbilder verstärkten seine Faszination. Das zweite Lieblingsobjekt waren seine Bilder, die er auch gerne als seine „Kinder“ bezeichnete. Manchmal erscheint er sogar selbst darauf wie in »Self-Portrait in the Studio at Skrubben in Kragero« (1909-10) oder bei »Self-Portrait at 53 Am Strom in Warnemünde« (1907). Inmitten seiner Werke stehend, verleiht Munch ihnen den Charakter eines Gruppen-Porträts.

Entwicklung, Fortschritt, neue Technologien, Menschen in Bewegung und das Spiel mit der optischen Räumlichkeit stehen im Mittelpunkt von Werken wie »Workers on Their Way Home« (1913-14) oder »Thorvald Lochen« (1917). Munch war sich der Avantgarde-Bewegungen bewusst und beschäftigte sich mit den Themen von Kubismus und Futurismus; auch der sich in einem frühen Stadium befindende Film bekam eine Rolle in Munchs Werken. In »Galloping Horse« (1910-12) reitet das Pferd auf den Betrachter zu; der visuelle Effekt und die Illusion der Bewegung erfahren ihren Höhepunkt.

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Inspiriert von seiner Zusammenarbeit mit dem Direktor Max Reinhardt, mit dem er für die Produktion von Henrik Ibsens »Ghost« zusammenarbeitete, entstand 1907 seine Serie »The Green Room«. Alle Bilder ähneln einander, was zum einen an der grünen Tapete liegt, jedoch ebenso an der Dramatik der Protagonisten wie in »Jealousy« (1907): Im Vordergrund schaut eine sehr verstörte Person den Betrachter frontal an, während im Hintergrund ein sich küssendes Paar gezeigt wird. Ein weiteres Beispiel ist »The Murderess«: eine Frau, die offensichtlich gerade jemanden getötet hat.

Fast zur gleichen Zeit wie die deprimierende Serie entstand die Folge »Weeping Woman«, die aus sechs Bildern, drei Zeichnungen, einem Foto, einer Lithografie und einer kleinen Skulptur besteht. Alle Werke zeigen eine nackte Figur im Vordergrund, die ihren Kopf neigt; im Hintergrund ein Bett und die bekannte Tapete. Zum allerersten Mal sind diese Werke in einem Raum vereint; sie konkurrieren jedoch nicht, sie ergänzen sich auch nicht, sie versprühen Emotionen, sie stellen Fragen, sie warten auf Antworten, jede für sich und dann doch wieder zusammen.

»Ich möchte nicht plötzlich sterben, ohne es zu wissen. Ich möchte diese letzte Erfahrung bewusst mitbekommen«, so Munch. Er arbeitete bis kurz vor seinem Tod im Januar 1944. Sein sehr symbolträchtiges letztes Werk »Self Portrait: Between the Clock and the Bed« entstand 1940 bis 43 und zeigt einen zerbrechlichen Menschen zwischen einer Uhr und einem Bett.

Die Selbstporträts sind ein Leitmotiv, das sich durch Munchs künstlerisches Schaffen zieht. Mit ihnen beginnt und endet die Ausstellung, sie dokumentieren vom ersten Pinselstrich bis zu seinem letzten nicht nur den Menschen Munch, sondern vor allem seine Entwicklung als Künstler.