Ausstellungsbesprechungen

Edward Steichen – In High Fashion, Kunstmuseum Wolfsburg, bis 4. Januar 2009

Es muss etwa so gewesen sein wie in unseren Tagen, da die Queen einen neuen Hofpoeten »ausgeschrieben« hat – Andrew Motion, der bislang die königlichen Schritte und die ihrer Getreuen in staatstragende Metren gesetzt hat, hört auf. Im Fall des Fotografen Edward Steichen (1879–1973) war es nicht das britische Königshaus, aber das entsprechende Pathos dürfte passen:

Das in Sachen Mode und Prominenz einflussreiche Haus Condé Nast suchte 1923 für seine Magazine »Vogue« und »Vanity Fair« einen Cheffotografen, ein singulärer und außerordentlich lukrativer Posten in diesem Metier. Die Wahl fiel auf den Maler und Fotografen Steichen, der für fast 15 Jahre die Mode- und (von hier aus) Gesellschaftsfotografie zu neuen Höhen führte. Angeblich hieß die Vorgabe für Edward Steichen und seinen Job: »Machen Sie aus der Vogue einen Louvre«.

Das Kunstmuseum Wolfsburg lässt diese Jahre in einer Auswahl von ein paar hundert Abzügen Revue passieren: namenlose Mode-Ikonen einer »High Fashion« sind genauso zu sehen wie Porträts der damaligen V.I.P.s der Show wie überhaupt der High Society – so Adele und Fred Astair, Winston Churchill, Walt Disney, Gary Cooper, Marlene Dietrich, Greta Garbo, Frank Lloyd Wright. Es sind vorwiegend Figuren, die auch die zeitgenössische neusachliche Malerei zieren könnten, charakteristisch auf den Punkt gebracht und perfekt ausgeleuchtet. Genial schon hier, wächst Edward Steichen dann noch über sich selbst hinaus, wenn er das dramatische Lichterspiel im herben Profil des Schauspielers Louis Wolheim wiedergibt oder den großartigen Pianisten Vladimir Horowitz zu einem bescheidenen Diener seines überdimensional erscheinenden Flügels veredelt oder die Choreografin und Tänzerin zu einer (Schicksals-?)Göttin stilisiert. Geht man allein nach den im Gedächtnis verankerten Arbeiten aus, war die Louvre-Anmaßung gar nicht so abwegig.

Darüber darf man nicht vergessen, dass Edward Steichen als Modefotograf beschäftigt war, aber genau das macht sein Werk so zeitlos: Er erhob die Mannequins, Modells zu Stars fernab der ansonsten gern gepflegten Schaufensterpuppen-Ästhetik und des Glamours. Die unbekannte Schöne steht genauso ihre Frau wie die berühmte Filmgröße, und wenn sie nicht schön ist, dann macht Steichen sie kurzerhand dazu – was alles freilich für die Herren der Schöpfung auch zutrifft: manch Boxergesicht erstrahlt in heroischem Licht. Dabei steht er über jeglichem Vorwurf eines überzeichneten Schönheitskultes: Man denke nur neben diesen Fotografien an Arbeiten einer schönheitssüchtigen Leni Riefenstahl, die nicht entfernt diese Klasse erreicht hätte.

Steichen schuf für seinen Auftragsherrn mindestens 2000 Aufnahmen, die er auch selbstbewusst unterzeichnete (der schlechte Ruf gab der Modebildnerei lange ein stiefmütterliches Ansehen, dem sich die Fotografen nicht immer stellen wollten). Heute sind die Fotos allesamt reif fürs Museum – und es muss nicht der Louvre sein.

Öffnungszeiten
Mittwoch - Sonntag 11– 18
Dienstag 11– 20 Uhr