Porträts

Ein Gespräch mit der Kommunikationsdesignerin und Schriftkünstlerin Katharina Pieper

Am 18. August 2008 besuchte ich die Kommunikationsdesignerin und Schriftkünstlerin Katharina Pieper in ihrem Atelier in Homburg-Jägersburg (Saar), wo sie mir Einblick in Ihr Schaffen gewährte. Dabei wurde ich neben der Vielfalt an Arbeitsutensilien besonders von dem riesigen Fundus kalligrafischer Werke überwältigt, die hier lagern.

Portraitfoto Katharina Pieper  © Jean Larcher Katharina Pieper,  Wasser (Ungeweinte Tränen), Aquarell und japanische Tusche/Büttenpapier, 50 x 70 cm Text: Pablo Neruda © Katharina Pieper 2003 (derzeit in St. Petersburg) Katharina Pieper   Über die Minne, Acryl und Gouache/Büttenkarton, 37 x 54 cm Text: Mechthild von Magdeburg © Katharina Pieper 2007 Katharina Pieper   Der Zauberlehrling (Ausschnitt), Aquarell und Gouache/Büttenkarton, 70 x 100 cm Text: Johann Wolfgang von Goethe © Katharina Pieper 2007
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Ich entdeckte einerseits eine glühende Farbensprache mit expressiv-dynamischen Schriftzügen, andererseits sanft fließende Farbpartien, auf denen die filigranen Spuren der Feder oder des Pinsels in einer meditativen Manier dahingleiten. Und immer wieder fiel mir die sorgfältig ausgewählte Lyrik ins Auge, die von der Künstlerin durch wunderbare Schriftondulationen in die »Traumlandschaften« eingewoben wird. Innerhalb kurzer Zeit haben mir Katharina Piepers kalligrafische, in virtuoser Leichtigkeit erscheinende Arbeiten die Schriftkunst nahe gebracht, die in Öffentlichkeit aber auch kunstgeschichtlicher Forschung bislang leider ein Schattendasein führt.

Kurzbiografie

Portraitfoto Katharina Pieper  © Jean Larcher

Portraitfoto Katharina Pieper © Jean Larcher

Katharina Pieper wurde 1962 in Saarlouis geboren. Kommunikationsdesign-Studium und Diplom an der Fachhochschule Wiesbaden bei Prof. Werner Schneider. Zahlreiche weiterführen­­de Studien im Bereich Schrift, auch bei Meistern aus China (Chung Wie Jie), Japan (Prof. Nangaku Kawamata) und Korea (Nham-hee Völkel-Song).

Katharina Pieper lehrt seit 1988 Schriftge­staltung an diversen Hochschulen und Fachhoch­schulen (FH Mainz, FH Wiesbaden, HfBK Saarbrücken, BA Ravens­burg). 1995 und 2004 hatte sie eine Gastprofessur an der FH Hamburg (Sommer­aka­demie Pentiment).

Ihr Schrift-Unterricht stieß nicht nur in ganz Deutschland auf eine lebhafte Resonanz, sondern brachte ihr auch Einladungen aus Frank­reich, Belgien, den Niederlanden, Island, Italien, den USA, Eng­land, der Schweiz, Finnland und Südafrika ein.

1998 erhielt sie den Interna­tionalen Großen Preis für Kalligrafie in Westerlo/ Belgien.
1997 bis 2003 war sie Vorsitzende der Gesell­schaft Ars Scribendi, Internationale Gesellschaft zur Förderung der Literatur und Schrift­kunst.

Katharina Pieper veröffentlichte verschiedene Bücher und Artikel zum Thema »Schrift Schreiben« in Fachverlagen und für Nicht-Fachpublikum und gibt seit 1996 Bücher, Kalender und Karten in der eigenen Edition heraus.

Ihre Künstlerbücher und Original-Kalligrafien stellt sie seit 1987 weltweit aus und ist mit diesen Arbeiten zudem in renommierten öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. 

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»Im Prozess des Schreibens entdecke ich mich selbst.«

Paul: Sie haben an der Fachhochschule in Wiesbaden Kommunikationsdesign studiert und wurden so mit sämtlichen künstlerischen Techniken vertraut. Wie kam es, dass die Kalligrafie immer mehr ins Zentrum Ihrer Arbeit rückte? Was ist für Sie das Faszinierende an der sogenannten »Schönschreibekunst«?

Pieper: Kalligrafie bildete einen Bereich meines Studiums, und als ich erstmals meinen Professor Werner Schneider schreiben sah, war ich fasziniert. Bei ihm trifft eine exakte Schreibeweise auf expressive, spontane Schriftzüge, und gerade diese Polarität ließ den zündenden Funken zu mir überspringen. Da wusste ich, dass etwas in mir im Verborgenen schlummert, das zu Tage befördert werden möchte und muss. Und so habe ich mich während meines Studiums neben den vielen grafischen und originalgrafischen Disziplinen insbesondere auf den Bereich Schrift konzentriert und schließlich auch meine Diplomarbeit hier angesiedelt. Gleich ein Jahr nach meinem Diplom im Januar 1987 erhielt ich an der Fachhochschule Mainz einen Lehrauftrag für Schriftgestaltung. Dazu musste ich mich noch viel weiter in Theorie und Praxis der Schriftgestaltung einarbeiten, denn so leicht die Schriftzüge auch aussehen mögen, man muss viel üben und konstant trainieren, um nicht nur zufriedenstellende, sondern sehr gute Ergebnisse erzielen zu können.

Für die Studenten und später auch Kursteilnehmer aus professionellen und nichtprofessionellen Kreisen wollte ich ein gutes Vorbild sein...  Was sicherlich auch eine große Rolle bei meiner intensiven Beschäftigung mit Schrift gespielt hat, war die in den 80er Jahren noch vorherrschende Seltenheit von Computern: Wenn ich einen typographischen Text brauchte, dann habe ich ihn für Entwürfe und auch Aufträge oft selber von Hand geschrieben, und auf diese Weise nahm Schrift einen immer größeren Raum in meiner Arbeit ein.

Paul: Kalligrafie ist eine künstlerische Disziplin, die bei uns nicht allzu bekannt ist. Wie erklären Sie sich das?

Pieper: Ja, das stimmt. Die Kalligrafie führt bei uns in Deutschland wohl eher ein Schattendasein. Wenn man heute das Wort »Kalligrafie« hört, dann denkt man erstens an chinesische, japanische oder arabische Schriftzeichen, zweitens an klösterliche, von Mönchen im Mittelalter sorgsam getätigte Abschriften oder drittens an schlechte Erfahrungen in der Schule. Ein markantes Beispiel hierfür fand im Jahr 1941 statt, als – aufgrund des Schrifterlasses – die deutsche durch die lateinische Schrift abgelöst wurde und die Kinder in der Schule von heute auf morgen eine komplett neue Handschrift erlernen mussten. In Ostasien dagegen ist die Kalligrafie bis heute die höchste Kunstform – es gibt dort ein sehr starkes Bewusstsein für die Entstehung und die Geschichte der Schriftkultur. Ganz aktuell zeigen unter anderem die Olympischen Spiele in Peking, welch hohen künstlerischen Stellenwert das Schriftgut in diesem Kulturraum besitzt. In der westlichen Welt wird der Kunstcharakter von Schrift in Frage gestellt und man reduziert sie auf den Transport von Inhalten. Einen gewissen Einfluss hatte hierbei sicher auch das Bauhaus, wo Kalligrafie verpönt war und man der Schrift eine sachliche Ausrichtung zuwies. Interessant ist allerdings, dass es zum Beispiel in der Werbung der 50er Jahre einen Umschwung gab und Schriftgrafiker im Sinne einer handschriftlich-kalligrafischen Schrift wieder aktiv wurden – Professor Friedrich Poppl etwa, der Lehrer meines Lehrers in Wiesbaden, leitete eine regelrechte Renaissance der expressiven, spontanen Schrift ein. Theaterplakate, Bucheinbände – künstlerische Schrift war wieder en vogue und ist unter anderem auch durch ihn weltweit populär geworden.

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Paul: Kalligrafie umfasst also weitaus mehr als kunsthandwerkliche »Schönschrift«...

Pieper: Ja! Für mich sind Poesiealben immer ein abschreckendes Beispiel für die Überbewertung einer »schönen« Schrift gewesen. Ein künstlerischer Ausdruck ist etwas anderes, bedeutet viel, viel mehr. In der japanischen oder chinesischen Schrift dominiert das synthetische Denken, d.h. jedes Zeichen stellt einen Begriff oder ein Bild dar, während hier in der westlichen Welt das analytische, also ein zergliederndes »Schriftdenken« vorherrscht. Wir reihen Buchstabe an Buchstabe, ohne oftmals an den Zusammenhang zu denken. Das ist wohl auch ein Grund, warum hier nur wenige wirklich schriftkünstlerisch arbeiten... Herz, Geist und Emotion können gut mit der Schrift zum Ausdruck gebracht werden, denn sie sind in einem jeden Wortsinn verborgen. Bei Kalligrafie als künstlerischer Ausdrucksform geht es also darum, Worte so zu gestalten, dass der Betrachter an deren äußerem Erscheinungsbild bereits erkennen kann, was sie zum Inhalt haben. Dadurch kann aus der Schrift ein Bild entstehen. Kalligrafie ist eine intellektuelle Kunst – Inhalt und Form sollen eine harmonische Einheit bilden.

Paul: Wie in anderen Künsten, gibt es auch im Bereich der Kalligrafie eine Bandbreite an Arbeitstechniken und -geräten. Mit welchen Utensilien (Pinsel, Zeichen-, Rohrfeder usw.) und auf welchem Schreib- bzw. Malgrund arbeiten Sie am liebsten?

Pieper: Papier ist mein eigentliches Lieblingsmaterial, da es im Gegensatz zur Leinwand beweglich ist. Ich bevorzuge dabei vor allem Büttenpapiere, auch handgeschöpfte, leichte chinesische oder japanische Papiere. Und bei den Schreibinstrumenten greife ich gerne auf Ziehfedern zurück, die früher beim technischen Zeichnen Verwendung fanden und die mir heute bei ausdrucksstarken Schriftzügen einen großen Dienst erweisen.
 
Daneben schreibe ich sehr gerne mit chinesischen oder japanischen Pinseln, unter denen jeder seine Eigenheiten hat, was nicht zuletzt auf die unterschiedlichen Tierhaare zurückzuführen ist. Für mich besitzt jeder Pinsel eine Seele! [Bei diesen Worten streicht Katharina Pieper behutsamen mit dem Finger über einen ihrer wertvollen Pinsel, die sie mir gezeigt hat.] Gerne schreibe ich natürlich mit den breiten Federn, und hier allen voran der Bandzugfeder. Insbesondere, wenn es um ganz präzise, kleine Schriften geht, gibt es nichts Besseres.

Paul: Beim Betrachten Ihrer Bilder spielt neben der Farb- und Formwirkung der Schrift und des gemalten Grundes die Sprache, d.h. der Wortsinn, eine wichtige Rolle. Welchen Themenbereichen wenden Sie sich in Ihren Schriftbildern vorrangig zu und warum?

Pieper: Ich beziehe in meine Arbeiten spirituelle Texte jeglicher Art ein. Gerade die fernöstlichen Texte sind in ihrer Essenz ungemein kraftvoll und besitzen eine unglaublich vielfältige Symbolik. Man muss mit Texten in Resonanz treten, so dass man bewegt, berührt und auf eine wunderbare Weise überrascht wird. Es ist für mich einfach faszinierend, wie beispielsweise Laotse Lebensweisheiten in einer solch klaren, pointierten Weise darstellen konnte. In japanischen Haikus finde ich in komprimiertester Form Stimmungen in Symbolform wiedergegeben. Aber auch Texte von Mystikern und Mystikerinnen, wie z.B. Hildegard von Bingen, finden immer wieder Eingang in meine Arbeiten... Manchmal beziehe ich sogar wissenschaftliche, wie etwa medizinische Texte ein, aber gelegentlich lasse ich mich auch von den Ausstellungsräumen zu neuen Arbeiten inspirieren. Und in den letzten Jahren fließen durchaus auch eigene Texte auf Papier oder Leinwand, die ich noch gar nicht so lange als Ausdrucksmittel nutze.

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Paul: Haben Sie bei Beginn einer Arbeit eine konkrete Vorstellung dessen, was als Endprodukt entstehen soll, oder entwickelt sich die Idee erst allmählich im Entstehungsprozess? Welche Rolle spielen dabei Intuition und Emotionalität?

Pieper: Die Idee vom Bild ist auf jeden Fall da, aber sie kann sowohl vage als auch ganz genau sein. Im Prozess des Schreibens – und Schreiben ist immer ein höchst komplexer Vorgang - entwickelt sich das Gesamtbild nach und nach. Im Grunde arbeite ich am liebsten spontan und intuitiv, doch je nach Art der Ausführung einer kalligraphischen Arbeit muss ganz exakt gearbeitet werden. Allein das Linienziehen und das Ausrechnen der Textmenge für präzise, lesbare Texte nimmt oft mehr Zeit in Anspruch als das Schreiben selbst. Bei meiner Art, kalligraphisch zu schreiben, halten sich Emotionalität und Spontaneität die Waage mit der genauen Beobachtung und der disziplinierten Schreibweise.

Katharina Pieper   Der Zauberlehrling (Ausschnitt), Aquarell und Gouache/Büttenkarton, 70 x 100 cm Text: Johann Wolfgang von Goethe © Katharina Pieper 2007

Katharina Pieper
Der Zauberlehrling (Ausschnitt)
Aquarell und Gouache/Büttenkarton, 70 x 100 cm
Text: Johann Wolfgang von Goethe
© Katharina Pieper 2007


Paul: In der Arbeit »Der Zauberlehrling« haben Sie sehr akkurat gearbeitet und der Feder kaum die Möglichkeit zum Ausbrechen aus der bestehenden Ordnung gegeben...

Pieper: Ja, das ist richtig. Aber im Gegensatz dazu geht es mir in anderen Arbeiten beispielsweise um die Entwicklung zeitgenössischer Schriften, die ich immer wieder neu zu erfinden suche.

Wir leben heute im Jahr 2008 und nicht im Mittelalter, so dass ich mit und in der Schrift neue Ausdrucksmöglichkeiten suchen, neue Formen für die Zeichen des Alphabets entwickeln möchte. Jeden Tag erfinde ich auf diese Weise neue Buchstaben – es ist unglaublich spannend, was man immer wieder an neuen Formen entdeckt. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Erst wenn ich weiß, welche Formprinzipien ein kompletter Zeichensatz eines Alphabets bekommt, so dass ein Buchstabe formal mit den anderen harmoniert, kann ich bewusst Kontraste gestalten. Für mich ist neben der Form auch die Farbe ein wichtiger Faktor in meiner Arbeit. Dabei suche ich für mich eine Einheit von Form und Farbe, wie etwa bei der Arbeit »Impressionen des Herzens«. Hier waren Monets herrliche Gärten in Giverny der Ideenauslöser. Der Malgrund und die Schrift verschmelzen, bilden eine Einheit – die Textur ist mit der Farbe des Hintergrundes regelrecht verwoben. Der Schriftrhythmus verschmilzt mit dem Pinselduktus, wobei ich neben den koloristischen Harmonien auch Kontraste gesetzt habe, etwa einen Komplementärkontrast, wenn ich die rote Schrift über den grünen Grund schweifen lasse.

Katharina Pieper   Impressionen des Herzens, Acryl und Gouache/Leinwand, 80 x 80 cm Text von K. Pieper © Katharina Pieper 2005

Katharina Pieper
Impressionen des Herzens
Acryl und Gouache/Leinwand, 80 x 80 cm
Text von K. Pieper
© Katharina Pieper 2005


Paul: Und welchen Text haben Sie hier gewählt?

Pieper: Hier sind eigene Texte in den Malprozess eingeflossen.

Paul: Dadurch ist die Verhaftung der Schrift im Malgrund noch größer, oder?

Pieper: Ja, genau! Von der Form des Pinselzuges kommen plötzlich Worte – vielleicht bin ich Synästhetikerin [Katharina Pieper lacht und fährt ernst fort.] Aber genau diese Verschmelzung ist für mich Kunst. Wenn ich Farben sehe, kommen mir Worte in den Sinn. Monets Garten, die Jahreszeit und die Hitze, die zum Zeitpunkt meines Besuches herrschten, waren der Auslöser für die Stimmung des Bildes, und die Worte sind einfach aus meiner Feder geflossen.

Paul: Ihre Arbeiten sind in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten und werden regelmäßig rund um den Globus in Ausstellungen gezeigt. Dabei kommen Sie sicher auch mit vielen anderen Künstlern in Kontakt... Kann es auf diese Weise zu spannenden Reibungspunkten kommen, die sich später in Ihren eigenen Arbeiten fruchtbar niederschlagen?

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Pieper: In Gesprächen mit Kollegen und beim Besuch von Kunstausstellungen nehme ich immer wieder Fruchtbares mit in die eigene Arbeit. Es gibt ganz ausgezeichnete Kalligrafen - nicht allzu viele allerdings. Für die meisten ist Schrift allein die reine Form, und hier habe ich schon so manche Streitgespräche geführt. [Die Künstlerin nickt vielsagend.] Jeder Kalligraf hat seine eigenen Ansichten, und von den besten unter ihnen lerne ich ständig. Ich nehme auch immer wieder an Workshops teil, um mich weiter zu entwickeln, meine Formqualitäten zu verbessern und eben den Schritt hin zur Schrift als »meiner« Kunst zu machen.

Paul: Gibt es für Sie künstlerische Vorbilder?

Pieper: Ich würde nicht direkt von Vorbildern, sondern von Inspirationsquellen sprechen. Und eine solche bildet für mich beispielsweise der chinesische Künstler Zao Wou-Ki. Als ich seine Bilder erstmals gesehen habe, wurde in mir etwas ausgelöst – ich war bewegt. Daneben finde ich Antoni Tàpies mit seinem kraftvollen Pinselstrich oder die Werke von Emil Schumacher ungemein faszinierend. In der Kalligrafie eher unbekannt, aber für meine künstlerische Entwicklung von großer Bedeutung, war die Buchbinderin und Schriftkünstlerin Eva Aschoff. Sie hat durch die Farbe auf dem Bild- und Schriftträger einen »Seelenraum« entworfen, wie es bis dato niemand in dieser Form getan hatte. Von solchen künstlerischen Anstößen entwickele ich mich weiter, finde aber immer wieder zu meinen Wurzeln zurück.

Paul: Und diese Wurzeln sind auch in der Kalligrafie einzigartig, denn bislang entwirft außer Ihnen kein anderer Künstler derartig farbgewaltige Schriftbilder, oder?

Pieper: Ja, da gehe ich meinen ganz eigenen Weg. [Lacht.]

Paul: Einen Weg, der mit viel Disziplin gegangen wird. Spielt da auch die fernöstliche Philosophie hinein?

Pieper: Ja, ganz bestimmt! Etwas zur Perfektion treiben, dabei aber auch Niederlagen einstecken zu können, dann aber immer wieder aufstehen und weiterarbeiten, das beschreibt meine Arbeit sehr gut, und da kann der Einfluss der fernöstlichen Philosophie sicher nicht geleugnet werden.

Paul: Mit dem Franzosen Jean Larcher, einem Spezialisten auf dem Gebiet der »Englischen Schreibschrift«, haben Sie schon öfter zusammengearbeitet, etwa bei der Publikation »Texturen des Herzens«, wobei der unterschiedliche Umgang mit Schrift ins Auge sticht. Worin sehen Sie markante Abgrenzungen bzw. Parallelen?

Pieper: Dass unsere Arbeiten sich unterscheiden, ist augenscheinlich, aber diese starken Kontraste ergänzen sich sehr gut. Während Jean Larchers Annäherung an Schrift eher typographischer Natur ist, gehe ich malerisch und eher intuitiv an die Arbeit. Ich vergleiche das gerne mit zwei Polen: dem männlichen, von der Ratio dominierten und dem weiblichen Pol, bei dem das Emotionale im Vordergrund steht. Allerdings versuche auch ich eine Balance zwischen intuitiv-freiem und diszipliniert-präzisem Arbeiten herzustellen.

Paul: Ihre Schriftbilder, etwa in der Ausstellung »Sommernachtstraum – Geschriebene Bilder« in der galerie m beck, erinnern an geheimnisvolle, meditative Traumlandschaften. Den Betrachter zum Träumen und Nachdenken animieren – ist das ein Anliegen Ihrer Kunst?

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Pieper: Ja, ganz genau. Doch meine Arbeiten sollen auch eine Botschaft vermitteln – ich möchte die Menschen für Kalligrafie, aber auch für den Inhalt der Texte begeistern. Dabei gibt es eine gewisse Wechselwirkung: Begeisterte Leser sollen an Kunst und kunstinteressierte Menschen an Texte herangeführt werden. Die rhythmischen Strukturen sollen den Betrachter anziehen und ihm zeigen, wie ungemein aufschlussreich das eigene Schreiben sein kann. Man entdeckt Dinge in sich, von denen man gar nicht wusste, dass man sie besitzt. [Lacht.]

Paul: Was bedeutet es für Sie, künstlerisch tätig zu sein?

Pieper: Ich empfinde es zunächst einmal als Privileg, mich künstlerisch ausdrücken zu dürfen... Wenn eine Arbeit fertig ist, dann ist für mich ein Kind geboren. Ich arbeite immer aus vollem Herzen, lasse mein Herzblut einfließen, und wenn solche emotionalen Prozesse in den Bildern eingeschlossen sind, dann fällt es mir oft sehr schwer, mich von ihnen zu trennen – ich musste im Laufe der Zeit lernen, Abschied nehmen zu können. Ich bin ein Teil meiner Kunst, und das bindet mich an sie!

Paul
: Und nun noch eine abschließende Frage: Gibt es aktuell Pläne für neue Ausstellungen und Workshops?

Pieper: Ja. Ich bereite gerade Arbeiten für eine internationale Kalligrafieausstellung in St. Petersburg sowie für die Ausstellung »Klänge des erwachenden Wassers« in Korea vor, wobei Sie hier schon einige der auszustellenden Werke sehen können. Daneben werde ich ab September wieder Workshops in Hamburg, aber auch hier im Saarland anbieten.

Paul: In diesem Sinne wünsche ich Ihnen bei Ihren zahlreichen Projekten viel Erfolg und möchte mich für dieses spannende Gespräche sowie die Einblicke, die Sie mir hier in Ihrem Atelier gewährt haben, bedanken!

Sämtliche Abbildungen und Fotos wurden von Katharina Pieper zur Veröffentlichung im Portal Kunstgeschichte freigegeben.

Weitere Informationen

Mitgliedschaften

Allianz Deutscher Designer AGD, Deutscher Presseverband DPV, Letter Exchange (London), Schweizerische Kalligrafischen Gesellschaft SKG, in der belgischen Gesellschaft »Kalligrafia«, bei »Scriptores« (Belgien/Niederlande), Vereinigung der Freunde des Klingspor-Museums Offenbach, der Gutenberg-Gesellschaft Mainz, der Gesellschaft für Deutsche Schrift und Sprache und Fellow Member der Calligraphy and Lettering Arts Society CLAS (London), 2007 Ernennung zum Honoured Fellow Member of CLAS.

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Ausstellungen (Auswahl)

1989 Letters op Papier, in Steen &in Glas, 3. Int. Ausst. Kalligrafie, Brügge – BELGIEN
1990 Büchergilde Gutenberg, Wiesbaden – DEUTSCHLAND (Einzelausstellung)
1991 Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken – DEUTSCHLAND (Einzelausstellung)
1991 Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/Main – DEUTSCHLAND (Einzelausstellung)
1992 4. Internationale Kalligrafieausstellung, Brügge – BELGIEN
1993 Galerie Papierkunst, Köln – DEUTSCHLAND
1993 »Stille Hommage aan Jef Boudens«, Biekorfbibliotheek, Brügge – BELGIEN
1994 Cultureel Centrum Westerlo, Westerlo – BELGIEN
1994 Altes Schloss (Kunstverein), Dillingen – DEUTSCHLAND (Einzelausstellung)
1995 »Letters, Letters«, 5. Internationale Kalligrafie-Ausstellung, Brügge – BELGIEN

1995 Museum Meermanno Westreenianum - Int. Kalligrafie-Tentoonstelling, Den Haag – BELGIEN
1995 Sommerakademie Pentiment, Ausstellung der Gastprofessoren, Hamburg – DEUTSCHLAND
1995 Galerie Greip, Reykjavik – ISLAND (Einzelausstellung)
1995 Pagine di Viaggio, Fondazione Giacomo Costa – ITALIEN
1995 MAIRIE « Calligrafies sur Pasteur », Morez – FRANKREICH
1995 Belle Lettere, Cittadella – ITALIEN
1996 Niedersächsische Landesbibliothek, Hannover – DEUTSCHLAND (Einzelausstellung)
1996 »Schrift in Stein & Kalligrafie«, Werkstatt Oswald Schneider, Siegburg – DEUTSCHLAND
1996 »Calligrafugue«, Bibliothèque Obernai – FRANKREICH
1997 Internationale Ausstellung d. Künstlerbücher u. Handpressendrucker IAKH, Leipzig – DEUTSCHLAND
1997 Buch-Galerie Silvia Umla, Völklingen – DEUTSCHLAND
1998 Internationale Kalligrafie-Ausstellung, Cultureel Centrum (1. Preis, Westerlo – BELGIEN
1998 6. Internationale Kalligrafie-Ausstellung, Brügge – BELGIEN
1999 Universitäts- und Stadtbibliothek Köln – DEUTSCHLAND (Einzelausstellung)
1999 Internationale Kalligrafieausstellung, Berchtold Villa, Salzburg – ÖSTERREICH
1999 CLAS Festival of Calligraphy, Worchester – ENGLAND
2000 Klingspor-Museum: Schriftkunst des 20. Jh., Offenbach – DEUTSCHLAND
2000 Museum van het boek, Moderne japanische und westliche Kalligrafie, Den Haag – NIEDERLANDE
2000 Kunstgalerie Venus van Milo – BELGIEN
2000 »Experiment«, Faculty Exhibition, Sonoma State University – USA
2001 Galerie Rosenkranz, Chemnitz – DEUTSCHLAND
2001 Bellville Art Gallery, Kapstadt – SÜDAFRIKA (Einzelausstellung)
2001 Orangerie, Blieskastel – DEUTSCHLAND (Einzelausstellung)
2001 Mostra Internazionale di Calligrafia Creativa, Pistoia – ITALIEN
2001 Musée des Beaux Arts, Le Locle – SCHWEIZ
2002 Homburg, Galerie im Kulturzentrum Saalbau – DEUTSCHLAND (Einzelausstellung)
2002 Living Letters, Fellows of the Calligraphy and Lettering Arts Society, London – ENGLAND

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2003 Café Kanne, »Jazz & Blues«, Neunkirchen – DEUTSCHLAND (Einzelausstellung)
2003 Schriftmuseum Pettenbach bei Linz – ÖSTERREICH (Einzelausstellung)
2004 Galeria Materialimmagini, Mostra di Calligrafia contemporanea, Macerata – ITALIEN
2005 VIDICAL - International Calendar Exhibition, Warschau – POLEN
2005 Sanomatalo - Internationale Kalligrafie-Ausstellung, Helsinki – FINNLAND
2005 2nd International Collage Exhibition, Gallery Kaire Desine, Vilnius – LITAUEN
2005/2006 »Texturen des Herzens« Galerie HerzZentrum Völklingen – DEUTSCHLAND
2006 Galerie Beck, »Sommernachtstraum«, Homburg/Saar – DEUTSCHLAND
2006 Exposition de Calligrafie Internationale, Cultures 21, Terville – FRANKREICH
2006 »Giacomo Leopardi«, Mostra di Calligrafia contemporanea, Recanati – ITALIEN
2006 »Hommage an das Buch«, Kulturcafé Homburg/Bibliothek, Homburg - DEUTSCHLAND
2007 Kulturhaus Alte Schreinerei, »Wassergesänge« Hillesheim (solo show with J.L.) – DEUTSCHLAND
2007 »Texturen des Herzens« Galerie HerzZentrum Dresden (solo show with Jean Larcher) – DEUTSCHLAND
2007 Poesie der Rosen, Bibliotheca Bipontina; Zweibrücken, (solo show with Jean Larcher) – DEUTSCHLAND
2007 »Die Frau im Licht«, Frauenbibliothek Saarbrücken – DEUTSCHLAND (Einzelausstellung)
2008 International Exhibition of Calligraphy, St. Petersburg State Academic Institute of Painting, Sculpture and Architecture – RUSSLAND
2008 Seoul Art Gallery, Klänge des erwachenden Wassers – KOREA
2008 CALLIFEST, Exhibition/Demonstration/Workshop/Lectures, Sir J.J. School of Art, Mumbai - INDIEN

Veröffentlichungen (Übersicht)

1991 Buch »Schrift Schreiben«, Reihe Novum praxis, Bruckmann-Verlag München
1996 Katalog »Worte werden Bilder« (Ausst. Niedersächsische Landesbibliothek Hannover)
2000 »Alles fließt – Words in Flow«, K. Pieper-Edition Homburg
2001 »Es streift die Zeit ganz leise meinen Atem« (mit Henning Sabo). Verlag Fechner-Sabo, Mainz
2002 »Flattergeräusche« (mit Ingo Cesaro), Kleiner Dorfverlag, Rausdorf
2005 »Texturen des Herzens« (mit Jean Larcher), K. Pieper-Edition Homburg

Kalender

1990  12 Japanische Haikus, Black Letter Press, Bad Friedrichshall
1999  Worte werden Bilder, K. Pieper-Edition, Homburg
2000  Elemente, K. Pieper-Edition, Homburg
2001  Alles fließt, K. Pieper-Edition, Homburg
2002  East meets West, K. Pieper-Edition, Homburg

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