Ausstellungsbesprechungen

Ein kleiner Rundgang durch die Spinnereigalerien in Leipzig

Es ist immer wieder unglaublich, was für eine künstlerische Vielfalt sich auf dem Areal der ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig tummelt. Rowena Fuß nimmt Sie auf einen kleinen Spaziergang über das Gelände mit.

Bei herrlichem Frühlingswetter und Sonnenschein lässt es sich ganz wunderbar flanieren. Das haben schon Goethe und Schiller so gemacht. Herausgekommen ist dabei auch beachtliches. Die klassischen prägenden Kräfte unserer Heimat ersetzt Rosi Steinbach in der Filipp Rosbach Galerie unter dem Titel »Kunst und Heimat« durch einige neue: eine Inuit-Maske, Darth Vader, Guy Fawkes, eine Maske der Ticuna und eine Perchtenmaske. Mit der Werkgruppe macht sie auf einen Bedeutungs- und Gebrauchswandel der Masken aufmerksam. Guy Fawkes ist heute beispielsweise das Symbol der Hacker-Gemeinschaft Anonymus, aber auch so mancher Occupy-Aktivist trägt das vermeintliche Gesicht des englischen Parlamentsbombers aus dem 16. Jahrhundert. Eine schlappohrige Hundemaske verweist hingegen auf das Indiovolk der Ticuna in Brasilien, das solche Masken nun an Touristen verkauft. Ursprünglich dienten sie einem Initiationsritus. Durch die Bemalung mit Goldlüster bekommen die Masken überdies eine höhere Wertigkeit. Insgesamt machen sie den Kreislauf von Verlust bzw. Verkauf von Tradition und Wiederbelebung von Tradition deutlich. Daneben finden sich auch Keramiken bedeutender Leipziger Bürger wie Dr. Hennebach, ein bekannter einheimischer Kunstsammler und -förderer. Es ist eine absolut sehenswerte Ausstellung, die Sie sich nicht entgehen lassen sollten!

Mit junger Kunst geht es in der Galerie Eigen + Art weiter. Diese wurde bis 1989 sogar als illegales Unternehmen geführt. Seit 2005 befindet sich die Galerie auf dem Gelände der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei. Revolutionär sind die ausgestellten Werke aber geblieben. Zurzeit kann man hier die Malereien, Videoarbeiten, Installationen und Fotografien von Sven Braun, Daniel Lezama, Marcel Odenbach, Cornelia Parker und Kai Schiemenz bestaunen. Zur Verfügung steht dazu nicht nur ein Teleskop, das nach Art von William Turner eher gewischt als deutlich gemalt daherkommt. Der gebürtige Mexikaner Daniel Lezama präsentiert außerdem mythenbehaftete indigene Figuren seiner Heimat, die mal meditativ mit Perlentropfen in den Hände kauern, mal von Schlangen aus ihrem Unterleib erwürgt werden, während sie blau gefärbt Kopf stehen. Untermalt werden diese Szenen mit Abbruchgeräuschen aus einem Video von Marcel Odenbach, das den Mauerfall 1989 zeigt.

Flugs geht es nun in die maerzgalerie, wo Positionen, die sich kontinuierlich und eigenständig entwickeln bzw. erneuern zu sehen sind. So präsentieren hier aktuell Sophia Schama und Tobias Köbsch unter dem Titel »Spoiler« ihre Werke. Ein Knäuel aus Wurzeln, ein abgesägtes Papphaus und die Sedimente unserer Konsumgesellschaft finden sich hier genauso wie ein Zeitungsleser, der den Kopf von Jesus hat. Sie stellen gewohnte physikalische und logische Strömungsverläufe außer Kraft und führen genauso wie im Autotuning — darauf verweist der Titel — neue ästhetische Stromlinien ein.

Zuletzt führt der Rundgang in die Galerie Kleindienst. Sie stellt vorwiegend junge Künstler aus Leipzig aus. Das Programm ist auf zeitgenössische Kunst in den Gebieten Malerei, Fotografie, Video, Installation und Neue Medien ausgerichtet. Unter dem Titel »Das Loch in der Wand« zeigen Annette & Erasmus Schröter aktuell kleine Universen aus Papierschnitten sowie Gothics, die wie Doppelgänger des amerikanischen Schockrockers Marilyn Manson wirken. Erasmus Schröter zelebriert mit den abgelichteten Gothics in seinen Bildern Dinge, die am Rande, in Dunkelheit existieren. Ihre auffälligen Outfits lassen die Abgelichteten jedoch untereinander in Konkurrenz treten und um Aufmerksamkeit heischen. Dabei fallen sie unter "normalen" Bürgern bereits stark auf. Es geht hier jedoch vermutlich um die eigene Individualität und kreative Umsetzung des Dress-Codes, der die Subkultur auszeichnet. Man möchte aus der Menge der anderen Gothics herausfallen und betont das eigene Individuum.