Reiseberichte

Ein Museums- und Atelierbesuch bei Martiros Sarjan

Auf einer Reise nach Armenien ist unser Autor Rainer K. Wick auch am bedeutendsten Künstler des Kaukasusstaates nicht vorbeigekommen: Martiros Sarjan (1880-1972). Entdecken Sie einen im Westen relativ unbekannten Künstler der Moderne!

Sarjans Atelier in Jerewan ©  Foto: Rainer K. Wick Martiros Sarjan, Abend im Garten, 1903 © Foto: Rainer K. Wick Martiros Sarjan, Aragaz, 1925 ©  Foto: Rainer K. Wick Martiros Sarjan, Diesiger Herbsttag, 1928 ©  Foto: Rainer K. Wick
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Im April des Jahres 1915 begann der Genozid an den osmanischen Armeniern, der von der offiziellen Türkei immer noch hartnäckig geleugnet wird. Die Erinnerung an das damalige Leid der armenischen Zivilbevölkerung lastet bis heute als historische Hypothek auf dem tief traumatisierten Land, das sich als kaukasischer Binnenstaat – umringt von Georgien, Aserbaidschan, dem Iran und der Türkei – in einer geopolitisch schwierigen Lage befindet.

Wer durch Erivan (Jerewan), die Hauptstadt Armeniens, schlendert, spürt allerdings kaum etwas von den Schatten der Vergangenheit und dem gegenwärtig zum Teil spannungsreichen Verhältnis zu den Nachbarländern. Passiert man das repräsentative Opernhaus, stößt man auf einen Bildermarkt, der unter freiem Himmel stattfindet – von „Kunstmarkt“ zu sprechen, wäre für die meist harmlosen, oft auch unsäglich kitschigen Bilder, die hier feilgeboten werden, zweifellos zu viel der Ehre. Dominiert wird dieser Bildermarkt von einer großen Sitzfigur aus Marmor, die in ihrem pathetischen Habitus eher ins 19. Jahrhundert als in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zu gehören scheint. Sie zeigt mit energischen Gesichtszügen, genialischer Mähne und dem entschlossenem Gestus des Tatmenschen Martiros Sarjan, den bedeutendsten modernen Maler des Landes. Folgt man einige hundert Meter einem der breiten Boulevards der armenischen Hauptstadt, steht man auch schon vor dem Eingang des Martiros Sarjan Museums, das noch zu Lebzeiten des Künstlers als Um- und Erweiterungsbau seines Privathauses entstand und in dem der Maler bis zuletzt lebte und arbeitete.

Das Missverhältnis zwischen mir als dem einzigen Besucher und dem zahlreich anwesenden, überaus freundlichen, aber nur ausnahmsweise einer Fremdsprache mächtigen Aufsichtspersonal hätte nicht größer sein können. Erneut bestätigt sich der Eindruck, dass die Arbeitswelt auch im postsozialistischen Armenien, das 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion unabhängig wurde, nach dem Muster einstiger Ostblock-Praktiken nicht unbedingt an Effizienzkriterien zu messen ist. Doch das nur am Rande.

Die Räume des Museums bieten einen repräsentativen Querschnitt durch sieben Jahrzehnte intensivster künstlerischer Arbeit, und das große, hallenartige Atelier, in dem nach dem Tod des Künstlers alles so belassen wurde, erzeugt den Eindruck, als sei der Meister unmittelbar gegenwärtig. An den Wänden des hellen Raumes hängen dicht gedrängt meist kleinere Formate – Porträts, Landschaftsbilder, Stillleben –, auf der Staffelei steht eine starkfarbige armenische Landschaft, auf einem Stuhl liegt griffbereit der blaue Malkittel, ein kleiner runder Beistelltisch dient als Ablage für Pinsel und zwei Paletten, in den Regalen findet sich ein Teil der Bibliothek.

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Sarjan, geboren 1880, begann 1897 in Moskau ein Kunststudium, das er 1903 abschloss. Anfänglich dem europäischen Symbolismus nahestehend, entwickelte er schon im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts einen starkfarbigen, flächenbetonten, expressiven Malstil, der zu seinem Markenzeichen wurde und an dem er – mit gewissen Modifikationen – zeitlebens festhielt. Dass Sarjan schon früh zum inneren Kreis der russischen Avantgarde gehörte, ist dem Almanach »Der Blaue Reiter«, 1912 herausgegeben von Wassily Kandinsky und Franz Marc, zu entnehmen. In dem Artikel »Die ‚Wilden’ Rußlands« von David Burljuk wird Sarjan in einem Atemzug mit Larionow, Maschkoff, Gontscharowa und den im „Ausland“ (sprich Deutschland) lebenden russischen Künstlern Kandinsky, Jawlensky und Werefkin genannt.

Die Gelegenheit, die neueste Kunst des Westens zu studieren, bot sich Sarjan durch die russischen Kunsthändler Schtschukin und Morosow. Schtschukins Sammlung umfasste im Jahr 1914 mehr als zweihundert Werke der französischen Impressionisten und Nach-Impressionisten und jeweils über fünfzig Arbeiten von Matisse und Picasso, darunter exemplarische Werke aus Matisses Fauve-Periode und Picassos letzter Phase des analytischen Kubismus.

Zwar hat Sarjan betont, dass ihn die »Bekanntschaft mit den Franzosen beflügelt« habe, und zu Matisse scheint er eine besondere geistige Nähe gespürt zu haben, doch ist ein farbintensives und spontan gemaltes Bild wie »Abend im Garten« so etwas wie ein Fauvismus avant la lettre, entstand es doch schon 1903, also zwei Jahre bevor die „Fauves“ im Pariser Herbstsalon des Jahres 1905 Furore machten.

Von eminenter Bedeutung für die Entwicklung des Œuvres von Sarjan war die Volkskunst, mit der sich der Künstler auf langen Reisen nach Istanbul (1910), Ägypten (1911), Nordwestarmenien (1912), Persien (1913) und Südarmenien (1914) regelmäßig konfrontiert sah. So tauchen in seinen Gemälden ab 1910/11 neben ägyptischen Masken häufig Motive auf, die dem bäuerlichen Lebenskreis entstammen. Diese Bilder sind Ausdruck seiner Heimatliebe und seiner lebenslangen Verehrung einer Kultur, die ihm – ähnlich wie anderen Künstlern seiner Generation – unverbraucht bzw. unverfälscht und insofern als Bezugspunkt für eine Erneuerung der Kunst als besonders tauglich erschien.

Natürlich ist die Kunst Sarjans nicht die eines abstrakten oder gegenstandslosen Künstlers, sondern sie bleibt immer an eine äußere Realität gebunden. Diese wird jedoch nie platt abgebildet oder ideologisch überhöht, sondern künstlerisch umgeformt. Wesentliches Werkzeug dieser ästhetischen Transformation ist bei Sarjan die Farbe. Nie verwendet er die Farbe naturalistisch, sondern fast immer expressiv gesteigert, und das bedeutet, als autonomes Gestaltungsmittel; er spricht in diesem Zusammenhang auch von der »Möglichkeit zur freien und ungezwungenen Handhabung der Farbe«.
Gleichzeitig verzichtet er auf jede kleinteilige Wiedergabe von Einzelheiten und bevorzugt es, die Formen mit kräftigen Pinselstrichen großzügig flächenhaft zusammenzufassen.

Dies gilt vor allem für seine armenischen Landschaften, die er tektonisch gliedert und nicht selten zu monumentaler Wirkung bringt, etwa »Aragaz« von 1925 (es handelt sich bei diesem Viertausender um den höchsten Berg der Republik Armenien) oder »Diesiger Herbsttag« von 1928 mit dem schneebedeckten Ararat.

Vertieft man sich in die Landschaften des Künstlers, in denen als Motive manchmal auch die herrlichen armenischen Klosteranlagen und Kirchenbauten auftauchen, so wird man sich tatsächlich der zuweilen geäußerten Auffassung anschließen können, Armenien lasse sich über die Bilder Sarjans kennenlernen. Umso bedauerlicher ist es, dass die Veranstalter von Reisen in dieses sympathische Land Kaukasiens einen Besuch des Martiros Sarjan Museums in Erivan nicht auf ihrem Programm haben. Dass eine Visite allemal lohnt, zeigen überdies nicht nur die farbkräftigen, gleichsam sonnendurchglühten Landschaften, sondern auch jene Gemälde, die Sarjan als einen exquisiten Porträtisten ausweisen, dem es gelang, mit den Mitteln einer expressiven und dabei zugleich gebändigten Formen-Farbensprache das Typische seiner Modelle treffend zu erfassen.