Ausstellungsbesprechungen

Ein Rausch aus leuchtenden Farben - Die brasilianischen Künstler Delson Uchôa und Jose Bechara im Ludwig Museum in Koblenz, bis 24. Januar 2016

Beeindruckende Farben, Verweise auf kulturelle Traditionen und innovative Zugänge, das bieten die Werke von Delson Uchôa und Jose Bechara. Während Uchôa der Seidenmalerei ein modernes Antlitz gibt, beruft sich Bechara auf Bewegungen wie den Konstruktivismus – zwei unterschiedliche Positionen, denen das Spiel mit der Farbe gemein ist. Susanne Braun haben die intensiv leuchtenden Farben an einem verregneten Wintertag mit ihrer Lebensfreude angesteckt.

Sie arbeiten mit ganz unterschiedlichen Materialien, Delson Uchôa und Jose Bechara aus Brasilien, dennoch ist ihnen eines gemeinsam: der unglaubliche Farbenreichtum, der sich in seiner ganzen Intensität erst bei intensiver Betrachtung der Kunstwerke eröffnet. Die Arbeiten beider Künstler sind gleichermaßen innovativ wie in ihrer regionalen Herkunft begründet und knüpfen darüber hinaus an große Strömungen der Kunstgeschichte an. Während Delson Uchôas grell bunte Collagen nicht zuletzt als zeitgenössische Antworten auf die Jahrhunderte alte Tradition der Seidenmalerei verstanden werden können, experimentiert Jose Bachara vor allen Dingen mit Formen und Techniken des Konstruktivismus und der de Stijl-Bewegung.

Die Verschmelzung unterschiedlichster kultureller Einflüsse zu bis dahin unbekannten Ausprägungen ist eine brasilianische Eigenheit oder, wie Agnaldo Farias es im Katalog zur Ausstellung formuliert, Brasilien ist eine zu Innovation und Modernität »verdammte« Nation. Als die portugiesischen Kolonialherren im 17. Jahrhundert das Land in Besitz nahmen, gab es dort keine großen Siedlungen wie etwa in den Gebieten der Maya oder Inka in Mittelamerika. Das Land war vergleichsweise dünn besiedelt und bot scheinbar viel Platz für unterschiedlichste Neuankömmlinge. Portugiesen, Franzosen, Briten, Holländer, Deutsche, Siedler aus Asien oder freigelassenen Sklaven bis hin zur Urbevölkerung lebten plötzlich in unmittelbarer Nachbarschaft und kamen in Kontakt, wenn auch nicht immer freiwillig. Durch die sprunghaft wachsende Anzahl der Bevölkerung war ein reger Austausch auf allen Ebenen notwendig, der nicht nur auf künstlerischer Ebene einzigartige Verschmelzungen hervorbrachte. Ein Prozess, der allerdings auch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem kulturellen Austausch aufweist, der jahrhundertelang auf dem längsten und berühmtesten aller Handelswege, der Seidenstraße, stattfand, der dem sagenumwobenen und wertvollsten dort gehandelten Gut seinen Namen verdankt: der Seide.

Viele der großformatigen Bilder Delson Uchôas tragen ein bestimmtes gestalterisches Element in sich: den Kreis. Die Form wird in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet, mal deutet er die Sonne an, dann eher Blütenkelche oder das Kinderspiel »Ringelreihen«. In vielen Fällen ist der Ursprung der Kreisform deutlich zu erkennen: die runde Bespannung für einen Sonnenschirm, in deren Mitte oft auch noch ein kleiner Teil des Stocks aus dem Bild ragt. Die farbenfroh schillernde Gestaltung erinnert nur noch entfernt an Seide, die viele Jahrhunderte lang zu den Stoffen mit der intensivsten und extravagantesten Farbgebung gehörte. Waren Seidenschirme früher in sorgfältiger Handarbeit hergestellt, sehr lichtempfindlich und dem Adel vorbehalten, stammen die Sonnenschirme aus Kunstseide von heute, die Delson Uchôa verwendet, aus billiger brasilianischer Massenproduktion und sind fast unverwüstlich. Auch die verwendeten Motive, meist leuchtend bunte Blumen, erinnern kaum noch an die traditionelle Seidenmalerei, sondern zeugen von einer anderen Ästhetik und stellen eine der typisch brasilianischen »Verschmelzungen« dar.

Manche Arbeiten Delson Uchôas zeigen streng geometrische Muster und Strukturen, die oft an orientalische Ornamentik erinnern. Andere hingegen sind vergleichsweise chaotisch gestaltet, hinter ihrer Farb- und Formgebung lässt sich kein streng ordnendes Prinzip erkennen. Obwohl auch diese Bilder abstrakt sind, lassen die aus vielen kleinen Farbflächen zusammengesetzten unruhigen Strukturen aus Harz und Acryl sehr an Mosaike denken. Obwohl ihnen meist die klar umrissene geometrische Form fehlt, setzt sich auch in diesen Fällen der Gesamteindruck aus unzähligen kleinsten Teilchen zusammen. Gemeinsam ist allen Bildern eine kaum vorstellbare Leuchtkraft und Vielfalt der Farben, aus denen manchmal Melancholie, aber auch eine enorme Lebensfreude strahlt. Die Stimmung sowie viele gestalterische Prinzipien erinnern außerdem an die Bilder von Beatriz Milhaze, eine brasilianische Gegenwartskünstlerin, deren farbintensive Bilder ebenfalls in der Tradition von Ornamentik und Dekor stehen.

Obwohl sie ebenfalls sehr farbenfroh sind, stellen die Bilder von Jose Bechara einen deutlichen Kontrast zu den großformatigen Collagen aus Stoff, Harz und Acryl von Delson Uchôa dar. Hier sind die Farben deutlich weniger schillernd, die Formgebung weniger verspielt. Die in ihrer Farbgebung sehr unregelmäßigen Bilder werden durch klare Linien bestimmt, an manchen Stellen unterbrochen durch scheinbar zufällige Fehler in der sich stetig wiederholenden Grundstruktur. Insbesondre durch diese Störungen in Farbe und Struktur wirken die Bilder oft kaum wie das kontrolliert hergestellte Werk eines Künstlers, sondern eher wie die sich im Verfall befindenden rostigen Überbleibsel einer Fabrik oder eines Schiffs etwa. Doch der Schein trügt, tatsächlich stellt Jose Bechara die so authentisch wirkenden Effekte selbst aus Materialien wie oxidiertem Stahl oder Kupfer auf alter Persenning her. Dadurch entsteht eine matte, fast pudrige Farbgebung, die erstaunlich warm, intensiv und sehr unregelmäßig ist, wodurch sie gerade an alltäglich ganz ohne menschliche Intervention ablaufende Verfallsprozesse erinnern.

Nicht nur die Bilder erinnern mit ihrem informellen und streng strukturierten Aufbau an die de Stijl-Bewegung und den Konstruktivismus sowohl europäischer als auch brasilianischer Prägung. Viele seiner Skulpturen sind ebenfalls in einer streng geometrischen Grundform gehalten: dem Quadrat. Die unterschiedlich gestalteten gleichschenkligen Vierecke sind aus matten und glänzenden Materialien hergestellt und laden, da sich die einzelnen Elemente ganz beliebig zusammenfügen lassen, zum Gestalten ein. Die hängenden Skulpturen hingegen bestehen aus einem plastischen Gegenstand, etwa einem bunten Quadrat oder einem silber glänzenden Kopf, in deren unmittelbare Nähe mehrere durchsichtige Scheiben aus Plexiglas gehängt sind. Von gleißenden Spots angestrahlt, werfen sie dunkle Schatten an die weiße Wand, das sich in dem Plexiglas bricht und dadurch in seiner Farbe verändert wird. Je nach Standpunkt des Betrachters verändert sich die Anordnung der Schatten und die Farbgebung. Selbst wenn die Konstruktion eine ganz andere ist, auch hier tauchen sie wieder auf, die geraden Linien und geometrischen Formen.