Reiseberichte

Eine Melange, bitte!

Wie bereits Hermann Bahr 1906 berichtete, »weiß Europa von Wien, dass dort immer Sonntag ist. Also, dass es die Stadt der Backhendel, der feschen Fiaker und der weltberühmten Gemütlichkeit ist«. Rowena Fuß hat der Donaumetropole einen Besuch abgestattet.

Drei Zeitungsleser im Café Bräunerhof © Foto: Rowena Fuß
Drei Zeitungsleser im Café Bräunerhof © Foto: Rowena Fuß

Ausgangspunkt meiner Erkundungen der Wiener Gesellschaft und der Kunstwelt am Dienstag ist das Museumsquartier. Hier befinden sich insgesamt neun Museen, Ausstellungs- und Veranstaltungshäuser auf einem Platz. Es ist damit eines der weltweit größten Kunst- und Kulturareale. Zugleich ist das Museumsquartier das urbane Wohnzimmer Wiens. Neben Terrassencafés, Bars, Shops und Ruhezonen laden die MQ Hofmöbel dazu ein, dort die Freizeit zu verbringen oder sich mit Freunden zu einem gemütlichen Treffen zu verabreden. Und so sieht man besonders am Abend viele Jugendliche dort sitzen. Aber auch älteren Mitbürgern kann man beispielsweise beim Backgammonspielen zusehen. Überhaupt spielt sich das kulturelle Leben in der Stadt meist im halböffentlichen Raum ab.

Dieses Jahr wurde der »MQ Summer of Fashion« ausgerufen. Das Museum moderner Kunst, oder kurz MUMOK, thematisiert in seiner großen Sommerausstellung »Reflecting Fashion« Kleidung und Mode als essentiellen Bestandteil von Kunst. Im freiraum quartier21 International wenige Schritte entfernt wird es mehr praktikabel und zugleich futuristischer: »Technosensual. where fashion meets technology« präsentiert elektronische Textilien und tragbare Technologien von internationalen Haute Tech Couture DesignerInnen.

Die Stichworte „Modezirkus“ und „Parallelwelt“ führen schließlich zu der Institution, die seit jeher nicht nur Kinder, sondern auch Künstler fasziniert und inspiriert hat. In der Wiener Kunsthalle widmet man dem Zirkus eine ganz wunderbare Schau. In Filmen, Fotografien, Installationen, Plastiken und Collagen führt die Ausstellung in das Universum unter den Zeltplanen ein und richtet den Blick auf einen wundersamen Ort der Welterkenntnis, der Überraschungen und Sensationen. Davon kündet bereits der Kopf stehende, an seinem Rüssel mit der Wand befestigte Elefant gegenüber vom Eingang.

Weiter geht es zum Crossover-Werk des amerikanischen Schriftstellers William S. Burroughs, das sich zwischen Text, Bild und Sound bewegt. Die Ikone der kreativen wie chaotischen Beat-Generation und Cut-up-Methode fügte Textfragmente intuitiv zu offenen, assoziativen Erzählstrukturen zusammen, um die Grenzen der Sprache zu erweitern und das menschliche Bewusstsein zu beschreiben. Ihm ist die zweite Schau in der Kunsthalle gewidmet.

Literatur und Kunst sind in Wien sehr eng mit dem Kaffeehaus verbunden und so ging es nach diesem Kunstgenuss an der Hofburg vorbei durch einige verwinkelte kleine Straßen in die Dorotheergasse, wo nicht nur das berühmte Auktionshaus Dorotheum steht, sondern auch das legendäre Bohème-Café Hawelka residiert. Seit 1936 ist der existenzialistisch angehauchte Literaturtreff in Familienhand. Zu den prominenten Gästen gehörten neben Literaten auch junge Maler, z.B. Friedensreich Hundertwasser, Ernst Fuchs und Rudolf Hausner. (Der oben erwähnte Schriftsteller und Kritiker Bahr bevorzugte das Café Griensteidl, das jedoch 1960 seine Pforten schloss).

Ebenso nahmen Berühmtheiten aus dem Ausland wie Elias Canetti, Arthur Miller und Andy Warhol auf den Thonet-Stühlen des Cafés Platz. Übrigens ist bis heute nichts an der Innendekoration von einem Schüler des Jugendstilarchitekten Adolf Loos verändert worden. Und wenn dann der Geruch von frischen Buchteln durch den Raum weht, sind alle Sorgen und der Lärm der Straße vergessen. Ganz entspannt genießt man einen Braunen, lauscht den Gesprächen am Nachbartisch, wo zwei junge Männer über die Welleneigenschaften von Licht philosophieren oder studiert eine Zeitung. Der Zeitungstisch als elementares Möbel findet sich in jedem Kaffeehaus und bietet eine ganze Palette an deutsch- und fremdsprachigen tagesaktuellen Presseerzeugnissen für jeden Geschmack.

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Hinzuzufügen ist, dass das Hawelka nicht nur ein Lokal ist, sondern wie alle Wiener Kaffeehäuser eine Institution des sozialen Miteinanders. Man munkelt, dass Wiener ihre Probleme lieber mit Bekannten im Café diskutieren statt, wie so mancher neurotische New Yorker, einen Psychotherapeuthen zu besuchen oder einsam vor sich hin zu leiden. Seit 2011 gehört die Wiener Kaffeehauskultur sogar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Da diese Institution eigene Regeln besitzt, erfolgt an dieser Stelle ein grundlegender Hinweis für alle Wienbesucher: Die Bestellung "einen Kaffee, bitte" ist zu ungenau, man sollte sich präziser eine Melange (halb Kaffee, halb Milch), einen Fiaker (Kaffee plus Cognac oder Rum) oder einen Schwarzen (einfacher schwarzer Kaffee) bestellen — schließlich möchte man in einem Tabakladen auch nicht einfach nur Zigaretten, sondern gibt die Sorte an.

Einen Eindruck von Wien als Tor nach Südosteuropa und darüber hinaus gewann ich am Mittwoch. Mit der Belvederer Schau »Orient & Okzident« ging es in das 19. Jahrhundert. Künstler brachen zu der Zeit auf den Balkan, nach Ungarn, Griechenland, Istanbul, Ägypten, Israel und Indien sowie in den Indischen Ozean auf und suchten neue künstlerische Herausforderungen. Ja, Sie haben richtig gelesen: IN den Indischen Ozean. Mittels einer Taucherglocke malte der Österreicher Eugen von Ransonnet-Villez Unterwasserlandschaften, in denen er die verschiedenen Licht- und Sichtverhältnisse festhielt. Bei seinen Künstlerkollegen an Land fanden das extrem helle südliche Sonnenlicht sowie die damit verbundene Hitze peu á peu ihren Niederschlag in Gemälden und Zeichnungen von alten Ruinen im Sand, Küsten- und Stadtansichten sowie exotisch geschilderten Basaren.

Freitag lockte mich der Karlsplatz. Der von stark frequentierten Straßenzügen durchbrochene Platz ist in mehrere Areale untergliedert und einer der lebendigsten, interessantesten, dichtesten und authentischsten urbanen Räume der Stadt. Hier lädt das Künstlerhaus in die Ausstellung »Megacool 4.0«. Die Schau zeigt die Lebenswelten unterschiedlichster Jugendkulturen im Spiegel internationaler Gegenwartskunst. Neben grundlegenden Fragen jugendlicher Identitätssuche zwischen Vorbildern, Aufsässigkeit, Gruppenzwang, Körperkult, Träumereien, Schein, Gewalt und Cool-sein werden die kreativen Köpfe in den Mittelpunkt gerückt: die Normalen, die angepassten Hipster, die DragKings, die Dicken, die Dünnen, Gothics, HipHopper, Metalheads, Raver, Cosplayer, Avatare und aggressive Mädchen.

In unmittelbarer Nähe zum Künstlerhaus befindet sich ein weiteres traditionsreiches Kaffeehaus, das Café Museum. Seit seiner Eröffnung im Jahr 1899 waren hier unter anderem die Maler Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka, die Schriftsteller Joseph Roth, Karl Kraus, Georg Trakl, Elias Canetti, Hermann Broch, Robert Musil und Leo Perutz sowie die Architekten Otto Wagner und Adolf Loos zu Gast. Letzterer war für die erste Inneneinrichtung des Café verantwortlich. Im Gegensatz zu den in üppigem Prunk eingerichteten Gründerzeitkaffeehäusern legte Loos — ganz im Sinne seines späteren Manifests »Ornament und Verbrechen« — bei der Innenraumgestaltung großen Wert auf Einfachheit. Und so erstrahlt das Haus in kirschroten Polstersofas, weißen Wänden und kugeligen silbernen Deckenlampen.

Danach ging es mit der U-Bahn zum Schloss Schönbrunn. Welch herrlicher Park! Bei strahlendem Sonnenschein flanierte ich durch die geometrisch geschnittenen Alleen, roch an den unterschiedlichsten Rosen und erfreute mich an der Aussicht von der Gloriette auf das Blumenmeer hinter und dem Schloss selbst. Es ist ein wunderbarer Ort, um seinen Wienbesuch ausklingen zu lassen bzw. den nächsten Aufenthalt zu planen!

Übrigens: Man kann sich im Wiener Magazin »Falter« über aktuelle Veranstaltungen in der Stadt informieren. Da Wien eine teure Stadt ist, sollte man zudem bei Museen immer nach Kombikarten fragen, um einen ermäßigten Eintritt zu bekommen.