Meldungen zum Kunstgeschehen

Eine Performance der anderen Art

Was passiert, wenn man auf der Documenta seine Eintrittskarte aus einem Schacht fischt? Man wird unfreiwillig zum Star. Eine Anekdote von Eugenie v. Trützschler.

Für die aktuelle Documenta hatten mein Mann und ich uns zu einer Gruppenbesichtigung entschlossen, die der deutsche Kulturrat Kunstschaffenden und Kunstverwaltenden am Samstag, den 1. September anbot. Mit sieben Teilnehmern, drei Männern und vier Frauen, war die Gruppe klein und übersichtlich. Zwei der Frauen trugen statt Handtaschen Rucksäcke. Nur: Das Betreten der Ausstellungsräume war mit großen Taschen und Rucksäcken verboten. Diese mussten an der Garderobe abgeben werden. Allerdings konnten die Garderobencontainer die vielen Gepäckstücke der zahlreichen Besucher kaum fassen, so dass die Rucksäcke vor den jeweiligen Gebäuden abgestellt werden sollten. Dass niemand mit Begeisterung seine Utensilien unbeaufsichtigt irgendwo liegen lässt, ist einleuchtend.

Dass ausgerechnet vor dem früheren Elisabeth Krankenhaus, in dem sich eine Ausstellung über den Krieg in Afghanistan befindet, eine Garderobe fehlte, war keine Absicht. Oder doch? Sollte dadurch die Gemütsregung, die man während der Besichtigung spürte durch die Aufregung, ob anschließend der Rucksack noch vor dem Gebäude steht, gesteigert werden? Oder steckte etwas anderes dahinter? War es bereits Absicht, die menschliche Tragödie in einem fernen fremden Land in einem Hospital zu präsentieren, das den Namen einer fremden Prinzessin trug, die all ihren weltlichen Reichtum den Ärmsten unter den Armen vermacht hatte?

Als ich sah, dass die hinter mir stehenden Italiener ihren Rucksack in einer Plastiktüte verstauten, hatte ich die Idee, einer Dame unserer Gruppe, die einen kleineren Rucksack besaß, anzubieten, diesen in dem Plastikbeutel, den wir in Burma zum 10. Jahrestag einer Hotelgründung erhalten hatten, zu verstauen.

„Mach das nicht, es passt nicht“, sagte mein Mann zu mir.
Ich nahm Augenmaß, meinte, dass es passen werde und begann den Rucksack in den Beutel hineinzupressen. Dabei löste sich meine Eintrittskarte, die ich zwischen Daumen und Zeigefinger in der linken Hand hielt. Es war unmöglich, danach zu greifen, ohne die beiden anderen Gegenstände fallen zu lassen.

„Meine Karte ist weg“, rief ich, als ich sie herunterflattern sah. Nach mehreren Drehungen landete die Karte in einem ca. 2 Meter tiefen und vergitterten Schacht unmittelbar vor dem Eingang zum Krankenhaus.
Inzwischen hatten nicht nur die Mitglieder unserer Besuchergruppe das Missgeschick gesehen, um den Schacht bildete sich eine kleine Betrachtergruppe.

„Ich kann hier nicht weg“, sagte die für den Einlass zuständige junge Frau.
„Vielleicht können Sie jemanden anrufen“, schlug ich vor.
„Ich weiß nicht wen und wo.“
„Aber es ist doch auch noch jemand anders außer Ihnen da“, bohrte ich nach.
„Ja wir sind zu zweit, ich hier und die andere Kollegin muss drinnen aufpassen.“
„Haben Sie einen Besen, wir könnten versuchen, mit einem Besen die Karte heraus zu schieben.“
„Warten Sie einen Moment.“

„Der Putzraum ist abgeschlossen, aber wir versuchen die Putzfrau zu finden.“
„Wir könnten ein kleines Kind herunter lassen“, schlug jemand vor.
„Nein, kommt nicht in Frage, das kriegen wir nicht wieder heraus“, widersprach ich.
„Gehen sie erst Mal in die Ausstellung, dann sehen wir weiter“, schlug die junge Mitarbeiterin vor.

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Eine halbe Stunde später kam unsere Kleingruppe aus dem Gebäude wieder heraus. Inzwischen standen in der Warteschlange Menschen, die den Vorfall mit der Eintrittkarte nicht gesehen hatten. Für sie stellte sich die Situation wie folgt dar: sieben Menschen kommen aus der Ausstellung über Afghanistan und bilden einen Kreis um einen vergitterten Schacht vor dem Eingang. Zu ihnen tritt eine Documenta-Mitarbeiterin und reicht einem der Männer aus der Gruppe zwei Kehrbesen. Ein zweiter Mann zieht an dem Gitter, es bewegt sich ein wenig und ist dann an einer Stahlkette heraus.

„Ich versuche es“, bietet sich der frühere Kulturdezernent der Stadt Weimar an, nimmt die beiden Besen und legt sich mit diesen über die Öffnung. Ich kniete mich hinter ihn und hielt seine Beine fest, damit er nicht in den Schacht herunterrutschte.

Der Kulturdezernent a.D. holte unter den Augen zahlreicher Beobachter zwei Mal die gelbe Eintrittskarte fast aus dem Schacht heraus, doch jedes Mal fiel sie wieder herunter.

Jetzt schlug eine unmittelbar am Schacht stehende Frau vor, einen Kaugummi auf den einen Besen zu kleben und einen Stock zu benutzen. Sie machte ihren Mund auf, nahm den Kaugummi heraus und reichte ihn herüber. Als Stock diente einer der Besen, diesmal umgedreht.

Der Kulturdezernent a.D. klebte den noch vor Speichel tropfenden Kaugummi auf die Holzseite des Kehrbesens und hangelte erneut nach der Karte. Als diese endlich oben war, klickten die Fotoapparate der Wartenden. Alle dachten, es handelte sich um eine Performance.

Fazit: Kunst ist das, was wir für Kunst halten, weil uns jemand gesagt hat, dass es Kunst sei.