Rezensionen, Kataloge

Elisabeth Leopold/Diethard Leopold (Hg.): Egon Schiele - Melancholie und Provokation, Brandstätter 2011

Das unangefochtene Highlight der gleichnamigen Ausstellung ist der spannende Dialog zwischen Schiele und zeitgenössischen Künstlern wie Günter Brus, Claudia Bosse, Philipp Gehmacher und Rudolf Schwarzkogler. Der Katalog bietet hingegen einen tiefreichenden Blick in das Werk des österreichischen Expressionisten. Rowena Fuß hat den Band gelesen.

Übersichtlich in einen Bild- und Textteil gegliedert, bietet der Katalog eine solide Beschreibung von Schieles künstlerischer Entwicklung. Detailliert wird in fünf Beiträgen die Bedeutung von Melancholie, Provokation und Körperposen sowie Schieles Psychotechnik untersucht. Zudem wird Schiele mit Oskar Kokoschka in Beziehung gesetzt und ein Beitrag über den Zeitgeist Wiens um 1910 rundet die Publikation ab.

Fixpunkt für die Kuratoren der aktuellen Schau und der Veröffentlichung bildet die erste Kollektivausstellung Schieles in der Wiener Galerie Miethke 1911. Dort präsentierte der junge Künstler visionäre, esoterische Bilder, die als ein eindringliches Dokument seines Denkens und seiner Emotionen gelten.

Im Vergleich mit Zeitgenossen wie Oskar Kokoschka wirken Schieles Werke singulär. Von einer tiefen Melancholie geprägt, sticht Schieles Faszination am Ungewöhnlichen und Ekstatischen hervor. Schiele zeigt sich und andere Modelle gern isoliert auf weißem Grund. Die abnorme, provokante Farbgebung seines berühmten sitzenden Männeraktes von 1910 stach dem Betrachter somit in die Augen. Unnatürliche Körperposen demonstriert ferner »Der Lyriker« (1911) durch einen anormal auf die rechte Schulter gelegten Kopf. Im Ganzen wirkt die Figur dadurch eckig und verschlossen. Die Pose erinnert an Figurenkompositionen Gustav Klimts. Lediglich das halbgeöffnete, schwarze Gewand öffnet den Blick auf den hellen Unterleib Schieles, sein Genital eingeschlossen. Dunkel ist auch der nicht näher bestimmte Hintergrund des Bildes, nur eine Dachluke bildet einen Lichtfleck. Ihre Position oberhalb des Kopfes lässt sie zudem wie ein Nimbus erscheinen. Schieles Selbstporträt mit Pfauenweste hatte diesen Gedanken schon 1910 formuliert und spricht dem Künstler nicht nur ein gewisses Selbstbewusstsein zu, sondern sogar Eitelkeit.

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Die Körperdarstellungen, so Patrick Werkner in seinem Aufsatz »Schieles Körperposen und Aspekte ihrer Rezeption«, sind Formmöglichkeiten für die eigenen seelischen Empfindungen. Dementsprechend sind sie das bildliche Pendant zum damals sehr beliebten Ausdruckstanz. Ebensolchen Einfluss auf Schieles Posen übten indonesische Schattenspielfiguren aus, die er bei seinem Förderer Arthur Roessler entdeckte.

Ergriffenheit provoziert »Tote Mutter I« (1910). Ganz in Schwarz gehüllt sind der Hintergrund und die Figur der Mutter. Ihr bräunliches Gesicht wirkt mit den wenig geöffneten Augen und den ausgezerrten Zügen wie tot. Leben strahlt nur das in Rottönen gehaltene Kind in ihrem Bauch (?) aus, das den Betrachter anlächelt.

Die scheinbar eminente Bedeutung von Schieles Mutter Marie untersucht Diethard Leopold in seinem Aufsatz »Egon Schieles Psychotechnik – Provokation und Melancholie als Medien der Selbstheilung«. Dass sich ein Künstler von seiner Familie und Personen aus der näheren Umgebung stark beeinflussen lässt, ist an sich nicht Neues und der Autor hätte in seinen Ausführungen daher nicht bis zum Freudschen Mutter-Komplex gehen müssen. Bilder sind zuweilen ein hochgradig persönlicher Ausdruck des künstlerischen Selbst und ja, sie können durch die Visualisierung innerer Konflikte der Selbstheilung dienen. Die allgemeine Wahrheit, dass Künstler damals wie heute empfindsame Sensoren für das sie umgebende Geschehen sind, hätte also nicht aufgewärmt werden müssen. Sicherlich ist dieser Beitrag dem allgemeinen Adressatenkreis der Publikation geschuldet.

Was das Buch für ein Fachpublikum interessant macht, ist Schieles Fortwirken im Wiener Aktionismus und der zeitgenössische Blick auf Schiele durch Rudolf Schwarzkogler, Günter Brus, Elke Krystufek, Franz Graf, Claudia Bosse und Philipp Gehmacher. Ihre außergewöhnlichen Arbeiten greifen Aspekte aus dem Werk Schieles auf, formen diese um und eröffnen so den zeitgenössisch-historischen Dialog.

Wie die Zähne eines Reißverschlusses fassen an dieser Stelle Katalog und Ausstellung ineinander. Wer als Einsteiger nach der Betrachtung von Schieles Arbeiten in der Schau mehr über den »österreichischen James Dean« erfahren möchte, mag den Katalog konsultieren. Aufgrund des minimalen Textvolumens, das Schwarzkogler & Co. im selbigen einnehmen, ist es umgekehrt allerdings ratsam, die Arbeiten vor Ort zu betrachten!