Rezensionen

Elmar Bernauer (Hg.): Franz Gutmann. Plaketten und Medaillen von 1950–2019. Modo Verlag

Er ist mit zahlreichen Großplastiken und Brunnengestaltungen im öffentlichen Raum vertreten. Eine neue Publikation präsentiert den Bildhauer Franz Gutmann (*1928) nun mit seinen kleinformatigsten Werken. Gutmanns charakteristische, ausdrucksstarke Formgebung verdichtet sich in Plaketten und Medaillen und tritt thematisch mit seinen Plastiken und Skulpturen in Korrespondenz. Eine Rezension von Susanne Ramm–Weber

Cover © Modo Verlag
Cover © Modo Verlag

 Die Welt der Plaketten und Medaillen kann eine sehr alte Tradition vorweisen, etwa als Identitäts–Zeichen, wie die Albrecht–Dürer–Medaille aus dem Jahr 1527, als Souvenir oder Vereinsbedarf im Sport, als Sammlerstück oder Gedenkmünze für besondere Verdienste und Ehrungen in Kunst, Wissenschaft oder Militär. Im öffentlichen Bewusstsein sind die flachen Kunstwerke, die weit über die reine Repräsentation hinausgehen können, heute meist an Institutionen/Akademien und Preisverleihungen gebunden.

Im Freiburger modo–Verlag ist im vergangenen Jahr das Werkverzeichnis über die Medaillen und Plaketten des im Schwarzwald ansässigen Münstertäler Künstlers Franz Gutmann (*1928) erschienen.
Gutmann, nur sieben Jahre jünger als sein Freund Joseph Beuys, wurde 1956 Meisterschüler von Ewald Mataré (1887–1965) an der Düsseldorfer Kunstakademie und ging fortan einen beharrlich eigenständigen Weg.
So verzeichnet die Buchpublikation 52 Plaketten, die zwischen 1950 und 2019 entstanden sind, und gibt damit einen Überblick über fast siebzig Jahre Schaffenstätigkeit.

Hauptwerke des Künstlers sind vorwiegend Holzskulpturen wie die »Phallocaust«–Arbeiten und zahlreiche Brunnenplastiken. Die Werke befinden sich in der Sammlung von Franz Joseph van der Grinten (1933–2020), auf Schloss Moyland, im Freiburger Münster, der Freiburger Uniklinik und in Heilbronn. In Offenburg ist der Künstler seit den achtziger Jahren mit vier Brunnen prominent im öffentlichen Raum vertreten. Der Großteil seiner Werke befindet sich jedoch im Münstertal.
Die Arbeiten zeichnen sich durch eine Einheitlichkeit in der Form aus, die gedrungen kompakten Figuren sind aus dem Geometrischen heraus entwickelt. Gewisse Einflüsse seines Lehrers Ewald Mataré, vor allem in den Pferde–Darstellungen, offenbaren sich in dieser Kompaktheit. Gutmann wählt jedoch eine eckigere, stilisiert–abstrahierte Form.

Das Verzeichnis der Medaillen und Plaketten enthält einen ausführlich würdigenden Begleittext des Freiburger Autors Herbert M. Hurka, der auf eine tiefer gehende Stilanalyse allerdings verzichtet. Außerdem ist eine kurze Rede des Kunsthistorikers Franz van der Grinten abgedruckt, die er zur Ausstellung in der Galerie Fluchtstab/Staufen 2008, anlässlich von Gutmanns 80. Geburtstag hielt. Der Herausgeber Elmar Bernauer betreibt die Galerie Fluchtstab in Staufen.
Gutmann und van der Grinten waren befreundet, ihm ist daher eine Medaille aus dem Jahr 2001 gewidmet. Van der Grinten war von 1993 bis 2003 Direktor auf Schloss Moyland, das auch Beuys‘ Nachlass beherbergt.
Poetische Zeilen von Karin Gutmann–Heinrich gliedern das Buch in Kapitel, das mit der Ehrung von Vater (1950), Mutter (2018) und Ehefrau (1984) beginnt.

Wie für die monumentalen Brunnenfiguren wählt der Künstler für die Medaillen und Plaketten theologische, weltliche sowie an der Natur orientierte Themen.
Adam und Eva gehören ebenso in die Reihe der Darstellungen, wie die Pietà, Isaak oder der heilige Christophorus (Schutzpatron aller Reisenden) – der in seiner Entstehungszeit 1958 eine äußerst moderne Erscheinung annimmt. Ebenso finden sich dort ein weiblicher Rückentorso mit dem bodenständigen Titel »Ärschchen« und Sujets wie die liegende Kuh, das Pferd, eine Hand mit einem Tannenzweig oder ein Janus–köpfiger Baum.
Die theologischen Themen sind nicht zufällig gewählt: Bevor Gutmann zum Kunststudium nach Düsseldorf ging, hatte er in Freiburg drei Semester Theologie studiert. Eine Medaille ist daher dem Theologen Karl Rahner gewidmet (faszinierend: die Asymmetrie der Gesichtszüge!). Erstaunlich genau versteht Gutmann auch auf kleinstem Raum zu modellieren.
Obwohl die meisten Kleinarbeiten im Durchmesser kaum größer als 10 cm sind, ist die gedrungene Formensprache des Künstlers in ihnen ersichtlich.
In dieser Hinsicht sind die Medaillen nicht als eigenständige Gruppe sondern als Ergänzung des Gesamtwerks zu verstehen. Deutlich korrespondieren die Kleinplastiken mit Gutmanns großen Arbeiten in Stein, in Holz oder den Brunnenskulpturen. Letztere wurden bereits 2008 in einem Werkverzeichnis aus dem modo–Verlag zusammengefasst.

Die biografische Rückbindung findet sich dazu in vielen anderen Plaketten und Medaillen: die Schwarzwälder Umgebung ebenso wie regional bekannte Persönlichkeiten, darunter jene, mit denen Gutmann in persönlicher Verbindung stand – wie dem 1945 ermordeten Pfarrer Willibald Strohmeyer (ihm verdankte Gutmann den Besuch des Gymnasiums). Weitere Porträtierte sind: ein Kirchenmusiker, eine Freiburger Kauffrau, ein Rechtsanwalt und Philosoph, sowie ein Senator aus Berlin – vermutlich handelt es sich dabei um Auftragsarbeiten. Trotz vieler Rückgriffe auf antike Vorbilder erhalten Gutmanns Plaketten und Medaillen ein modernes Gesicht. Erhaben oder vertieft belebt Gutmann den Schattenwurf seiner Reliefs und heftet den einstigen Machtinsignien erneut den Nimbus von Ehrenhaftigkeit und Würde an.

Eindrucksvoll führt der Katalogbeitrag von Herbert Hurka vor Augen, dass die Plaketten und Medaillen trotz ihrer antikisierenden Form noch immer als festgelegtes Zeichen in der gegenwärtigen Gesellschaft funktionieren.
Das Buch ist als ergänzender Teil des Werkverzeichnisses zu sehen, ihm kommt vor allem eine werkdokumentarische Bedeutung zu.


Franz Gutmann Plaketten und Medaillen von 1950–2019

modo–Verlag Freiburg 2020
Hg: Elmar Bernauer
Texte von Karin Gutmann–Heinrich, Herbert M. Hurka, Franz Joseph van der Grinten
88 Seiten, 16,5 x 23,5 cm, deutsch, 53 Abbildungen, Hardcover, Fadenheftung
ISBN 978–3–86833–281–0

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