Ausstellungsbesprechungen

Emel Geris, Halbwelten

Eine großartige Künstlerin stellt Rainer Wehr in seiner Galerie vor: Emel Geris. Man darf das betonen, da hier ein Werk präsentiert wird, das noch am Anfang steht – Geris ist 24 Jahre jung und studiert, nach ein paar Akademiejahren in ihrer türkischen Heimat, seit 2002 an der Stuttgarter Kunstakademie bei Cordula Güdemann Malerei. In ihren zumeist kleinformatigen, grau in grau gehaltenen Bildern ist auf den ersten Blick nichts Spektakuläres auszumachen, und doch ziehen sie den Betrachter in ihren Bann.

Das liegt freilich auch an der Zugehörigkeit zur figurativen Kunst, die nicht einem fotografischen Realismus huldigt, sondern das Abbild über dem Dargestellten – sur-real – offenlegt. »Halbwelten« – so der Titel der Ausstellung – will Emel Geris zeigen, Halbwelten zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Fiktion und Realität, zwischen Alltagserfahrung und autobiografischer Erfahrung.

 

 

In einem ihrer größeren Gemälde, die neben dem Format schon durch die größere Farbigkeit auffallen, liegt eine Frau sichtlich verängstigt unter einer bunt leuchtenden Decke, drauf greift ein Mädchen nach ihr, in der Haltung einem Nachtalp ähnlich – Füsslis »Nachtmahr« lässt grüßen –, grinsend; im Hintergrund an der gelbfarbenen Wand hängen vier kleinere Bilder: ein Mann, der auf einem Stuhl sitzt, ein Kind oder eine Puppe in räumlicher Umgebung (die einzige konkret fassbare Räumlichkeit im ganzen Bild) sowie Tiere in porträthafter Pose – am Halsband des einen Tierkopfes ist »EMEL« zu lesen. 

Fortsetzung von Seite 1

»Man muss«, so sagte einmal Cordula Güdemann, »nur zwei Dinge zusammenfügen, und schon hat man eine Geschichte«. Diesem Prinzip folgt Geris auch, fügt noch mehr Dinge zusammen und entfaltet so eine phantasievolle Reise ins Innere des Ich, ohne alles offen zu legen: Der Titel des Bildes, »Die weinende Decke«, legt allenfalls eine Fährte, aber dem konkreten Bezug eines beweinenswerten Erlebnisses steht die Wendung ins Surreale – eine weinende Decke – gegenüber. In den wenigen Jahren, die Emel Geris in Deutschland lebt, hat sie eine Sensibilität für die Sprache entwickelt, die einen bewussten Umgang unterstellen lässt. So tippen die Titel häufig schon eine Geschichte an, deren Eckpunkte Melancholie und Ironie verraten: »Taubstumm durch die Blume«, »Der böse Kater«, »Der Alberntraum« oder »Bunte Teppiche, traurige Gedanken«. Und sie ragen zeichenhaft ins Bild, wenn etwa eine Unterschrift »Die Warnung« die Darstellung eines an sich wenig furchterregenden, aber springenden Fischs betitelt. In einer fast schon ringelnatzig unbekümmert bekenntnishaften, ironisch-sarkastischen und zugleich tieftraurigen Weise gelingt es Emel Geris, Emotionen zu wecken und doch eine allgemeingültige Befindlichkeit zu erhalten, die weit über eine reine Subjektivität hinausgeht.

 

Fortsetzung von Seite 2

Die Hängung ihrer Arbeiten in der Galerie Wehr – die die lockere Platzierung der Hinter-grundbilder in der »Weinenden Decke« aufnimmt, macht deutlich, dass Geris zudem den Blick aufs Ganze beherzigt, das additiv aus dem losen Miteinander der Detailfacetten ihrer kleinen Formate entsteht. Man darf gespannt sein, wie sich die Künstlerin weiter-entwickelt – der Kraft, die aus den Arbeiten spricht, traut man einen langen Atem zu; und das Beispiel von Hanna Dougherty in Berlin zeigt, dass die Generation der Mitte-Zwanzigjährigen sich nicht zu verstecken braucht.

 

 

Öffnungszeiten:

Di–Fr 14.30–18.30, Mi 14.30–19.30, Sa 11–14 Uhr (U5, 6, 7, Bus 41: Olgaeck)

 

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