Ausstellungsbesprechungen

Emil Nolde. BlickKontakte – Frühe Porträts

George Grosz wusste zu berichten, dass man „damals gelegentlich den unartigen Kindern (drohte): Du ich sag’s dem Nolde, der holt dich sofort ab und schmiert dich auf die Leinwand“.

Was uns heute kaum noch irritiert, war am Vorabend des Expressionismus eine kleine Revolution und auch später noch manchen Zeitgenossen suspekt – im gestischen Ungestüm war Emil Nolde den anderen eine Nasenlänge voraus, seine gemalten Protagonist(inn)en tanzten wilder als die der anderen und seine Palette leuchtete heftiger. Mit dem Wort „seltsam“ hätte Nolde wohl selbst seine Bilder umschrieben, es war eine seiner Lieblingsvokabeln.

Geboren ist Emil Hansen am 7. August 1867 im deutsch-dänischen Grenzstädtchen Nolde, von dem er später sein Pseudonym übernahm. Doch das nordisch-meerumbrauste Element des kommenden Werks war zunächst gar nicht spürbar. Nein, solide begann sein Lebensweg: Lehre als Möbelzeichner und Holzschnitzer, Angesellter einer Möbelfirma, Lehrer für gewerbliches Zeichnen – die Stationen führten in den Süden: Flensburg, Karlsruhe, St. Gallen, und mit der Annäherung an die Berge entdeckte er das alpine Motiv und seine Neigung zur freien Malerei (mit seinen Bergbildchen verdient er sogar recht gut). Um die Jahrhundertwende entwickelt Nolde seinen frühen Stil in Dachau im Umfeld der dortigen Malerschule, erstes Anzeichen künftiger Befreiung aus dem romantisierenden Spätrealismus vermittelt der Name seines Lehrers: Adolf Hölzel. Doch erst seine Begegnung mit dem Werk van Goghs, Munchs und Ensors in Paris war die Initialzündung für den auflohenden Farbrausch in seinen Bildern nach 1905. Die Phase seiner hinreißenden Blumenbilder beginnt, die ihm sozusagen als Zugangsberechtigung für die Künstlervereinigung DIE BRÜCKE dient – die Liaison währt allerdings gerade mal zwei Jahre, und als er nach 1909 die Aquarelltechnik richtungweisend auf den Kopf stellt (indem er auf das saugfähige Papier verzichtet), geht er längst eigene Wege. Die sind mühsam genug: Mit seinen Holzschnitten und Landschaftsgemälden, mit denen er sich als kernig-bäuerlicher Naturbursche und nordischer Mythiker ausgibt, will er sich nach 1933 den Nazis anbiedern, die seinen Expressionismus allerdings ablehnen und sein Werk für entartet erklären. Nolde zog sich enttäuscht zurück und flüchtet sich ins kleine Format mit seinen „ungemalten Bildern“ - immerhin sind rund 1000 Aquarelle darunter. 1956 stirbt Emil Nolde in Seebüll.

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Zum 80-jährigen Jubiläum zeigt das Ulmer Museum nun die frühen Porträts Emil Noldes, dessen 50. Todestag im kommenden Jahr quasi vor der Tür steht. Damit macht das Museum sich und den Besuchern der überschaubaren Ausstellung (rund 50 Werke sind zu sehen) ein schönes Geschenk, denn die Porträts des berühmten Expressionisten standen bislang eher im Schatten der Blumenbilder und Landschaften. Spannend zu beobachten ist Noldes Selbstbespiegelung im Bildnis anderer Personen. Diese wollte er nicht einfach abbilden, vielleicht mochte er deren Innerstes gar nicht nach außen kehren – immer ist es seine Lebensgier, die in den Augen der Porträtierten glüht, oder die Dargestellten bleiben dem Betrachter (und dem Maler) fremd. Bewusst wahrt Nolde die Distanz. Seine Haltung, so beschreibt es Tilman Osterwold in seinem sehr einfühlsamen Katalogbeitrag, „ist weit entfernt von jeglicher Neugier, an den Geheimnissen des Menschen zu rühren. Seine Porträts offenbaren eine distanzierte Vorgehensweise, um das Subjekt in seinem fragenden Kontext zu belassen“. Sogar den direkten Blick seiner Selbstbildnisse lenkt Nolde auf das verrätselte Ich zurück durch die verfremdend blauen Augen. Was Nolde anstrebt, ist der ins Bild gebändigte Farbrausch, die kompositorisch aufgefangene Dynamik und die Darstellung einer an sich widersprüchlichen intellektualisierten Naivität, was selbst unter den BRÜCKE-Malern nicht ihresgleichen findet. Kein Wunder, dass viele seiner porträtierten Paare – etwa „Friesen, Mann und Frau“, „Anders Gärtner und Frau“, beide 1910 – kaum als Individuen durchgehen, mehr noch: einander so ähnlich sehen wie Doppelgänger ihrer selbst. Ein langer Weg ist es freilich von den dunklen Bildnissen der Dachauer Zeit über die an Munch orientierten Zustandschilderungen innerer Aufgewühltheit („Bildnis Ada (im grünen Kleid)“, 1904) bis zu den physiognomischen Farborgien, die hart an die Grenze der Abstraktion gehen, und die wieder dunkler werdenden ethnischen Motive (sibirische Bauern, Ureinwohner von Neu-Guinea) voller mystisch-melancholischer Anklänge um 1915. Der Titel der Ausstellung ist dabei allerdings zu eng gefasst, weil die reinen Porträts (bevorzugt seiner Frau Ada oder etliche Selbstporträts) gegenüber den freieren Figurendarstellungen scheinbar zurücktreten, was – wie dargestellt – in der Kunstauffassung Noldes nahe liegt.

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Die Ulmer Schau fügt sich prima in die zur Zeit auffallende Ausstellungspraxis mit kleinen, segmentalen Einblicken in Künstlerwerke – man denke an die Beckmann-Ausstellung in Baden-Baden mit dessen lokalen Bezügen zur Stadt oder an die Stuttgarter Motivausstellung mit Picassos Badenden. So kann man sich en detail und dadurch sehr konzentriert mit dem künstlerischen Schaffen des Künstlers befassen, was im Idealfall zur weiteren Beschäftigung führt (im Fall Noldes wäre dies sehr lohnenswert, zumal sie die Distanz des Malers zur BRÜCKE-Vereinigung aufzeichnen könnte). In diesem Sinne schließt die Ulmer Präsentation an die Ausstellung „Nolde im Dialog 1905–1913“ in Karlsruhe (2002/03) an, die sich allerdings ein etwas breiteres Spektrum suchte. Zu bedauern ist allenfalls, dass der Bogen der Porträts nicht auch über sein Spätwerk hinweg gespannt worden ist, dessen Aquarelle sicher eine Bereicherung gewesen wären.

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten
Dienstag–Sonntag 11–18 Uhr
Donnerstag 11–20 Uhr

Eintritt
6 € / 4 €

Führungen
Samstags (15 Uhr) sowie Sonntags (11 Uhr) finden öffentliche Führungen statt