Kataloge, Rezensionen

Enver Hirsch. Toast Hawaii, Robert Morat Edition, Feldhaus Verlag, Hamburg 2008.

Erfrischend anders – wie auch die Fotoarbeiten von Enver Hirsch (geboren 1968 in Hamburg), die in das emotionale Spannungsfeld von unbefangenem Lachen und fassungslosem Schrecken eingebunden sind – ist die gerade in der Robert Morat Edition beim Feldhaus Verlag erschienene Publikation „Enver Hirsch. Toast Hawaii“. Warum werden Sie sich fragen? Nun, ganz einfach: Weil dem Leser hier keine langatmigen Wissenschaftstexte präsentiert werden, die in ihren verklausulierten, hochgeschraubten Formulierungen vom Kunstgenuss abhalten.

Robert Morat etwa führt in seinem wohl strukturierten Vorwort „Imitation und ihr klägliches Scheitern“ kurz und prägnant in das Werk ein, wobei er sowohl das zentrale Anliegen der Arbeiten Enver Hirschs formuliert als auch die Entwicklung des Künstlers nachzeichnet.

Bei der Betrachtung der Fotografien können wir uns oft ein lautes Lachen kaum verkneifen oder aber wir blicken nachdenklich und bisweilen tief betroffen auf das dargebotene Motiv. Warum das so ist, erfasst Morat, wenn er schreibt: „Wie in vielen seiner Arbeiten findet Enver Hirsch […] im Leblosen oder im Tierischen eine menschliche Mimik, eine Geste oder die Imitation einer Geste.“ Dieser Wesenstransfer macht dem Betrachter den Gegenstand verbunden, setzt aber gleichzeitig empathisches Feingefühl voraus.

„Imitation“, einer der Schlüsselbegriffe zur Arbeit Enver Hirschs, sei als Thema allgegenwärtig, so Robert Morat: „Der Mensch, der versucht, die Natur zu imitieren, ein Bauzaun, der einen Garten simuliert […], ein Scharfschütze, der sich als Busch verkleidet […] oder die Installation in Naturkundemuseen. Hirsch beobachtet den unzulänglichen Versuch der Imitation und das absurde Ergebnis.“ Und in diesem Kontext müsse auch die Titelwahl „Toast Hawaii“ gesehen werden, die nur in ihrer Ambivalenz zu verstehen sei: Vermittelte „Toast Hawaii“ in den 50er Jahren des Wirtschaftswunders noch so etwas wie Exotik und das Gefühl sich global zu öffnen, so wird heute damit vor allem „die Biederkeit westdeutscher Provinz-Bahnhofskneipen in den 1970er Jahren“ [Robert Morat] assoziiert. Rettung in dieser Situation verspricht Humor, der jenen Rest Optimismus bereithält. Denn Humor ist, wie der Schriftsteller Julius Otto Bierbaum gesagt haben soll, „wenn man TROTZDEM lacht“. In dem Sinne kann auch Enver Hirschs Humor verstanden werden, der häufig von einer getrübten Grundstimmung in seinen Fotografien ausgeht, den Betrachter aber „trotzdem“ zum Lachen bewegt. „Leute zum Lachen zu bringen ist“, wie Elliot Erwitt erkennt, „eine der größten Leistungen. Die allergrößte aber ist es, wenn es gelingt, jemanden abwechselnd zum Lachen und zum Weinen zu bringen!“

Fortsetzung von Seite 1

Marc Fischer dringt mit seiner pfiffigen Geschichte „Der Brillenmann“ nicht etwa trocken analysierend, sondern frei erzählend ins Zentrum des Schaffens von Enver Hirsch vor. Auf die Frage des Ich-Erzählers, was den Brillenteufel eigentlich antreibt, legt der Autor Enver Hirsch die viel sagende Antwort in den Mund: „Ich glaube, dass er vor langer Zeit etwas verloren hat. Die Brille erscheint mir dabei als gar nicht so entscheidend. Er sucht nicht nach der größten, schönsten, teuersten. Er sucht nach der, die ihm etwas zurückgibt. Ein Gefühl, einen Geschmack, eine Erinnerung. Er sucht seinen ihm eigenen Blick für die Dinge. Wie jemand, der auf der Suche nach seinem Namen ist. Darum sind es vor allem die Einsamen, die ihn anziehen.“ [Marc Fischer] Dieser Brillenmann zieht also durch die Straßen, „auf der Suche nach Wahrheit.“ Als „Held unserer Zeit“, als „letzter Romantiker“, so Fischer, bildet er den „Schlüssel zum Weltgeheimnis“, denn „[e]in bisschen suchen wir alle stets nach unserem eigenen Blick, und nicht jeder findet ihn.“ Mit diesen wenigen Sätzen, die von einer humorvollen Geschichte ummantelt ist, öffnet Marc Fischer in einer Art Parabel dem Leser/Betrachter die Augen für die Arbeiten Hirschs, die das Charakteristische der fotografisch festgehaltenen Objekte transportieren.

Fazit: Bei diesem Buch kann sich der Leser auf eine informative, vor allem aber spannende und nicht selten zum Schmunzeln verführende Lektüre in deutscher und englischer Sprache freuen. Darüber hinaus überzeugt das Werk durch die zahlreichen in hervorragender Druckqualität wiedergegebenen Abbildungen der Arbeiten Enver Hirschs. Und wer könnte wohl eine bessere Empfehlung geben als Elliot Erwitt, der Meister fotografischer Situationskomik, wenn er sagt: „Mr. Enver Hirsch has authored a very funny book! You should buy at least two. One for yourself and one for any impending birthday gift.“