Buchrezensionen, Rezensionen

Eric Kandel: Das Zeitalter der Erkenntnis. Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute, Siedler Verlag 2012

Um 1900 treffen sich im Salon Zuckerkandl Wissenschaftler, Wiener Autoren und Künstler regelmäßig zum Plaudern. Das Ergebnis sind spannende Dialoge zwischen Biologie, Psychologie und Kunst, die den Blick auf den menschlichen Geist und seine Beziehung zur Kunst für immer verändern sollten. Sabrina Möller ließ sich von Eric Kandel in diese besondere Atmosphäre entführen.

Eine erste Idee bekommt man, wenn man das Buch vom Nobelpreisträger Eric Kandel »Das Zeitalter der Erkenntnis« liest. Kandel arbeitet in seinem Werk heraus, inwieweit die Fortschritte der Medizin und Psychoanalyse Einfluss auf die Kunst hatten. Dabei geht Kandel dezidiert auf die medizinischen Errungenschaften dieser Zeit ein. Langsam tastet er sich von der Entwicklung der Psychoanalyse bis zu Sigmund Freuds Durchbruch mit der Traumdeutung heran. Zu einem wesentlichen Thema wird dabei der künstlerische Umgang mit dem Unbewussten: etwa wie dieser durch die Freud’schen Ansätze revolutioniert wurde und wie der Umgang immer freier wurde. Die Erklärung der biologischen Prozesse kann dabei stets in einem Verhältnis zur Kunst gelesen werden. Wie reagiert der Mensch visuell auf die Kunst? Wie funktioniert eigentlich der biologische Prozess des Sehens und wie verarbeitet unser Gehirn diese Informationen?

Das Fin de siècle in Wien präsentiert sich als eine blühende Zeit mit der Donaustadt als dem Zentrum für Künstler und Wissenschaftler. Kandel vollzieht eine außerordentlich sinnvolle Reduktion auf wenige Charaktere. In den »Hauptrollen« seitens der Kunst: Gustav Klimt, Oskar Kokoschka und Egon Schiele. Diese Künstlerpersönlichkeiten stehen in einer signifikanten Beziehung zueinander, wodurch sich im Laufe des Buches eine gewisse Tiefe – statt oberflächlicher Breite – ergibt. Die Beziehungsstränge werden Schritt für Schritt übereinander gelegt, sodass die Struktur am Ende nachvollziehbar und sogar erleuchtend ist. Auf der anderen Seite des Dialoges stehen Arthur Schnitzler, Carl von Rokitansky, Emil Zuckerkandl und natürlich Sigmund Freud. Nicht zu vergessen sind auch die Einflüsse von Darwins Theorien, auf die Kandel immer wieder zurückgreift.

Eric Zuckerkandl, Leiter des Anatomischen Instituts an der Universität Wien, machte seinen Salon zum Ort eines solchen Austauschs. Besonders beeinflusste er Gustav Klimt. Dabei übertrat er die Grenzen des Salons, als er Klimt einlud, ihm bei der Sezierung von Leichen zuzusehen. Es sind diese Beobachtungen und Gespräche, die Klimt zu einem profunden Wissen über den menschlichen Körper verhalfen. Das vermittelte Wissen über die menschliche Eizelle soll sich beispielsweise – durch ihre strukturelle Nähe – in der Ornamentik von Klimts Werken wieder finden.

Auch der Umgang mit Sexualität wird in seiner stetigen Entwicklung und zunehmenden Tendenz zur Hervorbringung des Unbewussten reflektiert. Doch Kandel vertieft sich weiter in die kognitive Psychologie der visuellen Wahrnehmung und nimmt die Relevanz des Betrachters auf. Dabei greift er auch aktuelle Tendenzen auf und bleibt nicht im Wien um 1900 stehen.

704 Seiten mit wissenschaftlichem Anspruch – wer bei diesem Umfang skeptisch bleibt und eine trockene Lektüre erwartet, sei beruhigt. Denn diese Skepsis wird bereits nach wenigen Seiten verworfen. Die Art und Weise, wie Kandel wissenschaftliche Daten und Fakten mit künstlerischen Positionen in Einklang bringt, erzeugt eine Lesequalität, die fast schon ein wenig Romancharakter hat. Tatsächlich handelt es sich um ein Werk, das sich sogar als abendlicher Schmöker eignet und völlig auf einen Duden als Nachschlagewerk verzichten kann. Die Vielzahl an Illustrationen und Bildern in guter Qualität erleichtert das Verständnis und lockert das Lesen erneut auf. Erst auf der Hälfte des Buches werden die Schnitte zwischen Biologie und Kunst etwas härter und erfordern mehr Konzentration – der spannenden Zusammenführung schadet das jedoch nicht.