Ausstellungsbesprechungen

Erich Klahn – Ulenspiegel , Museum Behnhaus Drägerhaus Lübeck, bis 19. April 2015

War er ein Nazi? Darf man diesen Künstler vorstellen? Wie sehr sollte man auf seine Biografie eingehen? Das Lübecker Behnhaus präsentiert dieser Tage den Maler Erich Klahn, der über Jahrzehnte hinweg an Illustrationen zu Charles de Costers »Ulenspiegel«-Roman gearbeitet und weit über 1000 Aquarelle angefertigt hat. Stefan Diebitz hat sich die umstrittene Ausstellung angesehen.

Den »Eulenspiegel« kennt wohl fast jeder, zumindest in Lübeck und Mölln – schließlich spielen hier einige markante Episoden des niederdeutschen Volksbuches, und in Mölln erinnert ein schöner Brunnen an den großen Schelm. Aber der Held des Romans von Charles de Coster hat mit Eulenspiegel außer dem Namen und dem Schalk im Nacken nicht allzu viel gemeinsam, denn der belgische Autor versetzte den Narren aus dem Mittelalter in das 16. Jahrhundert und damit mitten hinein in den Freiheitskampf der Flamen gegen die Spanier.

Klahn muss ein eigenwilliger Mensch gewesen sein. Er lehnte es ab, sich selbst einen Künstler zu nennen, und verstand sich lieber nur als Maler, der nicht in einem Atelier, sondern in einer Werkstatt arbeitete. Auch zog er stets feste Auftraggeber einer ganz freien Tätigkeit vor, so dass es kaum Ausstellungen mit seinen Bildern gab. Freilich, für die jahrzehntelange Arbeit an den insgesamt 1312 Aquarellen zu de Costers Roman konnte er keinen Auftraggeber vorweisen, wenngleich ihm eine Mäzenin für jedes Blatt eine feste Summe versprochen hatte – je einen Taler (drei Reichsmark) pro Bild. Eigentlich gedachte der Maler mit nur (nur!) 1000 Bildern auszukommen, um das ganze Buch zu bebildern, aber es wurden dann doch deutlich mehr – und dabei ist er nicht einmal richtig fertig geworden. Wenn man bedenkt, dass in aller Regel zwei Blätter mit Vorzeichnungen dem Aquarell vorausgegangen sind, kann man sich selbst ausmalen, wieviel Fleiß, Energie und Ausdauer in dem Projekt steckt, aber auch, wie schwierig es gewesen sein muss, eine Auswahl für die Ausstellung zu treffen.

Klahn benutzte nicht eine beliebige Romanvorlage, um irgendetwas Eigenes zu machen, sondern er blieb extrem nah am Text – so nah, dass zu jedem einzelnen der ungefähr 300 Aquarelle in der Ausstellung wie im Katalog die entsprechende Textstelle angegeben werden kann. Gelegentlich soll es acht Illustrationen zu einer einzigen Seite geben! Wer also durch die Ausstellung gegangen ist und die Texte gelesen hat, kennt eine Abbreviatur des Romans.

Wie präsentiert man 300 Aquarelle? Im Behnhaus – das Konzept stammt von Alexander Bastek, dem Leiter des Hauses – hat man eine sehr geschickte Lösung gefunden, die dem erzählerischen Stil der Illustrationen ebenso gerecht wird wie der Tatsache, dass es sich um einen gedrängt, ja dramatisch und immer auf den Punkt erzählten Roman handelt. Die Aquarelle hängen ganz dicht beieinander, so dass die Rahmen einander berühren; manchmal ist die Leserichtung vertikal, manchmal horizontal. Auf diese simple Weise kann tatsächlich Abwechslung geschaffen werden, die durch die unterschiedliche Farbgebung der Blätter noch unterstützt wird. Ein Kenner wird schon aus der Entfernung bloß anhand der Farbe sagen können, zu welchem Teil des Romans die Bildfolgen gehören. Dazu kommen in der Ausstellung dann noch einige wenige andere Arbeiten. So empfängt im ersten Raum den Besucher eine vierteilige Gruppe von sehr großen, in einem blutigen Rot grundierten Schelmenbildern vor einem blauen Hintergrund – ein spektakuläres Entrée. Die vier Ölbilder zeigen den Erzlügner Münchhausen, der sich eben gerade an seinem Zopf aus dem Sumpf zieht, Don Quichote und Sancho Pansa, Ibsens Theaterheld Peer Gynt und schließlich mit Till Ulenspiegel und Lamme zwei Protagonisten des Romans. Auch später finden sich gelegentlich andere Bilder zwischen den vielen Aquarellen.

So ist einer der Höhepunkte der Ausstellung ein großes quadratisches, fast monochromes, nämlich überwiegend hellgraues Ölbild, das den »Rückzug der napoleonischen Armee aus Rußland« zeigt – gemalt 1938, stellt es dem Betrachter eine schier unendliche Schneelandschaft vor Augen, in der sich einige wenige Menschen und Pferde verlieren. Der hohe Horizont, der verzerrte Kadaver eines verendeten Pferdes und die kraftlos durch den hohen Schnee stapfenden Figuren machen die Hoffnungslosigkeit dieses Rückzuges anschaulich. Wenn man an die Geschehnisse einige wenige Jahre später denkt, muss man das Bild geradezu prophetisch nennen, obwohl es sicherlich nicht so gemeint war.

Der Roman erzählt zwei Geschichten – die eine handelt von Ulenspiegel als dem Kind armer Eltern, die andere von dem Infanten Philipp, der später Philipp II. werden sollte, eine düstere, in den Niederlanden und in Belgien bis heute verhasste Figur. Entsprechend diesen beiden Erzählsträngen sind die Aquarelle in Farbgebung und Atmosphäre deutlich unterschieden; die einen eher bunt mit einer Vorliebe für ein aufdringliches Rot, die anderen eher grau-schwarz, so dass die Farbgebung dem säuerlichen Charakter Philipps entspricht. Die Aquarelle mit dem Infanten grenzen oft ans Karikaturistische; er ist eine hässliche, sogar sadistische Figur.

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Schon vor der Arbeit an dem riesigen Zyklus besuchte Klahn wiederholt Flandern und zeigte sich besonders von den gotischen Baudenkmälern fasziniert, die natürlich auf den Aquarellen des Romans, aber auch in der Ausstellung in Gestalt von Ölgemälden wieder auftauchen – interessanterweise alle in nächtlicher Atmosphäre. Dazu kommen auf den Aquarellen Hinweise auf die Gewalt jener Zeit; im Hintergrund baumeln Gehenkte, es gibt ein Autodafé, und einmal führen zwei spanische Soldaten eine Gruppe nackter Gefangener durch den Wald – das ist natürlich eine Situation, die an die Todesmärsche im Zweiten Weltkrieg erinnern muss und wie das große Schneebild fast prophetisch wirkt.

Und damit kommen wir zu einem etwas schwierigen Thema. Wenn man Wikipedia und zahlreichen Artikeln der letzten Wochen trauen darf, dann war Erich Klahn über viele Jahre hinweg ein Anhänger des Nationalsozialismus; wenn ich aber auf Alexander Bastek und die anderen Verantwortlichen der Lübecker Ausstellung höre, dann war er ein verschrobener und im Grunde ganz unpolitischer Eigenbrötler. Es ist nicht leicht, hier die richtige Antwort zu finden. Und die Bilder? Einmal finden sich wirklich einige Juden wie aus dem »Stürmer«. Sonst stellen die Aquarelle den Schrecken dar, den man sehr leicht auf das Dritte Reich hätte beziehen können, auch wenn die Darstellung auf den Terror ihrer katholischen Majestät abzielt. Von nationalsozialistischer Propaganda findet sich in der Lübecker Ausstellung keine Spur – was allerdings allein noch nicht die Vorwürfe gegen Klahn entkräftet.

Gleichwohl will sich eine dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur zugeordnete Behörde, die Klosterkammer Hannover, jetzt vom gesamten Nachlass des Künstlers trennen, und ganz ohne Argumente ist diese Behörde nicht, sondern kann auf ein Zeugnis Klahns zurückgreifen, ein Papier, in dem er einer ziemlich üblen Figur, Zuchthausdirektor im 3. Reich, einen »lauteren Charakter« bescheinigt.

Stark in der Kritik steht Klahn auch oder vor allem wegen seines Eintritts in die NSDAP im Jahre 1921. Allerdings, halten seine Verteidiger dem entgegen, damals war er erst 19, und seine Mitgliedschaft soll er nicht erneuert haben, nachdem die Partei nach dem Verbot 1923 1925 neu gegründet worden war. Den Gegenbeweis – seinen erneuten Eintritt in die Partei – hat man noch nicht geführt, wenngleich man ihm eine ideologische Nähe zum Nationalsozialismus attestieren kann. Ein weiterer Vorwurf gilt einem Preis, den er 1943 in Lübeck entgegennahm. Will man ihm vorwerfen, dass er als ein erfolgloser Künstler, der buchstäblich um das Überleben kämpfte, das Geld entgegennahm? Da fallen einem ganz andere Künstler und Schriftsteller ein. Immerhin werden die Werke von Richard Strauss nach wie vor gehört und verkauft, sogar in Israel, und dieser Mann spielte eine ziemlich traurige Rolle im 3. Reich, ohne dass sich heute irgendjemand großartig darüber aufregt. Es kommt eben nicht allein auf die politische Lage an, sondern auch auf die persönlichen Lebensumstände; wenn man diese berücksichtigt, wird man vielleicht etwas weniger schroff und moralinsauer urteilen.

Abgesehen von der Qualität der Aquarelle und der Monströsität einer künstlerischen Anstrengung, die sich über Jahrzehnte hingezogen hat und die vielleicht schon allein eine Ausstellung legitim erscheinen lässt, sollte man die Unterscheidung zwischen Autor- und Werkintention bedenken, also die Möglichkeit, dass ein Werk uns etwas anderes sagt, als der Künstler eigentlich gewollt hat. Hat das Bild über den Rückzug der napoleonischen Armee auf den Erzfeind Frankreich gezielt? Vielleicht oder sogar wahrscheinlich hatte Klahn das eigentlich im Auge, aber das große Gemälde drückt heute etwas ganz anderes aus. Dasselbe gilt für die nackten Gefangenen der Spanier. Keine Frage, dass sich die Bilder gegen den Katholizismus richten, aber wir heute verstehen sie ganz anders. In seinem Essay über Erich Klahns »Uhlenspiegel« spricht Hellmut Th. Seemann eben diese Aspekte an, wenn er zu den Schneebildern sagt: »Klahn, der Illustrator, ist in dieser Bildfolge ein anklagender Prophet des unmittelbar Bevorstehenden, der, vielleicht ohne dass er es selbst weiß, seine Zeit zur Rechenschaft zieht.«

Der sehr schöne Katalog zeigt nicht allein die Aquarelle der Ausstellung zusammen mit den entsprechenden Textstellen sowie die Ölgemälde, sondern darüber hinaus auch noch einige andere Arbeiten. Besonders wichtig erscheint eine Abfolge von sechs auf 1933 datierte Ölgemälde unter dem Titel »Erreger der Massen«. Zu diesen »Erregern« zählte der Künstler so veschiedene Männer wie Ignatius von Loyola, Lenin und – Hitler. Wie die vier Schelmenbilder sind diese Ölgemälde von einem hochaggressiven, von dem zu Wutanfällen neigenden Künstler offenbar sehr geliebten Blutrot unterlegt. Dazu bietet der Katalog einen biografischen Abriss, einen Beitrag, der das Erzählen in Bildfolgen mit der Erzählweise des Films vergleicht, einen kurzen Aufsatz über Aspekte der Komposition und endlich Seemanns Essay. Ausstellung wie Katalog sind außerordentlich anregend und interessant.