KunstGeschichten

Erich Wurth: Bozena vom Dachboden

In loser Folge stellen wir Ihnen hier Kurzgeschichten von Erich Wurth vor, die immer in Wien spielen und immer mit Kunst zu tun haben. Erich Wurths Kurzgeschichte "Die Venus im Keller" gehörte zu den Nominierungen des VDG Kunstkrimi Schreibwettbewerbs und wird Ihnen als nächste Kurzgeschichte vorgestellt.

Bozena vom Dachboden

 
Sie war fast achtzig, die Bozena Kwapil mit dem Spitznamen Bozena vom Dachboden, sehr knochig und relativ groß, was man aber wegen ihres Buckels nicht sah und sie trug immer ein langes, dunkelblaues Schürzenkleid mit einem weißen Blümchenmuster. Seit Jahrzehnten hatte sie nie etwas anderes angehabt. Und außerdem pflegte sie in alten, braunen Herrenschuhen herum zu laufen, weil diese bequemer für ihre riesigen, von etlichen Hühneraugen geplagten Füße waren.
Seit gut fünfzig Jahren lebte sie in einem Einzelraum im Dachgeschoß eines Heurigenlokals in Mauer, in der Maurer-Lange-Gasse, und jeden Sonntag stieg sie immer noch hinauf bis zur „Schießstätte“, einem Wirtshaus in der Senke zwischen dem „Wilden Berg“ und der „Antonshöhe“, in unmittelbarer Nähe der Tiergartenmauer. Das war ihre wöchentliche „Landpartie“, die sie noch aus der Zeit des zweiten Weltkrieges gewohnt war.
Die zweite Eigenart der Bozena außer diesen wöchentlichen Ausflügen war es, auf dem Dachboden des Heurigenlokals herumzustöbern und eventuelle Fundstücke auf dem schwarzen Brett des nahen Supermarkts zum Verkauf anzubieten. Der Wirt, Herr Pannagel, der den Weinbau nun schon in der dritten Generation betrieb, hatte seiner alten Mieterin das Recht eingeräumt, mit dem Gerümpel, das sich auf dem Dachboden befand, nach Belieben zu verfahren und Bozena, die nur die Mindestpension bezog, konnte sich mit dem alten Zeug ein paar Euro dazu verdienen.
Den Dachboden konnte man durch eine Tür, die der zu Bozenas Einzelraum genau gegenüber lag, betreten. Und hinter dieser Tür stapelte sich Gerümpel, das zum Teil noch aus den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts stammte. Herr Pannagel senior war froh, dass Bozena diesem Wust zu Leibe rückte und außerdem vergönnte er der alten Frau, die es im Leben nicht leicht gehabt hatte, den kleinen Zusatzverdienst.
Bozenas Mutter Jana Kwapil stammte aus der Gegend von Ostrava und war 1928 nach Wien gekommen, um als Köchin für einen jüdischen Universitätsprofessor zu arbeiten, der eine Villa in Mauer bewohnt hatte. Deutsch hatte Bozenas Mutter nie richtig gelernt, sondern sie bediente sich des damals in Wien noch verbreiteten Idioms des „Kuchlbehmisch“, einer seltsamen Mischsprache aus mehr Tschechisch als Deutsch und Bozena eignete sich diesen Tonfall natürlich an. Noch immer „böhmakelte“ sie, obwohl sie seinerzeit die Schule in Wien besucht hatte.
Von ihrem Vater wusste Bozena nur, dass er bei der Brauerei Liesing gearbeitet hatte und ihre Mutter prompt sitzen ließ, als er von deren Schwangerschaft erfuhr.
Jana Kwapil brachte ihr uneheliches Kind so recht und schlecht durch den Krieg, obwohl sie ihre Stelle beim Professor verloren hatte, als diesem 1938 im letzten Moment gerade noch die Flucht nach Shanghai gelungen war. Natürlich beschränkte sich Bozenas Ausbildung nur auf die Grundschule, dann sah sie sich genötigt, selbst zu verdienen und fand eine Stelle als Küchenhilfe.
„Aus’m Gretzl“ (Engere Nachbarschaft, von mittelhochdeutsch „Gerötze“ = zentrale Häusergruppe) kam Bozena kaum heraus. Als sie später „putzen ging“, nahm sie nur Kunden an, die in unmittelbarer Umgebung der Maurer-Lange-Gasse wohnten. Ihr Kontakt mit der weiten Welt bestand darin, dass sie mitunter hinab zur Geßlgasse ging, wo sich bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts die Endstelle der Straßenbahnlinie 60 befand. Von dort fuhr damals die Straßenbahn Linie 360, teilweise durch die Weingärten, weiter nach Perchtoldsdorf und Mödling und in einer Zeit, als die meisten Menschen noch kein Auto besaßen, waren an Wochenenden immer Unmengen von Ausflüglern unterwegs. Diese beim Umsteigen zu beobachten reichte Bozena vollkommen. Sie selbst wollte gar nicht mit „dem Dreihundertsechziger“ nach Mödling. Eine solche „Weltreise“ war nichts für sie.

Fortsetzung von Seite 1

Als man dann zu Anfang der Siebzigerjahre auf der Wiese am Georgenberg die Dreifaltigkeitskirche baute, ging Bozena gar nicht mehr zur Straßenbahn. Sie stieg lieber den Hügel hinauf und beobachtete die Baufortschritte. Was da vor sich ging, war in ihren Augen ein Skandal!
Das konnte nie und nimmer eine Kirche werden! Das waren ja nur Betonblöcke! Es sah aus, als ob da ein Kind mit überdimensionalen Holzbausteinen gespielt und dann diese ganz einfach liegen gelassen hätte!
1976 war die Kirche fertig. Bozena konnte es nicht fassen, dass da nicht mehr weiter gearbeitet wurde. 152 rohe Betonblöcke und ein paar Glasscheiben. Das war alles. Und ein gewisser Fritz Wotruba hatte das Ding entworfen.
Wotruba. Das klang für Bozena vertraut und beinahe heimatlich, obwohl sie Mähren, woher ihre Mutter stammte, nie besucht hatte. Und gerade jemand, der Wotruba hieß, war für diesen Mist verantwortlich?
Dann ertappte sich Bozena dabei, dass sie jedes Mal, wenn sie zum Wirtshaus Schießstätte spazierte, den Umweg zur Wotruba – Kirche machte. Anfangs meinte sie, sich nur davon überzeugen zu wollen, dass an dem Gebäude tatsächlich nicht weiter gebaut wurde. Aber nach einem halben Jahr kam Bozena dahinter, dass sie dieser Betonhaufen auf eine eigenartige Art und Weise faszinierte.
Wenn man sie gefragt hätte: „Gefällt Ihnen das, Frau Kwapil?“, hätte sie mit Sicherheit gesagt: „Nu, Jeschusch, was soll denn da scheen sein dran? Das sind doch nur Narrischkaten (Narrheiten)!“
Sie war tatsächlich davon überzeugt, dass das Bauwerk Unsinn sei. Trotzdem brachte sie es nicht über sich, zur Schießstätte zu spazieren, ohne an der Kirche vorüber zu gehen.
Und eines Tages, es muss im Frühling des Jahres 1978 gewesen sein, fand sie ein Foto des Herrn Fritz Wotruba.
Es war in einer alten Zeitschrift abgedruckt, die aus dem Jahr 1976 stammen musste. In dem Artikel, der anlässlich Wotrubas Ablebens erschienen war, wurde auf dessen Werdegang Bezug genommen. Aktzeichnen hätte Fritz Wotruba, ein gelernter Graveur, studiert, bevor er sich auf die Bildhauerei gestürzt hätte. Bozena war einerseits beeindruckt, andererseits konnte sie sich nicht vorstellen, dass jemand, der Akte gezeichnet hatte, sich mit diesen Betonklötzen, die jetzt auf dem Georgenberg herum lagen, abgab. Aber das Foto Wotrubas, das aus den Zwanzigerjahren stammen musste, zeigte einen durchaus stattlichen, gut aussehenden Mann, der Bozena sofort sympathisch war.
Als sie am Wochenende wieder zur Schießstätte spazierte und ihren gewohnten Umweg über den Georgenberg nahm, sah sie die Kirche mit anderen Augen.
Was war in dem Zeitschriftenartikel gestanden? Wotruba habe gesagt, er wolle den Beweis dafür schaffen, dass Armut nicht hässlich sein muss.
Lange stand Bozena vor der Kirche. Nein, hässlich war das Gebäude nicht. Aber arm? Nu ja, nix dran halt. Schlicht.
Und dann begann es im Hirn der einfachen, ungebildeten Frau, die zu dieser Zeit zwar noch keinen Buckel hatte, aber bereits früh gealtert war, zu arbeiten.
Was da in ihrem Hirn arbeitete, hätte sie selbst nicht sagen können, wie sie überhaupt oft Schwierigkeiten damit hatte, sich auszudrücken. Es waren Gedanken, die schwer in Worte zu fassen sind. Möglicherweise entstanden neue Synapsen, neue Verbindungen zwischen ihren Hirnzellen – und Bozena war immerhin so klug, diesen Prozess des Werdens nicht zu stören, sondern still vor der Kirche stehen zu bleiben.
Als sie dann langsam zu ihrer Behausung zurückging, war sie zu einem „Wotruba – Fan“ geworden.
Doch nicht genug damit. Abends, als sie in ihrem Einzelraum im Dachboden des Heurigenlokals an ihrem alten Küchentisch saß, der als Essplatz und Arbeitsfläche diente, holte sie auf einmal aus der Lade dieses Tisches einen Bogen Briefpapier hervor. Vor Jahren hatte sie einmal einer Jugendfreundin schreiben wollen, es aber dann bleiben lassen, weil sie der Empfängerin des Briefes ihre Art der Orthografie nicht zumuten wollte. Auch ein Bleistift mit Radiergummi am anderen Ende der Mine fand sich und dann begann Bozena plötzlich, die Dreifaltigkeitskirche zu zeichnen. Aus dem Gedächtnis. Sie, die seit der Schule kaum jemals einen Bleistift benutzt hatte, zeichnete!
Den ganzen Abend lang kritzelte sie und radierte und kritzelte wieder und erst, als sie in der Ferne die Uhr der Maurer Kirche elf schlagen hörte, ging sie zu Bett. Nicht ohne vorher das Briefpapier mit der unbeholfenen Zeichnung in ganz kleine Stücke zu zerreißen
In der Nacht träumte ihr, sie säße im Gras nahe der Dreifaltigkeitskirche und zeichnete diese, wobei sie einen richtigen Zeichenblock benutzte. Die Zeichnung gelang ihr gut und plötzlich sagte jemand hinter ihr: „Gar net schlecht!“ Sie drehte sich um und da stand Fritz Wotruba in einem eleganten, hellgrauen Anzug. Sein gut geschnittenes, glatt rasiertes Gesicht, lächelte und nickte ihr anerkennend zu.
„Jeschusch, Maria“, sagte Bozena. „Sie sind das? Warum haben Sie genommen nur den nackerten Beton für die Kirche?“
„Ich wollt die Leut’ a bissel aufrütteln“, antwortete Wotruba und verschwand im nächsten Moment, worauf Bozena aufwachte.

Fortsetzung von Seite 2

An diesem Tag, gleich nach acht Uhr, marschierte sie entschlossen zum Supermarkt in der Endresstraße, nahe dem Maurer Hauptplatz, der wegen einer nahe gelegenen Schule auch über eine kleine Papierwarenabteilung verfügte, und erstand dort etwas für sie völlig Ungewöhnliches: Einen echten, richtigen Zeichenblock und zwei Bleistifte. Und überdies besorgte sie sich zwei Semmeln mit Leberkäse, die der Proviant für den geplanten Ausflug sein sollten.
Seit diesem Tag hatte die Putzfrau Bozena Kwapil eine seltsame Leidenschaft. Sie zeichnete die Wotruba – Kirche immer wieder und sie entwickelte eine gewisse Fertigkeit dabei. Ihre Zeichnungen wurden immer besser, aber sie zeigte die Werke niemandem. Ihr Einzelraum im Dachboden des Heurigenlokals war bereits tapeziert mit ihren Zeichnungen, aber da niemand sie besuchte, sah auch niemand, was da hing.
Immer, wenn sie im Gras bei der Kirche saß und zeichnete, hatte sie das Gefühl, als ob ihr Fritz Wotruba zusehen würde, aber sie träumte nie mehr von ihm.
Als sie 1990 in Pension gehen konnte, wurde ihr Hobby endgültig zu so etwas wie ein innerer Zwang für sie. Kontaktarm, wie sie war, genoss sie die geistige Nähe zum Bildhauer Wotruba nun auch an Wochentagen, sofern das Wetter schön war und dann, eines Tages, kam ihr spontan die Idee, eine „andere“ Wotruba – Kirche zu zeichnen. Wie würde das Gebäude aussehen, wenn der Künstler die Betonblöcke anders angeordnet hätte?
Immer waren es exakt die gleichen Betonblöcke, aber sie lagen nun auf ihren Zeichnungen anders in Bezug zueinander. Manche dieser „neuartigen“ Zeichnungen waren durchaus interessant. So hätte Wotruba tatsächlich seine Kirche entwerfen können! Von Statik hatte die biedere Bozena natürlich keine Ahnung, aber instinktiv erfasste sie die Erfordernisse, die für solch einen „Bausteinhaufen“ nötig waren. So produzierte die bucklige Mindestrentnerin Bozena Blätter von erstaunlichem Reiz – selbstverständlich nach wie vor ganz im Geheimen, denn sie schämte sich irgendwie für ihre künstlerische Tätigkeit. Zeichnen war immerhin keine Beschäftigung für einen über sechzigjährigen „alten Schraubendampfer“ ohne jegliche Bildung.
Und dann brachte sie ein ganz banaler Kurzschluss „ins Kriminal“, wie Bozena das ausgedrückt hätte.
Es war im Februar, da gab es plötzlich einen Knall und Bozenas Einzelraum lag im Dunklen. Es war später Nachmittag und sie brauchte Licht. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als ins Heurigenlokal hinunter zu gehen und Herrn Pannagel um Hilfe zu bitten.
Dessen Sohn Marco, dazu ausersehen, einst den Betrieb zu übernehmen, war zu diesem Zeitpunkt im Haus und erklärte sich bereit, sich die Sache anzusehen.
Bozena stieg wieder ins Dachgeschoß und nahm in Windeseile und beim überaus spärlichen Licht der Straßenbeleuchtung die Zeichnungen von den Wänden. Die gingen den jungen Pannagel nichts an.
Sie war soeben damit fertig geworden, da klopfte es an der Tür. Marco tauchte mit einer Taschenlampe auf und sah sich um. Der Schaden war bald gefunden: Das Kabel von Bozenas kleinem Elektrokocher war durchgescheuert. Marco entfernte das Kabel, tauschte die Sicherung und das Licht war wieder da.
Ganz verblüfft starrte Marco als es wieder hell geworden war auf Bozenas Tisch, auf dem eine Zeichnung lag. „Was is denn des?“, fragte Marco.
Bozena zuckte betreten die Schultern. Das Blatt hatte sie doch glatt vergessen. Zuzugeben, dass sie es selbst angefertigt habe, kam ihr gar nicht in den Sinn. „G’funden“, sagte sie.
„Was, da am Dachboden?“
Bozena nickte.
Marco studierte das Blatt genauer. „Des is die Wotruba – Kirchen“, stellte er fest, „aber irgendwie anders.“ Ganz plötzlich tauchte der Gedanke in seinem Hirn auf, die Zeichnung könne möglicherweise einen nicht realisierten Entwurf der Kirche darstellen. Dann musste sie also von Wotruba selbst stammen!
Fritz Wotruba galt zu diesem Zeitpunkt bereits als einer der bedeutendsten Bildhauer Österreichs. Immerhin war er ja bereits tot. Und die Österreicher, insbesondere die Wiener, lassen einen Künstler immer erst dann hochleben, wenn er schon tot ist. Aufgrund dieser typisch wienerischen Eigenschaft des Publikums müsste daher theoretisch jeder Künstler hierzulande danach trachten, möglichst bald zu krepieren - dass aber die meisten Künstler das nicht tun, ist ihre eigene Schuld.
Gier regte sich in Marco. Er wollte das Blatt haben! Das musste eine schöne Stange Geld wert sein!

Fortsetzung von Seite 3

Nun wusste Marco natürlich, dass sein Vater der Bozena alles Gerümpel auf dem Dachboden überlassen hatte. Sollte er jetzt wegen des Blattes seinen Vater veranlassen, das Versprechen, die alte Putzfrau könne alles als ihr Eigentum betrachten, zurück zu nehmen? Nein. Besser, der Herr Papa wusste auch nichts von der Zeichnung.
„Frau Kwapil, ein Freund von mir sammelt solche Zeichnungen. Würden Sie das Blatt verkaufen?“ Da Alte hatte sicher keinen blassen Schimmer, was so eine Zeichnung wert sein konnte.
„Nu ja, lieber net, hob ich schlechtes G’wissen“, meinte Bozena.
„Warum denn?“
„Is ja nix wert!“
„Na ja, viel net. Aber ich tät Ihnen zwanzig Euro zahlen dafür.“
„Jeschusch Maria! So viel Geld! Für a Papierl mit aner Schmierasch (Geschmiere)? Nu, wenn S’ glauben…“
Am nächsten Tag gönnte sich Bozena von den zwanzig Euro eine Extraportion Leberkäse im Supermarkt, wo sie auch einen schönen, großen und preiswerten Grünkohl dazu erstand. Für eine Mindestrentnerin eine beachtliche Verbesserung des Lebensstandards! Und Marco bot das neu erstandene Blatt am selben Vormittag einem Kunsthändler in Hietzing an und kassierte siebzig Euro dafür.
Der Handel lief nicht ganz reibungslos ab. Denn Marco bestand darauf, dass die Zeichnung von Fritz Wotruba persönlich stammte und der Händler verneinte dies. Trotzdem fiel dem Galeristen Hoffmann auf, dass die Zeichnung etwas Besonderes war. Immerhin konnte es möglich sein, dass sie tatsächlich in einem gewissen Zusammenhang mit dem Entwurf der Dreifaltigkeitskirche stand, aber der Zeichner war mit Sicherheit nicht Wotruba!
Es gab im Zuge der Preisverhandlungen ein paar unfreundliche Worte zwischen Hoffmann und Marco, aber dann einigte man sich doch. Hoffmann hatte es nicht zu bereuen.
Seine Andeutung, das Blatt könnte möglicherweise von Wotruba stammen, veranlasste noch am selben Tag einen Käufer, zweihundertfünfzig Euro dafür auf den Ladentisch zu blättern.
Herr Hoffmann rieb sich die Hände und rief prompt den Marco an, dessen Telefonnummer er sich wohlweislich hatte geben lassen. Ob er noch weitere Blätter dieser Art hätte?
Am nächsten Tag klopfte es an Bozenas Tür. Marco fragte, ob sie vielleicht noch mehr Blätter unter dem Gerümpel gefunden habe.
Marcos Frage brachte die alte, pensionierte Putzfrau in ein ziemliches Dilemma.
Im Supermarkt gab es blaue Schürzenkleider im Sonderangebot und außerdem hegte Bozena den Wunsch, sich neue Schuhe zuzulegen. Im Schuhgeschäft in der Gesslgasse lagen gerade breite, bequeme Treter im Schaufenster, die ihr passen könnten. Aber mit der Mindestrente und der Monatsmiete, die ihr Pannagel abnahm? Was, wenn sie tatsächlich noch die eine oder andere Zeichnung dem Marco verkaufte?
Nun war Bozena das, was man in Wien eine „ehrliche Haut“ nennt. Aber wenn der Marco tatsächlich was für Zeichnungen zahlte, die sie selber gemacht hatte, dann war er wohl selber schuld. Schließlich hatte sie ihn ja nicht dazu animiert!
Und so kam es, wie es kommen musste. Bozena „fand“ immer öfter Zeichnungen von Fritz Wotruba und Marco kaufte sie. Das ging über ein Jahr so und Marco begann sich zu wundern, wie so viele der Zeichnungen in das Gerümpel auf dem Dachboden hatten gelangen können. Aber solang Hoffmann zahlte - mittlerweile hatte Marco den Preis auf einen Hunderter anheben können – sollte es ihm recht sein.
Die arme, alte Bozena hatte tatsächlich ein schlechtes Gewissen. War das, was sie da machte, nicht Betrug? Marco kaufte doch wahrscheinlich nur, weil er dachte, Fritz Wotruba wäre der Zeichner. Einzig die Tatsache, dass der Marco so drauf drängte, die Zeichnungen um einen Zwanziger zu kriegen, beruhigte Bozena. Und außerdem zündete sie jedes Mal, wenn sie die Dreifaltigkeitskirche besuchte, eine Kerze an. Von den zwanzig Euro, die sie pro Blatt kassierte. Das war sie der Dreifaltigkeit wohl schuldig!

Fortsetzung von Seite 4

Schließlich passierte dann die Sache mit dem Zeitungsartikel.
Die Journalistin hieß Manuela Moravec und war noch nicht lang bei der Zeitung. Es handelte sich um ein Blatt, das große Verbreitung und viel Einfluss hatte, weil man schon seit je her immer genau das schrieb, was die Wiener lesen wollten. Und wenn man die Mentalität der Wiener kennt, kann man sich denken, dass die Zeitung immer eine Menge zu meckern hatte.
Die Redaktion war da sehr konsequent. Der Wiener ist ein konservativer, „raunzerischer“ Typ. Hans Moser hatte diesen Typen seinerzeit perfekt verkörpert. Um die Auflage zu steigern, musste daher die Redaktion die Meinung des Volkes in Form von „Raunzereien“ ausdrücken, was sie gekonnt tat. Dem Blatt war es gelungen, über Jahrzehnte eine ganze Zahl von „Feindbildern“ aufzubauen: Die „Ausländer“, die grenznahen Atomkraftwerke, die „Grünen“, die Bürokratie der Europäischen Union und sämtliche gesellschaftspolitischen Reformen gehörten dazu.
Manuela hatte den Bogen bald raus. Die Leser des Blattes wollten nicht informiert werden, sondern ihre Vorurteile schwarz auf weiß bestätigt erhalten. Das beherrschte die Redaktion geradezu meisterhaft und die Auflage konnte sich sehen lassen.
Zwar tat sich die junge, aufgeschlossene Manuela etwas schwer, was Themen für sie betraf. Denn für alles gab es bereits einen Fachredakteur. Der eine ließ kein gutes Haar an der EU, der andere keines an der Regierung, der dritte keines am Fußballbund und der vierte keines am Theaterbetrieb.
Dann stieß Manuela durch Zufall doch auf ein Thema. Dabei hatte sie ganz etwas anderes vorgehabt. Sie wollte ihrem Freund ein Geschenk machen und stieß auf der Suche nach einem erschwinglichen Kunstwerk auf die Zeichnungen im Laden des Herrn Hoffmann. Die Blätter mit den phantasievollen Variationen der Wotruba-Kirche weckten ihr Interesse. Hoffmann, der behauptete diese stammten von Fritz Wotruba selbst, hatte mehrere auf Lager und Manuela wunderte sich darüber, woher die alle stammen mochten. Also schrieb sie einen Artikel, in dem sie den Verdacht äußerte, da stimme was nicht. Und grade dieser Artikel wurde tatsächlich gedruckt, weil eine Theaterpremiere verschoben worden war und auf der Kulturseite ein Loch gefüllt werden musste.
Bozena, die immer die alten Zeitungen von Herrn Pannagel erhielt, las zufälligerweise den Artikel drei Tage nach dessen Erscheinen und beinahe hätte sie der Schlag getroffen. „Jeschusch Maria, gibte nicht! Können sich nicht sein meine Schmieraschen“, versuchte sie, sich zu beruhigen. Aber es nützte nichts, gleichzeitig wusste sie, dass es doch ihre Zeichnungen waren. Der Marco hatte die Dinger weiterverkauft!
Bozena war zutiefst unglücklich. Sie hatte ja dem Marco gesagt, sie hätte die Blätter gefunden. Jetzt bereute sie das. Aber andererseits, die schämte sich ja so! Zeichnen ist eben keine Beschäftigung für eine pensionierte alte Putzfrau! Das glaubte ihr ja eh keiner, dass sie die Dinger selber gemacht hatte! Was sollte sie jetzt tun? Ihre Zeichnungen als mutmaßliche Fälschungen in der Zeitung! Tief war sie gesunken!
Bozena verbrachte eine schlaflose Nacht. Erst gegen morgen fiel sie in einen kurzen Schlaf und träumte, dass Fritz Wotruba vor seiner Dreifaltigkeitskirche auf sie wartete. Als sie dort ankam, höhnte Wotruba: „Gierig warst, du alte Schnepfen! Das hast davon!“
„Nu, Sie haben ja auch g’nommen Geld fürs Zeichnen…“, wandte Bozena ein.
„Das is was Anderes! I bin a professioneller Künstler – und du a alter Putztrampel“, sagte Wotruba und löste sich in ein Wölkchen Rauch auf.
Über diese kurze Traumsequenz war Bozena fast noch mehr schockiert als über den Zeitungsartikel. Fritz Wotruba, der ihr seinerzeit im Traum anerkennend zugenickt hatte, war böse auf sie.
Sie musste diesem Spiel ein Ende setzten! Und da fiel ihr die gute Frau Schlerka ein.
Bis zu ihrer Pensionierung hatte sie bei der Rechtsanwältin Frau Doktor Schlerka geputzt und die Anwältin war offenbar mit ihr zufrieden gewesen, denn immer wieder hatte sie der alten Bozena kleine Geschenke zugesteckt. Vielleicht konnte die ihr jetzt helfen?
Am Abend marschierte Bozena die kurze Strecke zum Haus der Anwältin. Sie hatte es nicht so mit dem Telefonieren und ging lieber gleich hin. Tatsächlich traf sie die Juristin an und diese nahm sich sogar gleich Zeit für ihre verstörte ehemalige Putzfrau.
Also erzählte Bozena die Geschichte. Aber wieder machte sie den Fehler, nichts von ihrer eigenen Urheberschaft der Zeichnungen zu erwähnen! Es war ein unüberwindliches Schamgefühl, das sich in ihr festgesetzt hatte. Zeichnen war was für gebildete Leute, nicht für Dienstboten. Und Bozena fühlte sich ganz einfach zutiefst diesem niedrigen Stand zugehörig. Zeichnen, das war in ihren Augen so was wie eine Anmaßung, eine Hoffart und somit eine Sünde. Nein, das durfte sie nicht zugeben!

Fortsetzung von Seite 5

Frau Doktor Schlerka versprach, der Sache nachzugehen. Sie würde mit der Journalistin reden, die den Artikel verfasst hatte.
Tatsächlich kam es am nächsten Tag zu einem Telefonat zwischen Manuela Moravec und Frau Doktor Schlerka, in dem die Anwältin darauf hinwies, dass die alte Frau Bozena Kwapil die Blätter zwar gefunden habe, aber nie behauptet hätte, sie stammten von Wotruba! Es müsse sich da entweder um ein Missverständnis handeln oder um den Versuch des Galeristen, durch eine falsche Behauptung den Wert der Zeichnungen zu steigern.
Mit diesem Anruf bei der Zeitungsredaktion erreichte Frau Doktor Schlerka allerdings genau das Gegenteil dessen, was sich Bozena davon erhofft hatte.
Manuela war zu diesem Zeitpunkt längst mit anderen Themen beschäftigt, unter anderem mit einem Projekt der EU, den Weinbau neu zu reglementieren – ein gefundenes Fressen für die Zeitung. Denn wenn’s um seinen Wein geht, versteht der Wiener keinen Spaß!   
Allerdings, vielleicht hatte Manuela mit ihrer Vermutung, da wäre etwas faul mit den angeblichen Wotruba – Zeichnungen doch in ein Wespennest gestochen! Sie beschloss, die Sache weiter zu verfolgen, obwohl sie die Angelegenheit mittlerweile als erledigt betrachtet hatte.
Also besuchte sie nochmals die Galerie Hoffmann in Hietzing und löcherte den Inhaber so lang, bis sie den Namen und die Telefonnummer des Verkäufers hatte.
Manuela tauchte daraufhin im Heurigenlokal Pannagel auf. Undercover sozusagen, als ganz normaler Gast. Bald hatte sie herausgefunden, dass Marco an der Schank bediente und so sprach sie ihn direkt auf die geheimnisvollen Zeichnungen an und gab sich als Journalistin zu erkennen.
Marco war sehr überrascht, als die junge, fesche Frau ihn so direkt auf die Zeichnungen ansprach. Über das Thema hätte er lieber geschwiegen, denn so ganz hundertprozentig stand ja wirklich nicht fest, von wem die Zeichnungen stammten. Einerseits hatte er gar nichts dagegen, seinen Platz hinter dem Schanktisch mit einem an Manuelas Tisch zu vertauschen, denn dieses Mädel war wirklich nicht zu verachten und Marcos Playboyinstinkt war sofort geweckt worden.
Also entschloss er sich, mit diesem attraktiven Mädel über die Zeichnungen zu sprechen. Er hatte ja schließlich nichts verbrochen und diese Journalistin hatte ein so interessantes und aufmunterndes Lächeln. Und überdies war das, was ihr T-Shirt umspannte, zwar nicht üppig, aber anscheinend trotzdem ausgesprochen sehenswert. Also übergab er seine Tätigkeit einer Kellnerin, kam an Manuelas Tisch und erzählte. Sogar ziemlich wahrheitsgetreu:
Er könne sich nur vorstellen, dass Wotruba, als er die Kirche seinerzeit geplant hatte, öfter Gast hier im Heurigen Pannagel gewesen war und Entwürfe, die er offensichtlich verworfen hatte, dem Bedienungspersonal als „Schmattes“ (Trinkgeld) überlassen habe. Anders wäre es nicht zu erklären, dass sich die Blätter später inmitten des Gerümpels auf dem Dachboden gefunden hätten. Diese Bozena Kwapil, die pensionierte Putzfrau, die da oben unter dem Dach hauste, musste die Zeichnungen zufällig gefunden haben. Und da sein Vater mit der Alten vereinbart hätte, diese könne das Gerümpel da oben nach ihrem Belieben verwerten, habe er eben dem alten Drachen was gezahlt dafür, obwohl das gar nicht nötig wäre, weil auf Kunstwerke hätte sich die Vereinbarung nie erstreckt.
Ob sich denn Wotruba tatsächlich öfter hier aufgehalten habe, wollte Manuela wissen.
Das sei schon recht lang her, erklärte Marco. In den siebziger Jahren war er ja noch gar nicht auf der Welt gewesen. Aber es müsse wohl so gewesen sein. Immerhin befände man sich hier am Fuß des Georgenberges und ziemlich nahe der Kirche. Dass das Personal mit den Zeichnungen nicht viel habe anfangen können, wäre nicht verwunderlich, denn damals kannte noch niemand den Wotruba, jedenfalls niemand aus dem einfachen Volk. Das wäre damals halt nur ein Verrückter gewesen mit seinen modernen Plastiken, die nichts darstellten.
Manuela hatte sich Notizen gemacht, bedankte sich nun bei Marco, schlug dessen Einladung zum gemeinsamen Discobesuch höflich, aber bestimmt aus und verabschiedete sich.

Fortsetzung von Seite 6

Marco war sauer. Wieder einmal ein „Hase“, der nicht auf ihn eingestiegen war. Das kam in letzter Zeit leider häufiger vor und Marco beschloss, sich ein zusätzliches Piercing an der Augenbraue anbringen zu lassen, um auf Mädel noch cooler zu wirken.
Manuela verließ das Heurigenlokal durch den Haupteingang. Aber anstatt zu ihrem Wagen zu gehen, der zwei Gassen weiter geparkt war, schlich sie durch die Einfahrt des alten Winzerhauses in den Garten und stieg hinauf zu Bozenas Einzelraum. Wenn sie schon einmal da war, wollte sie die Sache ganz aufklären!
Bozena fiel aus allen Wolken, als sie unerwartet Besuch kriegte. Und als Manuela gestand, sie wäre Journalisten und recherchiere über die Zeichnungen von Fritz Wotruba war Bozena einem Schlaganfall nahe.
Sie könne nichts drüber sagen, versuchte sie die Reporterin abzuwimmeln. Aber Manuela hatte in ihrer noch recht kurzen Tätigkeit im Journalismus bereits gelernt, dass Hartnäckigkeit eine der wichtigsten Eigenschaften in diesem Gewerbe ist.
„Aber, Frau Kwapil, Sie können mir doch zeigen, wo S’ die Zeichnungen g’funden haben! Oder is das zu anstrengend für Sie? Gehen S’, kommen S’, sie schauen doch noch so jung und agil aus, die paar Schritt auf’n Dachboden werden S’ ja schaffen! Zeigen S’ mir nur ganz kurz, wo die Zeichnungen g’legen sind!“
„No, am Dachboden.“
„Ja, aber wo genau? Waren die in ein’ Koffer, oder in einer Mappe? Ich will ja nur Beweise finden, dass die tatsächlich der Wotruba ’zeichnet hat!“
„Warum denn?“ Die alte Bozena wirkte irgendwie verzweifelt auf Manuela. „Ist das so wichtig?“
„Klar is das wichtig! Schauen S’, Frau Kwapil, wenn’s der Wotruba war, sind die Zeichnungen sehr viel wert und wenn’s a anderer war, fast nix! Sie wollen doch net, dass da irgendwer viel Geld für a Zeichnung zahlt, von der sich später herausstellt, dass nix wert is! Oder wollen S’, dass irgendwer viel Geld verliert?“
„I will niemandem nix Böses“, jammerte Bozena.
„Na, sehn S’! Dann helfen S’ mir doch, raus finden, ob die Zeichnungen echt sind, Frau Kwapil!“
Da brach der Widerstand der pensionierten Putzfrau zusammen. Sie ließ sich auf ihren einzigen Sessel fallen, vergrub das Gesicht in ihren runzligen Händen und schluchzte: „I war’s selber.“
Manuela verstand nicht, was die alte Frau damit sagen wollte. Sie tat fast so dramatisch, als ob sie ein Verbrechen gestehen würde. Und was war sie selber gewesen?
„Was denn? Was haben S’ selber g’macht?“
„Die Bildln“, sagte Bozena tonlos.
„Wie bitte? Sie selber haben die Zeichnungen g’macht?“ Manuela fühlte sich verarscht, aber die Alte nickte, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen.
„Ja, können S’ überhaupt zeichnen?“, fragte die Journalistin.
Da sah Bozena nun doch auf, holte ein riesiges, altes Taschentuch aus ihrem Blauen Kleid und schnäuzte sich geräuschvoll. Dann stand sie auf, zog einen Zeichenblock unter dem Bett hervor und begann, die Dreifaltigkeitskirche zu zeichnen.
Manuela sah verblüfft zu, wie schon nach einer Minute, mit wenigen Bleistiftstrichen, Wotrubas Meisterwerk auf dem Zeichenkarton entstand. Und zwar diesmal ohne Veränderungen.
Dabei war Bozenas Mundwerk ununterbrochen in Bewegung:
„No, wissen S’ Fräulein, I hab mir ’denkt, glaubt eh keiner, dass i’s g’macht hab. Und is ja auch net was für unserein’, das Zeichnen. Is was für G’studierte. Als Bedienerin (Putzfrau) is man viel zu hoppadatschig (unbeholfen,schwerfällig) für so was. Hab mi net traut, wem was erzählen. Is ja a Versündigung, wenn unsereins so was macht. Deshalb hab i ja Kerzen an’zünd’t in der Kirchen oben…“
Langsam begriff Manuela, was diese völlig ungebildete, bucklige Achtzigjährige mit ihrem Gestammel ausdrücken wollte: Ihre tiefe Ehrfurcht vor der Kunst. Sie hatte verschwiegen, dass sie zeichnete, weil sie es als Sakrileg empfunden hatte, dass eine ungebildete Person ihres Standes so etwas unternahm. Eine pensionierte Putzfrau, die sich aktiv mit Kunst befasste! Das war in den Augen der alten Kwapil eine ungerechtfertigte Anmaßung und somit sündhaft!
Manuela war gerührt.
„Frau Kwapil, das ist großartig, was Sie da machen!“, sagte sie, beugte sich hinunter zu der noch immer zeichnenden alten Frau und drückte ihr ein „Bussel“ auf die Stirn.
Bozena erstarrte. Dann sah sie zu Manuela hinauf und ihr Mund verzog sich zu einem erleichterten und fröhlichen Lächeln. „Dann is also nix Sündhaftes?“, fragte sie.
„Aber nein!“, rief Manuela. „Im Gegenteil! Frau Kwapil, i sorg dafür, dass Sie in die Zeitung kommen! Als künstlerische Neuentdeckung! Kommen S’ mit, geh’n wir runter zum Heurigen, ich lad Sie auf ein Glaserl ein!“
Es wurde noch ein ganz besonderer Abend für die alte Bozena Kwapil, an diesem Tag. Sie trank einen ausgezeichneten Zweigelt, ihre Sorgen, sich versündigt zu haben, waren nach einem langen Gespräch mit dem netten, jungen Fräulein von der Zeitung wie weggeblasen und in der Nacht träumte ihr, vor der Dreifaltigkeitskirche habe Fritz Wotruba ihr genau so ein Bussel auf die Stirn gegeben, wie die junge Journalistin. Fritz Wotruba persönlich, der nicht mehr böse war!
Der Bericht über die neu entdeckte, bereits achtzigjährige Künstlerin Bozena Kwapil erschien allerdings einen Tag verspätet, weil die Zeitung die Spalten brauchte, um die Niederlage der österreichischen Nationalmannschaft in einem Trainingsspiel gegen den FC Stinkenbrunn mit der entsprechenden, ausführlichen Boshaftigkeit zu kommentieren.
Bozena Kwapil machte das allerdings nichts aus. Sie war vollkommen glücklich.