KunstGeschichten

Erich Wurth: Folgenreiche Prämie

Neue Kurzgeschichte von unserem Wiener Autor Erich Wurth diesmal mit den Revierinspektoren Baumgartner und Stöger und einem geschenkten Bild... Am Ende der Kurzgeschichte haben wir ein Glossar angehängt, damit auch die Nicht-Wiener unter unseren Lesern nicht den Faden verlieren.

Kunstgeschichten©pkg

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„Tut’s no weh?“, fragte Revierinspektor Hans Baumgartner, der hinter dem Steuer saß, seinen Kollegen. Revierinspektor Hubert Stöger auf dem Beifahrersitz, der soeben die Hamburger und die Pommes frites aus dem Papiersäckchen fischte, hielt damit inne und rieb sich die linke Schulter. „Geht scho wieder. A Glück, dass mi der Schwarze net in die Pappen troffen hat.“
Sie hatten soeben einen randalierenden Nigerianer zum Ausnüchtern im Wachzimmer abgegeben, was diesem allerdings gar nicht genehm war und der seinem Protest mit ein paar Faustschlägen Nachdruck verliehen hatte. Jetzt gönnten sie sich einmal einen Imbiss, bevor nach Mitternacht mit einer Zunahme der Einsätze zu rechnen war.
Es war bisher ein ruhiger Dienst gewesen. Ein Autoeinbruch, ein Raufhandel in einem Kebab-Lokal, zwei verparkte Garageneinfahrten, also alles in allem nicht der Rede wert. Hubert reichte seinem Partner einen Hamburger, wickelte den seinen aus der Papierverpackung und meinte pessimistisch: „I wett mit dir, wenn i da jetzt rein beiß’, gibt’s an Einsatz.“
Hans Baumgartner antwortete nur lakonisch: „I bin ja net deppert!“
Hans hätte getrost wetten können, denn Funkwagen Paula zwei erhielt keinen Einsatzbefehl. Sämtliche Rowdys, Trankler  und Eindippler  schienen sich in andere Bezirke Wiens abgesetzt zu haben. Hans und Hubert kauten an ihren Hamburgern und hörten im Funk mit Schadenfreude die Einsatzbefehle für die Kollegen im Nachbarbezirk Rudolfsheim. Da waren bereits zwei Funkwagen und zwei Fußstreifen mit einer Schlägerei unter Jugendlichen vor der Stadthalle beschäftigt.
Paula zwei hielt vor einer Hauseinfahrt in einer Seitengasse der Ottakringer Straße, etwa dreißig Meter vor dem „Studio Red Heart“, dessen Neonreklame den beiden Beamten die Mahlzeit erleuchtete. Die stille Gasse war menschenleer.
Dann hielt vor dem Etablissement ein Taxi und Mercedes stieg aus. Hans Baumgartner kommentierte: „Die Mercedes kommt mit’n Mercedes. War im Einsatz.“
Mercedes, in ihrer Arbeitskleidung, also mit sehr, sehr kurzem Rock und schenkellangen weißen Stiefeln, sah das Polizeifahrzeug, kam etwas näher, erkannte die beiden Polizisten und winkte ihnen freundlich zu. Hans ließ zum Gegengruß kurz die Scheinwerfer aufleuchten und Mercedes, die ein flaches, in Zeitungspapier gewickeltes Paket trug, verschwand im „Red Heart“.
„Glaubst, die Susi kommt no einmal raus aus der Szene?“, fragte Hans.
Mit „Susi“ war Mercedes gemeint, die tatsächlich Susi Pospischil hieß, aber den „Künstlernamen“ Mercedes gewählt hatte.
„Die Susi schon“, prophezeite Hubert. „Das is ein liebes Mädel. Die braucht nur den Richtigen finden, dann wird die no perfekte Hausfrau und Mutter.“
Die nächsten fünf Minuten kam noch immer kein Einsatz. Die beiden Polizisten tranken ihre Coladosen leer und Hubert kramte die Fahndungsliste mit den gestohlenen Fahrzeugen hervor. Hans wollte eben für eine kleine Runde zur Überprüfung der abgestellten Fahrzeuge den Motor starten, da kam Mercedes, alias Susi mit dem flachen Paket aus dem „Red Heart“, sah sich kurz um und eilte dann auf den Streifenwagen zu.
Hubert ließ die Seitenscheibe herunter. „N Abend, Inspektor!“, grüßte Susi. „Können S’ mir das bitte bis morgen oder übermorgen aufheben?“
„Was is’n des?“
„A Bildl, der Herrgott.“
Hubert war verwundert. „Wie kommst denn zu so was?“
Susi berichtete, dass sie vorhin bei einem Herrn auf Hausbesuch gewesen war. „Also, eigentlich ka Herr, eher a Opa, fast a alter Tagerer .“, präzisierte sie. Und dieser Herr war mit ihren Dienstleistungen höchst zufrieden gewesen. „Madl, du bist a Wahnsinn! Hätt’ nie glaubt, dass no einmal funktioniert!“, hätte er gesagt.
„Zahlt hat er deshalb zwar net mehr“, berichtete Susi weiter. „Nur genau die ausg’machte Gage. Aber des Bildl hat er mir g’schenkt. Weil er eh jetzt auszieht und zu seiner Tochter geht. Wissen S’, Herr Inspektor, das Bildl hat mir glei g’falln, wie i dort hinkommen bin. Der Herrgott mit der Dornenkrone! Und der Herr hat’s bemerkt, dass’ mir g’fallt und hat g’sagt, das is ziemlich was wert, weil’s von an Nazarener is. Aber zweitausend Jahr, so alt schaut’s gar net aus! Der Herr hat g’sagt, das is eine Prämie! Eine Erfolgsprämie!“
Hubert unterbrach: „Und warum soll i’s aufheben für di?“
„Na, wenn’s was wert is, will’s der Lange hab’n. Und dem geb i’s net! Das häng i mir z’Haus auf, da hab i was zum Beten.“ Dabei wickelte Susi das Paket auf.
„Du  bet’st, Susi?“, fragte Hubert verblüfft.

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„Klar! I geh a in die Kirchen, wenn grad am Abend a Mess is. In der Früh schlaf i no.“
Mittlerweile hielt Inspektor Stöger das Bild ausgepackt in Händen. Es war ein Christuskopf, ein Ölgemälde und es sah tatsächlich alt und wertvoll aus. Hubert verstand von Malerei zwar so viel „wie a Kuh vom Klavierspielen“ (hätte er wohl gesagt), aber das Gemälde flößte ihm Ehrfurcht ein. Allerdings, zweitausend Jahre alt konnte nicht stimmen.
„Wie kommst auf zweitausend Jahr?“, fragte es skeptisch.
„Na ja, des is von an Nazarener hat der alte Herr g’sagt. Der Herrgott war ja aa aus Nazareth!“
Hubert brummte nur zweifelnd. Er sah das Gemälde nochmals genau an, dann die Susi und dachte an den „Langen“. Das war seiner Meinung nach ein „unguter Knochen“ und er konnte sich ohne weiteres vorstellen, dass Susis Vickerl  das Gemälde beschlagnahmen würde.
In diesem Augenblick meldete sich das Funkgerät: „Paula zwei, fahren Sie einsatzmäßig Thaliastraße 42, Bewaffneter bedroht Taxifahrer!“
Hans startete den Motor, Hubert legte das Gemälde vorsichtig auf den Rücksitz und sagte zu Susi: „I nehm’s mit nach Haus. Ruf an, wenn’st es holen kommst.“
„Danke, Inspektor!“, rief Susi dem Funkwagen nach, der bereits mit Blaulicht voll beschleunigte.
Paula zwei brauchte etwa neunzig Sekunden für den kurzen Weg in die Thaliastraße. Dort lief den beiden Beamten der Taxiräuber genau vor die Scheinwerfer. Hubert sprang mit gezogener Dienstwaffe aus dem Auto, Hans folgte nur Sekunden später und dann klickten die Handschellen. Der auf dem Taxistandplatz hinter dem Überfallenen wartende Kollege hatte beobachtet, was in dem Wagen vor ihm geschah und hatte rechtzeitig die Polizei gerufen.
Die Beute – die kompletten Tageseinnahmen des Taxlers – wurde sichergestellt und der entwaffnete Räuber ins Bezirkskommissariat verfrachtet.
Beinahe hätte sich der Festgenommene auf das Christusbild gesetzt, aber Hubert zog es noch gerade im letzten Moment dem Verhafteten unter dem Hintern weg.
Der Räuber, der so dilettantisch vorgegangen war - ein arbeitsloser Dachdecker aus Sankt Pölten - hatte die Darstellung auf dem Gemälde erkannt und verhöhnte auf der gesamten Fahrt zum Kommissariat die beiden Beamten als „Kerzenschlicker “ und „Betschwestern“, bis Hubert, ganz gegen die Vorschriften, ihm befahl, den Schlapfen  zu halten, wenn er nicht wolle, „bei der Festnahme zu Sturz“ zu kommen. Das half.

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Von ein Uhr bis vier Uhr hielten sich Hans und Hubert im Wachzimmer auf und Kollegen übernahmen den Streifenwagen. Hubert stellte das Christusbild in seinen Spind und nach kurzer Überlegung beschloss er, es auch dort zu belassen. Hier wäre es sicherer als bei ihm daheim.
Kurz nach vier saßen sie wieder in der Paula zwei und ihr erster Einsatz auf dieser Tour führte sie zum „Red Heart“.
Vor dem Etablissement waren zwei Damen einander in die Haare geraten. Als Hubert, der auf dieser Tour den Wagen lenkte, vor dem nun geschlossenen Bordell hielt, war die Auseinandersetzung noch voll im Gang und Susi gerade damit beschäftigt, ihr Handtäschchen ihrer Kollegin Desiree um die Ohren zu schlagen. Hubert sprang aus dem Auto. „Susi, spinnst? Bist ang’soffen?“
„I hau ihr ane auf’n Pepi , dass durch d’ Rippen schaut wie der Aff durch’n Gadern ! Die blöde Gurken hat dem Langen vom Herrgott erzählt! Und jetzt will er’n hab’n!“
Susis Gegnerin machte einen etwas schuldbewussten Eindruck, denn sie wehrte sich nur halbherzig. „Wie soll denn i wissen, dass der Lange auf einmal auf Heiligenbildln steht?“, verteidigte sie sich. „Der hat doch allweil g’meckert über die Pfaffen!“
Huberts Anwesenheit beruhigte Susi einigermaßen. Es gelang dem Revierinspektor, einen Waffenstillstand zwischen den beiden Frauen zu vermitteln und Desiree zog, leise vor sich hin schimpfend, in Richtung stadtauswärts ab.
Susi versprach, sich beim Inspektor in den nächsten Tagen zu melden, um sich das Gemälde abzuholen, dann machte auch sie sich auf den Heimweg.
Der Rest der Nacht verlief für Hubert wieder eher ruhig. Trotzdem war er müde, als er im Wachzimmer die Uniform auszog und in den Spind hängte, wo bereits das Gemälde untergebracht war. Er betrachtete es lange. 
Zu Hause legte sich Hubert sofort hin und schlief bis nach Mittag. Seine Frau bemühte sich, leise zu sein, als sie von ihrem Halbtagsjob heimkam und erst als die Kinder aus der Schule zurück waren, wachte er auf.
Als erstes zog er sein Lexikon zu Rate und schlug nach unter „Nazarener“. Er las den Artikel aufmerksam durch und erfuhr erstmals von der romantisch – religiösen Kunstrichtung die in Rom, Wien und München in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aktuell war. Ebenfalls erstmals wurde er mit Malern wie Overbeck, Schnorr von Carolsfeld, Veit, Olivier, von Kaulbach oder Pforr konfrontiert und lediglich der Name Kupelwieser war ihm durch die Kupelwiesergasse im dreizehnten Bezirk ein Begriff. Nur hatte er bisher natürlich nicht gewusst, dass die Straße nach einem Maler benannt worden war.
Wenn also Susis „Herrgott“ tatsächlich von einem Nazarener stammte, war das Gemälde offenbar wirklich eine Stange Geld wert. Nun, er vergönnte es der Susi! Vielleicht kam sie mit einer entsprechenden Finanzspritze früher aus dem Milieu heraus.
Etwa um fünfzehn Uhr, als die Familie Stöger gerade die Wohnung verlassen wollte, um in einem Einkaufszentrum den längst fälligen Erwerb neuer Schuhe für die Kleinere von Huberts Töchtern zu tätigen, läutete das Telefon. Frau Stöger ging ran und rief dann ihren Mann. „Ein Herr Hiebler für Dich!“
Markus Hiebler, in der Rotlichtszene genannt „der Lange“, war Eigentümer des Etablissements „Red Heart“ und damit der Chef von Susi Pospischil, alias Mercedes. Er hatte Huberts Telefonnummer ganz einfach aus dem Telefonbuch.
„Herr Inspektor, ich hab aus der Susi rausgeprügelt, wem sie das Gemälde gegeben hat. Ich komm’s mir heut Abend holen.“
„Das werden Sie nicht“, widersprach Hubert. „Erstens gehört das Bild nicht Ihnen, sondern der Susi, und zweitens hab ich’s nicht da.“
„Ob’s mir oder der Susi gehört, entscheide ich, nicht Sie! Die Susi arbeitet für mich und unsere internen Abmachungen gehen Sie nix an. Wo haben Sie das Bild?“
„Gut aufgehoben.“

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„Wo?“ Die Stimme des „Langen“ klang äußerst bestimmt.
„Das geht wieder Sie nix an!“
Der Mann am anderen Ende der Leitung schwieg einige Sekunden. Dann sagte er: „Na schön. Ich werd mir mein Bild schon verschaffen. Wenn Sie klug sind, rücken Sie’s raus. Wenn Sie weniger klug sind, müssen Sie gut auf Ihre Familie aufpassen.“ Und damit legte der Mann ohne ein weiteres Wort auf.
Hubert war beunruhigt. Der beinahe ein Meter neunzig große Markus Hiebler war als gewalttätig amtsbekannt. Möglicherweise war sein Familienname mit ein Grund für seine Gewaltbereitschaft, denn Hiebler, im Wiener Dialekt manchmal Hiabler gesprochen, bezeichnet jemanden, der einen „Hieb“ hat, also einen Dachschaden. Hubert war sicher, dass der Lange in seiner Kindheit und Jugend oft mit seinem Namen gehänselt worden war. So etwas macht unfreundlich.
Hubert dachte daran, seinen Wachzimmerkommandanten zu bitten, das „Red Heart“ wieder einmal zu überprüfen. Aber bisher waren alle Razzien erfolglos gewesen, abgesehen davon, dass man zwei, drei Junkies aufgegriffen hatte. Markus Hiebler hatte eine gültige Konzession für seinen Betrieb, die Damen verfügten alle über einen „Deckel“ , zahlten Einkommensteuer und hielten die Termine für die vorgeschriebenen ärztlichen Untersuchungen gewissenhaft ein. Man konnte dem Langen nichts anhängen.
Huberts Frau war natürlich aufgefallen, dass ihr Mann sehr nachdenklich geworden war. Aber auf ihre Fragen antwortete er ausweichend und es gelang ihm schließlich, seine bessere Hälfte zu beruhigen.
Abends tauchte der Lange natürlich nicht in Huberts Wohnung auf, was Hubert ja auch so erwartet hatte.
Am nächsten Morgen erschien Revierinspektor Stöger pünktlich zum Dienst und hatte sich zunächst mit einem verlorenen Schlüsselbund zu beschäftigen, was ihn viel Zeit kostete, denn die alte Dame konnte sich nicht einmal mehr erinnern, wo sie sich aufgehalten hatte, als die Schlüssel plötzlich weg waren.
Dann bekam Hubert Besuch. Fast hätte er Susi Pospischil nicht erkannt, als sie das Wachzimmer betrat. Sie trug Jeans, ihr linkes Auge war völlig geschlossen und beinahe schwarz, so blau war es, die Augenbraue hatte ein Cut und ihre Oberlippe sah ebenfalls böse aus.
Hubert setzte sich wortlos an den Computer. Dann sah er Susi nochmals an und schlug vor: „I werd jetzt gleich einmal den Amtsarzt anfordern. Bis der da is, könn’ ma schon die Anzeige soweit fertig machen.“
„Warum Amtsarzt?“, fragte Susi. Sie konnte nur undeutlich sprechen.
„Damit er die schwere Körperverletzung bestätigt!“
„Warum denn? Und warum Anzeige? Muss man des anzeigen, wenn man die Stiegen runter g’flogen is?“
„Du willst den Langen nicht anzeigen? Warum bist denn dann da?“
In Susis offenem Auge schimmerte eine Träne. „Weil i mi entschuldigen wollt, dass i was g’sagt hab von Ihnen. Und weil i mir den Herrgott no einmal anschaun wollt. Den haben’s doch da, oder?“
Hubert stand auf. „Komm mit“, sagte er und führte sie in den Umkleideraum, wo sein Spind stand. „Entschuldigen brauchst di net! Du hätt’st dem Langen viel früher sagen sollen, dass das Bild bei mir is, bevor er di g’schlögelt hat wie an Tanzbären!“, meinte er vorwurfsvoll, als er den Spind aufschloss.
Das Christusbild lehnte offen an der Seitenwand des Spinds. Susi nahm es vorsichtig heraus und stellte es auf die Bank, die sich vor den Spinden befand, wobei sie es an die Tür des benachbarten Schranks lehnte. Schweigend sah sie es an und Hubert bemerkte, dass sie die Hände faltete. Da ließ er sie allein.
Eine Minute später kam Susi aus dem Umkleideraum. „Dank schön, Herr Inspektor.“, sagte sie beinahe fröhlich. „Übrigens, der Lange hat an Tritt g’fangt, dass er g’jodelt hat. Wissen S’, so richtig in die Zentrale. Sie geb’n ihm do den Herrgott net, oder?“
„Sicher net“, beruhigte sie Hubert. „Und wenn er mit einer ganzen Platten  antanzt! Warum zeigst ihn net an?“
Beinahe etwas vorwurfsvoll erklärte Susi: „Herr Inspektor! Dann kriegt er vierzehn Tag bedingt und mi haut er deppert.“
Hubert musste insgeheim zugeben, dass Susi Recht hatte. „Heut gehst aber net in d’ Hacken “, sagte er.
„So wie i ausschau?“, fragte Susi zurück. „Der Lange is selber schuld, wenn’s G’schäft heut ausfallt.“ Damit wandte sie sich zum Ausgang des Wachzimmers.
„Susi!“, rief ihr Hubert nach, „Wenn der Lange dir deppert kommt, rufst uns an! Möglichst no bevor er di birnt! “
„Mach i.“, versprach Susi. „Sie san a klasser Bursch, Inspektor. Dank schön, no einmal! Wiederschaun!“
Huberts Dienst dauerte diesmal länger als sonst. Er sprang für einen Kollegen ein, der sich bei der Festnahme eines Drogendealers einen Nasenbeinbruch inklusive einer Gehirnerschütterung zugezogen hatte und noch krank geschrieben war. So verließ er das Wachzimmer erst, als es schon dunkel und der abendliche Berufsverkehr vorüber war.
Mit einem Straßenbahnzug der Linie 44 fuhr er bis zur Alser Straße, wo er in die U6 umzusteigen hatte. Er benutzte nie sein Auto für den Weg zum Dienst, sondern überließ es seiner Frau, die an ihrem Arbeitsplatz ausreichende Parkmöglichkeiten vorfand, während es um das Wachzimmer in Bezug auf Parkplätze äußerst traurig aussieht. 

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Als er den Straßenbahnzug verließ, hatte er das Gefühl, verfolgt zu werden. Trotz genauer Beobachtung der unmittelbaren Umgebung konnte er aber nichts Verdächtiges feststellen. Also machte er sich auf den kurzen Weg zur U-Bahnstation.
Er trug eine Kunststofftragtasche mit Werbeaufdruck bei sich, wie man sie in jedem Supermarkt um ein paar Cent erhält. Darin befand sich ein leeres Plastikgefäß, das sein Mittagessen beinhaltet hatte und das ihm von seiner Frau zum Dienst mitgegeben worden war. Langsam stieg er die Treppe zum Bahnsteig hinauf.
Die U-Bahnstation Alser Straße stammt noch vom Jugendstilarchitekten Otto Wagner und wurde als Haltestelle der noch mit Dampf betriebenen Stadtbahn 1898 eröffnet. Erst mit dem Umbau der alten Stadtbahn, die auf diesem Streckenabschnitt auf einem Viadukt zwischen den beiden vierspurigen Richtungsfahrbahnen der Gürtelstraße verläuft, wurden in das denkmalgeschützte Gebäude Aufzüge eingebaut, deren Kabinen allerdings aus Rücksicht auf die alte Bausubstanz relativ klein ausfallen mussten.
Hubert wartete nie auf die Aufzugskabine sondern benutzte immer die alte Treppe mit ihren niedrigen Stufen. Und auf dieser Treppe erfolgte der Angriff.
Ein etwa zwanzigjähriger Mann mit zerrissenen Jeans, Glatzkopf und Piercings in der Unterlippe kam mit einem Messer von vorn, die Treppe herunter, auf Hubert zu. Hubert blieb stehen und bereitete sich auf die Attacke vor, als ihm ein plötzlich hinter ihm aufgetauchter zweiter Mann den Einkaufssack aus der Hand riss.
Um diesen Zweiten konnte sich Hubert im Moment nicht kümmern. Der mit dem Messer war gefährlicher. Und plötzlich war Hubert klar, dass der Angriff dem Gemälde galt, das die zwei Gorillas in dem Plastiksack vermuteten.
Als der von vorn kommende Messerheld sah, dass sein Kumpan den Plastiksack bereits erobert hatte, brach er den Angriff ab und blieb stehen. Dafür trat nun Hubert in Aktion. Nicht umsonst hatte er auch eine Nahkampfausbildung auf der Polizeischule mitgemacht. Er stürzte sich auf den Kahlköpfigen, umklammerte seine Messerhand und stieß ihm die rechte Faust von unten an die Nase. Dann fasste er ihn am Genick und schleuderte ihn an die Wand des Stiegenhauses.
Benommen klammerte sich der Angreifer an den Handlauf der Stiege. Das Messer war ihm entfallen. Hubert ärgerte sich einen Sekundenbruchteil darüber, dass der Bursche eine Glatze und folglich keinen Haarschopf zum Festhalten hatte, riss ihn herum und packte ihn stattdessen an der Gurgel.
„Du bist a Bugl  vom Langen!“, herrschte er ihn an. „Sag ihm, er soll in’ Kürbis hupfen zu die Kern! “
Der Glatzköpfige sah leicht schockiert aus und reagierte nicht. Hubert beschloss, sich nicht „in Dienst zu stellen“, was ihm laut Polizeigesetz jederzeit möglich war. „Die Tetschen  is vom Herrn Stöger, net vom Revierinspektor“, stellte er klar und  versetzte dem Kahlköpfigen eine derart gewaltige Ohrfeige, dass dem Burschen die Zähne wackelten und es ein Wunder war, dass seine Piercings nicht davonflogen. Dann stieß er ihn die Treppe abwärts und gab ihm noch einen Tritt in den Hintern. Der Glatzköpfige konnte sich gerade noch am Handlauf festhalten, sonst wäre er die Treppe hinab gestürzt.
Hubert stieg zum Bahnsteig hinauf und erreichte noch einen eben einfahrenden Zug. Zu Hause gestand er seiner Frau zerknirscht den Verlust seines Essgeschirrs, was ihm aber seine bessere Hälfte in Anbetracht des noch erträglichen finanziellen Schadens von etwa 50 Cent verzieh.
Am nächsten Tag, es war übrigens ein Donnerstag, hatte Hubert dienstfrei und der Tag verlief ohne Neuigkeiten im Fall Christusbild.
Aber am Freitag erhielt Hubert im Wachzimmer den Anruf eines Rechtsanwalts. Dr. Freund stellte sich als Rechtsvertreter von Herrn Markus Hiebler vor und forderte die sofortige Übergabe des Gemäldes, das sich in der Verwahrung des Revierinspektors befand.

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Hubert weigerte sich. Er erklärte dem Anwalt, dass Herr Hiebler keinerlei Eigentumsrechte an dem Gemälde hätte.
„Nun, mein Mandant hat erklärt, in Kürze Dokumente vorlegen zu können, die seine Rechte an dem Gemälde eindeutig beweisen.“ Der Anwalt drückte sich sehr gewählt aus. Aber in Huberts Hirn schrillten die Alarmglocken.
„Schön. Ich werd die Sache noch einmal überprüfen“, lenkte Hubert ein. „Hat Herr Hiebler eine Frist gesetzt?“
„Nun, ich habe mit meinem Mandanten einen persönlichen Gesprächstermin am kommenden Mittwoch. Zu dieser Unterredung werden auch die von meinem Mandanten in Aussicht gestellten schriftlichen Beweise vorliegen“, flötete der Anwalt. Seine Stimme und die exakt hochdeutsche, affektierte Ausdrucksweise waren Hubert zutiefst unsympathisch. Trotzdem blieb er freundlich, ließ sich die Telefonnummer des Anwalts geben und versprach einen Rückruf am kommenden Montag.
Nachdem Hubert aufgelegt hatte, dachte er fünf Minuten intensiv nach und ging dann zum Wachzimmerkommandanten, dem er die ganze Geschichte haarklein erzählte.
„Was meinst, was san des für Dokumente, die der Lange bringen möcht?“, fragte der Kommandant.
„Was weiß ich? Is a wurscht. Wie er’s kriegt, macht mir Sorgen! Entweder haut er die Susi zum Krüppel, oder den, der ihr des Bild g’schenkt hat.“
„Blöde G’schicht.“ sinnierte der Kommandant. „I hab kane Leut für an Personenschutz ohne Auftrag von oben. Kannst du net mit der Susi reden, dass dem Langen des blöde Bildl gibt? Is doch g’scheiter, als des G’frast  macht a Golasch aus ihr.“
Hubert nickte resigniert. „I werds probieren, Chef.“
Über das Einwohnermeldeamt beschaffte er sich Susis Privatadresse. Sie wohnte im zehnten Bezirk, der von Huberts Einsatzort, dem sechzehnten Bezirk, doch einigermaßen weit entfernt ist. Telefon hatte Susi nicht, wahrscheinlich stattdessen ein anonymes Wertkartenhandy. Jedenfalls war sie telefonisch nicht zu erreichen. Sich mit dem Funkwagen so weit vom Einsatzgebiet zu entfernen, ging auch nicht, also fuhr er abends, nach Dienstschluss, mit U-Bahn und Bus hin. Ihm war eine Lösung eingefallen!
Als er zu Hause eintraf, war es schon spät. Frau Stöger, die es gewöhnt war, dass ihr Mann oft länger im Dienst bleiben musste, fragte nicht einmal nach dem Grund für die Verspätung.
Hubert gestand seiner Frau freimütig und etwas scherzhaft, dass er noch eine Dame vom horizontalen Gewerbe besucht hätte. Da er aber mit seiner Frau eine gute Ehe führte, lächelte diese nur und sagte: „Schmähtandler! “
Also erzählte er auch ihr die ganze Geschichte, wie er sie seinem Chef erzählt hatte, und außerdem, wie er die Angelegenheit lösen wollte. Seine Frau, eine herzensgute Seele, hatte Verständnis, nickte nur beifällig und bestätigte: „Ja, des wird geh’n.“ Und dann fügte sie noch hinzu: „Schau halt, dass d’ net zuviel dafür ausgibst.“ Wenigstens zu dieser Ermahnung fühlte sie sich eingedenk des monatlichen Familieneinkommens verpflichtet.
Es war ein angenehmer Zufall, dass Hubert an diesem Wochenende keinen Dienst hatte. Am Samstag traf er um neun Uhr auf dem U1-Bahnsteig der U-Bahnstation Karlsplatz eine sehr verschlafene Susi, die ihr ramponiertes Gesicht mit viel Schminke wenigstens einigermaßen wieder hingekriegt hatte. Die frühe Stunde war für die Schöne der Nacht allerdings ein echtes Problem und sie wäre auf der Bank, auf der sie auf Hubert wartete, beinahe eingedöst, zumal auf dem Bahnsteig nicht viel Betrieb herrschte.
Als Hubert eintraf, fuhren sie mit der Rolltreppe hinauf zur U4 und mit dieser die kurze Strecke bis zur Kettenbrückengasse. Von dieser U-Bahnstation an erstreckt sich Richtung stadtauswärts auf der Überwölbung des Wien-Flusses der größte Flohmarkt der Stadt, der jeden Samstag abgehalten wird.
Huberts Überlegung war, dass der Lange das Christusgemälde ja überhaupt noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Lediglich über eine Beschreibung durch Susis Kollegin verfügte er. Es musste also einfach sein, ihm ein anderes Christusbild unterzujubeln, so dass Susi ihres behalten konnte. Und wenn so ein Gemälde irgendwo zu einem erschwinglichen Preis zu bekommen war, dann hier auf dem Flohmarkt.
Dort herrschte bereits reger Betrieb. Die unwahrscheinlichsten Gegenstände wurden angeboten und seltsamerweise auch gekauft. Der fürchterlichste Kitsch fand Abnehmer, für alles und jedes gab es offensichtlich Sammler, die auf der Suche nach irgendwelchen besonderen Stücken waren und das Gedränge war unbeschreiblich.
Hubert ging systematisch vor und inspizierte jeden einzelnen der unzähligen Tische, auf denen die Kostbarkeiten ausgebreitet waren, die für den Nichtkenner einfach Ramsch zu sein schienen. Alte Bilder gab es genug, vor allem Ölbilder, die meisten von einer künstlerischen Qualität, dass sogar einem Laien, wie Revierinspektor Stöger einer war, übel werden konnte. Aber Christuskopf sahen sie keinen.

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Sie waren bereits am südwestlichen Ende des Flohmarkts angekommen und Hubert hatte bereits resigniert, da entdeckte Susi einen Tisch, auf dem Stapel von alten Büchern lagen und dahinter, an einer ebenfalls zum Verkauf stehenden uralten Waschmaschine, lehnten etwa zwanzig Bilder, von denen man nur die Rückseite sah. Susi ging hin und drehte die Bilder um. Es waren alles Portraits, natürlich von unbekannten Leuten, mit einer einzigen Ausnahme. Susi flüsterte ehrfürchtig: „Der Herrgott…“
Hubert war perplex. Hier, am allerletzten Verkaufsstand - ein Christuskopf mit Dornenkrone in Ölfarben. Die Ähnlichkeit zu dem Gemälde in seinem Spind im Wachzimmer war unverkennbar, auch die Abmessungen waren ungefähr gleich. Der Rahmen war zwar noch weit schäbiger als der des Gemäldes im Spind, aber die Farben waren kräftiger.
Susi und Hubert waren noch in der Betrachtung des Bildes versunken, als der Inhaber des Verkaufsstandes erschien. Es war ein alter Mann aus Tschechien und er wollte für das Bild zwanzig Euro haben. Hubert musste sein freudiges Erstaunen zu offensichtlich gezeigt haben, denn plötzlich wollte der Alte dreißig Euro und behauptete, die zwanzig wären ein Irrtum gewesen.
Hubert bezahlte, ohne mit der Wimper zu zucken und freute sich, dass im Gesicht des Alten der Ärger, nicht noch mehr gefordert zu haben, deutlich erkennbar war. Missmutig packte der Tscheche das Gemälde in Zeitungspapier und übereichte Hubert das Paket.
Mit dem flachen Päckchen fuhren Susi und Hubert nun ins Wachzimmer, um den zweiten Christuskopf zu holen. Vor Huberts Spind stehend, packten sie den neuen Christus aus und stellten dann die beiden Gemälde nebeneinander. Da erlebte Hubert eine Überraschung.
Susi vertauschte plötzlich die beiden Bilder und sagte: „I nehm den neuen Herrgott mit nach Haus. Den alten, den i von dem Herrn als Prämie kriegt hab, den geb i dem Langen.“
„Ja, Susi, wieso denn das?“
„Der da“, sie deutete auf das erste Bild, „is a Erfolgsprämie. Da hab i was tun müssen dafür. Und der da, der neue, der is a Geschenk vom klassesten Kieberer  in ganz Wien. Der is viel wertvoller, auch wenn der andere vielleicht mehr Marie  bringen tät, wenn ma’n verscheppert . Hör’n S’, Inspektor, die dreißig Euro, die der kost hat, könnt i mir wirklich leisten! I verdien wahrscheinlich viel mehr als Sie, weil i weiß, dass man bei der Schmier  an Dreck zahlt kriegt. Aber i biet Ihnen die dreißig Netsch  gar net an, weil dann wär der Herrgott nimmer so wertvoll. Sie hätten das ja alles gar net tun müssen! Sie hätten sagen können: Susi, gib dem Langen des Bildl – und aus. Also: Dank schön! Bussl  kriegn S’ aa kans, weil i bin nur a Strichmentsch  und des könnt Sie genieren.  Aber der Herrgott hat’s g’sehn, was Sie für mit g’macht haben!“
Hubert war beinahe gerührt nach dieser langen Rede der Susi. Er sah, dass wieder einmal eine Träne in ihrem heilen Auge schimmerte, da nahm er sie bei den Schultern und drückte seinerseits ein „Bussl“ in das geschundene Gesicht.
So kam es, dass noch an diesem Abend der ehrenwerte Herr Markus Hiebler „sein“ Christusgemälde in Händen hielt. Er war wahnsinnig stolz auf seinen Sieg sowohl über die Susi als auch über die Polizei und er konnte es kaum erwarten, das Bild am Montag ins Dorotheum  zu bringen, um dessen Wert bestimmen zu lassen.
Den ganzen Sonntag träumte er. Von einem Rolls Royce und einer kleinen Yacht im Mittelmeer, wobei nach ein paar Schnäpsen am Abend das Boot bedeutend länger und aus dem Mittelmeer bereits die Karibik geworden war.
Als er dann die Expertise des Kunstauktionshauses las, geriet er an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Da stand: „Es handelt sich um die Kopie eines Ausschnitts aus einem Altarbild im Stil der Nazarener. Die Arbeit, wahrscheinlich um 1930 entstanden, ist von durchschnittlicher handwerklicher Qualität. Der Sammlerwert dürfte EUR 300,00 nicht übersteigen.“
Susi hingegen erfuhr nur durch reinen Zufall und erst Jahre später, als sie bereits mit dem Richtigen verheiratet und eine gute Hausfrau und Mutter geworden war, dass ihr Revierinspektor Stöger einen um dreißig Euro auf dem Flohmarkt erworbenen echten Overbeck geschenkt hatte.

Glossar:

  • Trankler = Alkoholiker;
  • Eindippler = Einbrecher;
  • Tagerer = Bezeichnung für einen sehr alten Mann,der wegen fehlender Zähne nur mehr Teig essen kann;
  • Vickerl = (Viktor), Alfons,Lude etc. sind in Wien Bezeichnungen für einen Zuhälter;
  • Kerzenschlicker = übertrieben frommer Mensch;
  • Schlapfen = Mund;
  • Pepi = Falsches Haarteil;
  • ...wie der Aff durch'n Gadern = ...wie der Affe durch's Gitter;
  • Deckel = hier: Prostituiertenausweis;
  • Platten = Bande;
  • Hacken = Arbeit;
  • birnen = verprügeln, auf die Birne schlagen;
  • Bugl = ungefähr Leibwächter - jemand der für andere den Buckel hin hält;
  • er soll in' Kürbis hupfen zu die Kern = etwas vornehmere Form des Götzzitats;
  • Tetschen = Ohrfeige;
  • G'frast = minderwertiger Mensch;
  • Schmähtandler = Schwindler, Aufschneider;
  • Kieberer = Polizist
  • Marie = hier: Geld
  • verscheppert = verkauft
  • Schmier = Wache, Polizei
  • Netsch = allgemein für die jeweils gültige Währungseinheit
  • Strichmentsch = Prostituierte
  • Dorotheum =  Pfandleihe und Auktionshaus mit Zentrale in der Dorotheergasse