Ausstellungsbesprechungen

Eröffnung des Europäischen Hansemuseums Lübeck

Die alte Hansestadt Lübeck besitzt eine Reihe besuchenswerter Museen, unter denen das mittelalterliche St. Annen-Museum mit seiner Kollektion kirchlicher Kunst in spätgotischen Räumen und das bürgerliche Behnhaus mit seiner hochwertigen Sammlung von Bildern aus dem 19. Jahrhundert und der klassischen Moderne hervorragen. Nun kommt ein ganz großes Haus dazu: das Europäische Hansemuseum. Stefan Diebitz hat das neue Museum besucht.

Außenansicht des Europäischen Hansemuseums © Foto: Stefan Diebitz
Außenansicht des Europäischen Hansemuseums © Foto: Stefan Diebitz
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Eigentlich ist es seltsam, dass noch heute so viel Wind um die Hanse gemacht wird, denn schließlich ist der spätmittelalterliche Städtebund seit mehr als fünfhundert Jahren mausetot. Initiiert von reichen Kaufleuten, spann die Hanse im 13. und 14. Jahrhundert ein Netz rund um die Ostsee, später aber auch nach England oder in die Niederlande. Es ging um Geschäfte und nur um diese, und von Bürgersinn wird vielleicht heute in Festreden schwadroniert, aber ganz gewiss spielte dieser im täglichen Leben des alten Lübeck kaum eine Rolle. »Die Kaufleute«, sprach Frau Dr. Merkel bei der Einweihung, »wollten verdienen, fanden aber heraus, dass ein faires Miteinander mehr einbringt als Kriege zu führen«. Tatsächlich aber kann man im Museum lernen, dass die Hanse, wenn sie es für richtig hielt, buchstäblich über Leichen ging, also zum Beispiel mit einem Handelsboykott für Hungersnöte sorgte oder auch Städte abfackelte. Faires Miteinander?

Tatsächlich also war die Hanse ein Bündnis von reichen oder sogar sehr reichen Männern, die von Neidern und Gegnern treffend und mit leichter Verachtung als »Pfeffersäcke« bezeichnet wurden. Ihre Gegner, die »Likedeeler« genannten Piraten um Michel Gödecke und Klaus Störtebeker, genießen nicht ohne Grund bis heute eine gewisse Popularität. Eigentlich merkwürdig, dass man heute die Europäische Union in der Tradition der Hanse sehen will oder das längst verdorrte Städtebündnis mit »Hansetagen« wiederzubeleben versucht: folkoristisches Gehopse auf Marktplätzen kann (und soll!) eigentlich allein dem Tourismus dienen.

Mag also sein, dass deshalb wirklich ein Hansemuseum nötig und sinnvoll ist, damit man nämlich einen etwas realistischeren Blick auf diese wohl für Lübeck glorreiche, aber sonst durchaus schwierige Zeit werfen kann. Das großartig »europäisch« genannte Hansemuseum, das während der vergangenen zehn Jahre mit der Hilfe der Lübecker Possehlstiftung geplant und errichtet wurde, soll und kann vielleicht wirklich über die Vergangenheit aufklären. Sein Bau gleich neben dem Burgtor – also auf altem städtischen, deshalb mit archäologischem Material reich gesegneten und entsprechend problematischen Gelände – kostete nicht weniger als 50 Millionen €, von denen die öffentliche Hand nur ungefähr 9,4 Millionen gab. Der Rest kam von der Possehl-Stiftung, die das Geld hatte und hat, bei der es aber nicht ganz sicher ist, dass sie von Emil Possehl eben für die Förderung derartiger Prestigeobjekte ins Leben gerufen wurde.

Die europäische Bedeutung des Museums kann man sowohl an den zahlreichen Leihgaben wie an der Mitarbeit internationaler Wissenschaftler ablesen: es ist wirklich eine große Sache. Aber ist es auch eine gute Sache? Kann es nicht sein, dass sich die Stadt Lübeck mit diesem Museum selbst ins Knie geschossen hat? Der Besuch ist nämlich teuer (11,50 €, der Besuch des alten Dominikanerkloster kostet 4,50 €), und die Gefahr, dass die erhofften Besucherscharen wohl vielleicht wirklich ins Hansemuseum strömen, später aber nicht mehr die anderen und mindestens ebenso schönen Häuser besuchen werden, lässt sich kaum von der Hand weisen. Wer denn wird hinterher zum Holstentor hinunterwandern, das in seinen nur über steile Wendeltreppen zu erklimmenden Räumen ganz genau dieselbe Ära beackert, wenngleich weniger pädagogisch aufgearbeitet? Seine wunderschönen Modelle alter Schiffe zwischen meterdicken Mauern sind ebenso besuchenswert wie seine Münz- und Waffensammlungen. Und das so viel weniger aufregende St. Annen-Museum mit seinen berühmten Altären wird wohl nur von ganz wenigen überhaupt ins Auge gefasst werden.

Das Europäische Hansemuseum residiert in einem mächtigen Gebäude, und die ganze Konzeption ist außerordentlich großzügig. Wesentlichen Anteil nicht allein an der Bauplanung, sondern auch an der Konzeption des Hauses hat der Architekt Andreas Heller, der bereits das eminent erfolgreiche und mit Preisen bedachte »Auswandererhaus« in Bremerhaven errichtete. Auch vorher schon war er in Lübeck tätig. In fast unmittelbarer Nähe zur Lübecker Hubbrücke und damit unterhalb des alten Burgklosters bebaute er den Hang mit einem 95 Meter langen, bis zu 15 Meter hohen Backsteingebäude, durch das mitten hindurch eine öffentliche Treppe steil hinauf zur Großen Burgstraße führt; schon auf ihr, aber erst recht ganz oben findet man einen freien Blick auf die Trave. Spötter sagen, es sei der schönste Platz, weil man von ihm aus nicht das Hansemuseum sehen kann…

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Ist es wirklich klug, noch heute in Lübeck mit Backsteinen zu bauen? Man begibt sich doch fast schon mutwillig in Konkurrenz zu den alten Häusern, von denen das Museum bereits dank seiner akkuraten Fugen und sauberen Steine absticht: niemals wird ein neues Haus die Aura eines ganz alten, unter der Last der Jahrhunderte zusammengesunkenen besitzen. Obendrein gibt es weder wirkliche Harmonie zwischen den alten und den neuen Steinen noch einen deutlichen Kontrast, sondern nur eine gewisse Ähnlichkeit eines Materials, das den Betonbau verblendet. Im Hansemuseum verbaut sind 100.000 Backsteine, in Süddänemark aus englischem Ton gebrannt; 7000 davon sind Formsteine. Manche Steine bilden Strukturen, die aber angesichts der mächtigen Fläche untergehen – man muss nahe herangehen, um auf sie aufmerksam zu werden. Das große Haus ist nach außen viel zu wenig gegliedert.

Die Lübecker werden sich an den Anblick des mächtigen Gebäudes gewöhnen (müssen), das mit einer fast fensterlosen Wand zum Hafen – nein, eben nicht blickt, sondern sich davon abschließt, wenn man von der Cafeteria absieht. In den unteren Geschossen hat man sogar gelegentlich den Eindruck eines Gefängnisses, denn dank der Fensterlosigkeit ist es nicht allein düster, sondern die Luft ist auch kellerartig modrig und stickig.

Es kann nicht überraschen, dass die Konzeption des Museums von heutiger Eventkultur geprägt ist. So finden sich glasverkleidete Blicke auf die Erdschichten, auf denen das Haus ruht, dazu wurden Kontore mit Getreidesäcken nachgebaut, eine winzig kleine Kogge ruht im Halbdunkel an der Pier, Grabsteine erinnern an die dunklen Jahre der Schwarzen Pest, aus Nowgorod kamen Birkenrindenstücke mit alten Notizen und so noch unendlich vieles mehr, so dass ein sehr farbiges und eindrucksvolles Bild der Hansezeit entsteht. Einmal stößt der überraschte Besucher auf eine Gruppe schwarzweißer Dominikanermönche, später auf überlebensgroß dargestellte Männer der lübischen Geschichte. So handelt es sich vorwiegend um Kulturgeschichte, und Kunst spielt leider nur eine ganz untergeordnete Rolle.

Schwerer wiegt hier der Einwand, dass der Besucher mehr bespaßt wird als dass er die Gelegenheit erhält, ruhig von Exponat zu Exponat zu gehen, um sich sein eigenes Bild zu machen; viele Räume haben etwas von einem Theater, denn es sind Inszenierungen und im Grunde den Spielszenen im Fernsehen zu vergleichen, mit denen dem Zuschauer historisches Geschehen nahe gebracht werden soll. Überrascht es uns zu hören, dass der Architekt lange erfolgreich für das Theater und das Fernsehen Kulissen gebaut hat, bevor er 2001 sein eigenes Architektenbüro gründete?

Am wichtigsten scheint noch die außerordentliche Schönheit des alten Dominikanerklosters, das in Lübecker nur Burgkloster genannt wird; seine durch die Pfeiler und Gewölbe rhythmisch gegliederten Räume, in die seitliches Licht fällt, sind schon für sich ganz allein einen Besuch wert. Aber auch hier finden sich noch Ausstellungsräume, unter anderem einen mit den oben erwähnten überlebensgroßen Figuren, die historischen Lübeckern wie dem legendären Bürgermeister Wullenwever nachgebildet sind. Sie wirken lebendig und ausdrucksstark, aber sie entsprechen nicht dem Bild, das sich viele von einem Museum machen, denn hier geht es eher in Richtung Wachsfigurenkabinett, und das Theater wurde wirklich auf die Spitze getrieben.

Wer ein altbackenes Museum sucht, ist hier also an der falschen Adresse; und wer hinter einem derart teuren Bau Kulturförderung versteht, der hat nichts verstanden. Es handelt sich um Wirtschaftspolitik, besonders natürlich um die Förderung des Tourismus, und außerdem ist der Bürgermeister glücklich, wenn er über den angeblichen Bürgersinn der Hansestadt Lübeck sprechen kann. Das hat er bei der Einweihung dann auch ausführlich getan.