Ausstellungsbesprechungen

Eros, Traum und Tod – Zwischen Symbolismus und Expressionismus, Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz, bis 22. April 2012

Um 1896 lernten sich die Studenten Karl Hofer, Wilhelm Laage und Emil Rudolf Weiß an der Karlsruher Kunstakademie kennen. In regem Austausch entwickelten sie ihr ausdrucksstarkes Frühwerk. Liebe und Tod, Einsamkeit, Melancholie und Angst sowie das Verhältnis zwischen Mann und Frau waren die Leitthemen ihrer sich zwischen Symbolismus und Protoexpressionismus bewegenden Bildsprache. Günter Baumann hat sich die rund 100 ausgestellten Druckgrafiken angeschaut.

Der Obertitel der Ausstellung in Konstanz, die demnächst nach Reutlingen weiterreist, lässt die Phantasie nach Frankreich abschweifen, vielleicht auch Österreich – thematisch würde Gustav Klimt ideal in das Schema »Eros, Traum, Tod« passen –, zumal im Kontext der historischen Umwälzungen, die hinter der Entwicklung vom Symbolismus zum Expressionismus stehen, gleich große Namen wie Gauguin oder Munch in den Sinn kommen. Da merkt man schon etwas auf, wenn es auf eine Sondierung zugeht: das ausgewählt grafische Frühwerk dreier Künstler, deren Werk im Ganzen nicht grundsätzlich als bekannt vorausgesetzt werden kann – und wenn, dann hat man das reife Werk vor Augen.

Das macht die Konstanzer Schau spannend: Mit wachem Geist und großer Neugierde nähert man sich den frühen Arbeiten von Karl Hofer (1878–1955), Wilhelm Laage (1868–1930) und Emil Rudolf Weiß (1875–1942). Es handelt sich natürlich nicht um eine zufällige Dreierbindung. Bei aller Unterschiedlichkeit der Temperamente und biographischen Hintergründe führte das Interesse an der zeitgenössischen Kunst, auch an der damals aktuellen Literatur die Künstler zusammen: 1897 beginnt der jüngste der drei, Hofer, in Karlsruhe mit seinem Kunststudium, im Jahr darauf lernt er Laage und Weiß kennen, die bereits ihre künstlerische Studienlaufbahn eingeschlagen haben.

Als junge Künstler waren sie gleichermaßen empfänglich für die großen Themen des Lebens: vorweg Liebe und Tod in ihrer zwischenmenschlichen Dimension – einmal im Kontext der Geschlechterbeziehung, das andere Mal in der Auseinandersetzung mit Krankheit und Alter –, dazu kamen gemeinsame existenzielle, insbesondere um die Jahrhundertwende auch gepflegte Stimmungen wie Angst oder Melancholie. Hier fanden alle drei Künstler in der Tat künstlerische Vorbilder, die diesen Befindlichkeiten den zeitgemäßen Ausdruck verliehen: Munch, Klinger, Ensor, teilweise auch Gauguin. Emil Rudolf Weiß konnte bereits Erfahrungen aus Paris mitbringen, mehr noch: Er vermittelte den Freunden die Poesie von Baudelaire, Mallarmé und Rimbaud.

Ohne eine eigene Künstlergruppe zu bilden, blieben die Künstler über das Studium hinaus miteinander verbunden. Die Ausstellungsmacher(innen) sprechen von einer »intensiven Werkgemeinschaft«. Faktisch beschränkte sich dies wohl auf die frühen Jahre, in denen durchaus von einem effektiven Gedankenaustausch zu reden ist. Besonders in der Druckgraphik folgten sie ähnlichen Interessen, die von den Brücke-Künstlern und u.a. Felix Vallotton beeinflusst waren. Die Schau in Konstanz macht in über 100 Exponaten die direkten und indirekten Bezüge, auch zu den berühmten Vorbildern, deutlich (unverkennbar verweist etwa »Die Umarmung« von Weiß auf Munch, um nur stellvertretend ein Beispiel zu nennen).

Dass sich die Gemeinde am Bodensee und in der Folge auch die Stadt Reutlingen so verdienstvoll der drei Künstler annehmen, ist in den Biographien begründet. Laage lebte in Reutlingen, wo sich der Großteil seines graphischen Werks befindet; der in Berlin lebende Hofer suchte in seinen späteren Jahren Zuflucht in Konstanz; Weiß lebte zeitweilig am Bodensee und starb in Meersburg. Einen entscheidenden Beitrag zum Werkblock der Künstler hatte der Kaufmann Theodor Reinhart aus Winterthur, der mit allen bekannt war und nach 1901 deren künstlerischen Werdegang förderte.

So sehr die Anfänge von Hofer, Laage und Weiß unter dem Einfluss anderer steht, so wichtig sind sie als Weichenstellung für das spätere Werk. Am begabtesten, da am ausdrucksstärksten in dieser Phase, ist vielleicht Weiß (man betrachte sich etwa die Holzschnitte »Alte Frau« oder »Zerstörung«, beide 1899), doch sind die Buchillustrationen Karl Hofers beachtlich – wenn sie auch im Schatten seines bedeutenden, bis heute leider noch nicht angemessen gewürdigten späteren Werks stehen –, und Laage gelingen grandiose Blätter wie die »Einsame Landstraße« von 1899, die Lithographie »Durch die Heide« von 1898 oder der etwas spätere Farbholzschnitt »Marine« von 1908.

Überhaupt bietet wohl Wilhelm Laage die größten Überraschungen der Ausstellung. Das mag daran liegen, dass sein Werk im Südwesten Deutschlands weniger vertraut ist als das des in Karlsruhe geborenen Hofer oder des in Breisach und Baden-Baden aufgewachsenen Weiß – der bei Hamburg geborene Laage hatte seine Wurzeln im Norden, bevor er als 25-jähriger Student in den Süden kam. Für alle drei Künstler gilt allerdings: Wer sich für Munch & Co. interessiert, sollte sich die Kunst in deren Einflusssphäre nicht entgehen lassen – es warten großartige Entdeckungen auf den Besucher.