Ausstellungsbesprechungen

Erwin Gross, Malerei (1982–2007)

Die pure Natur interessiert ihn nicht, bekannte Erwin Gross vor dem Hintergrund seiner Malerei, die ihr Sujet selbst in der kühnsten Abstraktion kaum verbergen kann. »Ich bin ein ausgesprochener Landschaftsmaler«, lautet denn auch die Selbsteinschätzung des Künstlers. Den Widerspruch, den man hier vermuten könnte, löst Gross auch sogleich auf:

Die »gemachte Landschaft«, wie sie uns etwa in Parks oder im Landschaftsgarten begegnet, hat es ihm angetan – und weil die Betonung auf dem »gemacht« liegt, wundert es nicht, dass er seine Bilder im Atelier malt. Damit greift er die längere Tradition des Genres auf, denn die Landschaftsmalerei unter freiem Himmel ist mit grob geschätzten 150 Jahren vergleichsweise jung (und sie ersetzte die Ateliermalerei keineswegs ganz).

 

Aber wie das Leben so spielt, verhält es sich alles nicht so einfach. Zum Glück, denn bei näherer Betrachtung erweist sich der 1953 geborene Erwin Gross, der 1982 zur Documenta 7 eingeladen wurde, als einer der interessantesten Maler, die die Landschaft im zeitgemäßen Kontext behandeln, ohne von herkömmlichen Techniken Abschied zu nehmen. Dass Gross, seit 2000 Rektor der Karlsruher Kunstakademie, wesentlich mit Zitaten beziehungsweise Paraphrasen arbeitet, ist ein Reflex auf die Postmoderne; er geht aber mit leichter Hand darüber hinaus: Sein Thema ist, wie gesagt, die erfundene Natur in der Malerei und da besonders der Übergang vom erkennbaren zum nicht mehr erkennbaren Motiv, von gegenständlicher zur abstrakten Kunst. Greift man ein paar charakteristische Elemente in seinen Arbeiten auf, sieht man Bilder, die ausdrücklich eine bestimmte Vorlage zitieren, andere, die eher eine Komposition als ein Vorlagenwerk paraphrasieren, und nicht zuletzt Bilder, die den Bezug »ohne Titel« verweigern (wenn auch nicht ausschließen).

 

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Eine Arbeit von 1999 zeigt eine mit Pigment und Acryl gemalte grob rechteckige, bedrohlich gelbe Wolke, welche die Leinwand aus Baumwolle bestimmt; waagerecht aufgetragene Grauflächen im unteren Bildviertel steuern die Landschaftsassoziation, die im Titelverweis in Klammern bestätigt wird: Gross bezieht sich auf den »Blick auf Naarden« des Niederländers Jakob van Ruisdael (1628–82), dessen Farbpalette zwar realistischer wirkt, der aber auch überlagert wird von einer schräg hochgezogenen, fast kantigen Wolkenform. Ein anderes Werk von 2002 greift ebenfalls ein Gemälde Ruisdaels inklusive des holländischen Titels »Duinlandschap nabij Haarlem« auf – Gross verbrachte die Jahre 1980–82 in dieser Region –, das er in wildem Gestus auf reiner Flächenquantifizierung in ein abstraktes Bild transferiert. Von der Komposition her könnte es genauso gut das Ruisdael-Bild »Landhaus und Heuhaufen am Fluss« umschreiben. Wieder andere Arbeiten belassen es bei der teils heftig-destruktiven, teils zaghaft-zärtlichen Farbgestaltung, die einen Blick auf ein Bild vom Bild einer Landschaft eröffnet.

 

Ein Wort zur Technik, die den Stil von Gross so einmalig macht. Auf meist großformatigen Leinwänden geht er mit dem breiten Pinsel oder gar mit einer Bürste ans Werk, um die stark verdünnte Farbe aufzubringen. Eine Vorzeichnung braucht er nicht, sie würde dem betont luftigen Eindruck einer erinnernden Landschaft einengend zuwider laufen. Dass die im Grunde verwaschenen Farben ihre Leuchtkraft bewahren, ist der rembrandtesken Beherrschung des Helldunkels geschuldet sowie dem stimmungsvollen Einsatz expressiver Effekte wie einer aufs Bild geschütteten Farbe, die jenen transparenten Grund regelrecht mit Leben übergießt. Nebenbei erweist sich Gross nicht nur als Kenner der niederländischen Landschaftsmalerei, sondern auch der Donauschule, die er freilich genauso in die abstrakte Geste herüberholt wie die Holländer.

 

 

 

 

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