Ausstellungsbesprechungen

Es werde Dunkel! Nachtdarstellungen in der zeitgenössischen Kunst. Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen, bis 10.1.2010, sowie im Laufe des Jahres in Kiel und Mülheim an der Ruhr

Die Nacht ist – so singt der Volksmund – nicht allein zum Schlafen da. Das hat allerdings noch nicht allzu oft dazu geführt, dass einmal ein Kurator ermittelt hätte, was denn die Künstler zur schlaflosen Nacht beitragen. Die Tradition ist freilich bekannt, weshalb die Ausstellungsidee in Bietigheim-Bissingen, die den Nachtdarstellungen in der zeitgenössischen Kunst nachgeht, nun nicht gerade spektakulär ist. Günter Baumann hat diese Ausstellung gesehen.

Was Hugo van der Goes und Altdorfer über den schon professionellen Nachtmaler Van der Neer bis hin zu Van Gogh und Beckmann vorgegeben haben, ist so präsent, dass (wen wundert es) das Thema fast als Selbstläufer neben den verschiedensten Strömungen hergeht. Und doch hat die Städtische Galerie in Zusammenarbeit mit der Stadtgalerie Kiel und dem Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr eine wunderbar stimmungsvolle, teils melancholische und zuweilen sogar grellbunte Ausstellung erarbeitet, die den Betrachter in den Bann zu ziehen weiß. Möglicherweise haben sich die Ausstellungsmacherinnen, Isabell Schenk-Weininger und Petra Lanfermann, selbst von der Brillanz ihrer Auswahl hinreißen lassen, dass sie mit dem saloppen und allzu schmissigen Titel unfreiwillig ihre eigene Schau schmälern. Abgesehen von der grammatisch-semantischen Problematik des großgeschriebenen »Dunkel« lehnt er sich zu offensichtlich an (zu)viel zitierte Bibelwort »Es werde Licht« an, dass man eher mit einer ironisch gefärbten Präsentation rechnet – man erwartet so Karikaturen oder Parodien. Das jedoch ist keineswegs intendiert. Allein Martin Honert stülpt in seinem Bildwürfel eine witzige Bettszene nach außen, die als witziger Kommentar zu Storms »Kleinem Häwelmann« zu sehen ist.

Ansonsten geht es gar nicht überall so dunkel zu, wie der Titel suggeriert. Die fotorealistischen Gemälde des Richter-Schülers Frank Bauer verweisen allein über die Beleuchtung seiner Kneipenszenerien, dass diese von Nacht umgeben sein könnten. Karin Kneffels Nachtbilder – die zum Schönsten gehören, was sie bislang gemalt hat – beziehen sowohl das Licht als auch die Farben so souverän mit ein, dass allein sie schon das Klischee der dunklen Nacht entkräften. Darüber hinaus wäre zu sinnieren, ob die Sterne-Serie des Fotografen Thomas Ruff in der kosmologischen Anmutung nicht sogar den Ausgangssatz »Es werde Licht« evozieren. Doch hat man den Ernst der Schau ohnehin schnell erkannt, und so darf man die herrlichste Bandbreite von Nachtmotiven abschreiten, die man sich nur vorstellen kann. Da sind die so kleinformatigen wie großartigen, an den Symbolismus anknüpfenden Kreide-/Buntstiftarbeiten von Achim Hoops, die visionären Gemälde Norbert Schwontkowskis oder die nebulös-bodenlosen Tusche-Landschaften Philipp Haagers, der als Geheimtipp zur Zeit durch etliche Ausstellungen geistert. Die Fotografie- und Videokunst ist hervorragend besetzt durch Oliver Boberg, Eric Hattan, Philipp Lachenmann, Julian Neville und insbesondere durch Michael Schnabel mit seinen fast malerischen Aufnahmen, Ralf Peters Porträt-Reihe und durch Karen Stuke, die sich dem Objekt widmet, das die Nacht bei aller Schwärmerei doch weitgehend bestimmt: dem Bett. Darüber hinaus sind noch die Skulpturen, die Julia Bünnagel neben ihren Fotografien schafft, sowie die Installationsarbeiten von Maria Loboda zu nennen. Selbst die albtraumhaften Bilder von Damien Deroubaix und die süßlichen Motive Simon Pasiekas ragen nur soweit ans Kitschige heran, dass sie sich sehr gut in die Palette der Positionen einfügen. Ganz konträr sind die Werke von Cornelia Schmidt-Bleek und Kate Waters, die einmal konzeptionell, einmal hyperrealistisch einen beeindruckenden intellektuellen Zugang zum Thema »Nacht« finden. Die Schau zeigt in der Nachfolge Edward Hoppers und anderer, dass es ganz und gar nicht dunkel bestellt ist um dieses reizvolle Thema.

Weitere Informationen

Die Ausstellung wandert noch in die Stadtgalerie Kiel und anschließend in das Kunstmuseum in Mülheim an der Ruhr in der Alten Post.

Öffnungszeiten in Bietigheim-Bissingen:
Dienstag bis Freitag 14.00 - 18.00 Uhr
Donnerstag 14.00 - 20.00 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertag 11.00 - 18.00 Uhr
Montag geschlossen
Eintritt frei, Führungen für Gruppen und Schulklassen nach telefonischer Anmeldung

Der Katalog zur Ausstellung ist leider nicht über den Buchhandel zu beziehen.