Ausstellungsbesprechungen

Eugène Delacroix & Paul Delaroche — Geschichte als Sensation, Museum der bildenden Künste Leipzig, bis 17. Januar 2016

Der Titel der aktuellen Sonderausstellung, aber auch die beiden Protagonisten der Schau lassen auf Großes hoffen. Immerhin handelt es sich bei Eugène Delacroix um einen Dauerbrenner, während Paul Delaroche zwar nicht ganz so bekannt, aber nicht weniger exquisit ist. Luise Schendel hat sich umgesehen und fast eine Sensation entdeckt.

Es ist gängiger Usus, ein ungeschriebenes Gesetz: Auch im frühen 21. Jahrhundert lassen sich noch die meisten Besucher mit den Meisterwerken längst vergangener Zeiten locken. Zum Leidwesen der Kuratoren bestätigen auch hochdotierte und durch den Kunstmarkt gestützte Ausnahmen wie Gerhard Richter und Anish Kapoor die Regel. Dabei geht es um mehr als gesellschaftliche Aufmerksamkeit und einen Bildungsauftrag. Die Rezipienten zelebrieren die bekannten und tradierten Meister der Kunstgeschichte im großen Stil und die Museen tragen als Wirtschaftsunternehmen diesem ungebrochenen öffentlichen Interesse Rechnung. Hohe Besucherzahlen lassen die Kassen der Kunsttempel klingeln – ein nicht zu unterschätzender Faktor in Zeiten wackeliger Kulturfinanzierungen. Nicht umsonst setzen die bekanntesten deutschen Museen regelmäßig auf Blockbuster-Ausstellungen der alten Garde. Die überregional werbekräftig unterstützten Zugpferde solcher Schauen heißen Monet, Rembrandt und Dürer. Das Leipziger Museum der bildenden Künste (MdbK) setzt mit der Ausstellung »Geschichte als Sensation« nun auf ein weiteres, potenziell publikumswirksames Urgestein der Kunstgeschichte: Eugene Delacroix heißt die Wahl der Stunde. Mit dem Historienmaler beerbt das Bildermuseum die Dresdner Schau »Erschütterung der Sinne«, die zwei Jahre zuvor mit der mutigen Gegenüberstellung Delacroix‘ und Goyas mit Mark Rothko und Gerhard Richter für internationalen Furor sorgte. Doch während die Dresdner Schau bislang unbekannte Spannungseffekte zwischen alter und neuer Kunst generierte, setzt das MdbK auf die Gegenüberstellung mit einem fast vergessenen Zeitgenossen Delacroix‘: Paul Delaroche. Dessen Werke kommen im Vergleich zum bekannten Meister so akademisch und genussvoll daher, dass sie dem allzu bekannten Altmeister den Rang abzulaufen drohen. Es wäre nicht das erste Mal.

Der Blick in die Geschichte zeigt zahlreiche Gemeinsamkeiten der Künstler: Die beiden Franzosen wohnten in unmittelbarer Nähe zueinander und waren sich wohlbekannt. Beide wurde in den Pariser Salons von der Kunstkritik gleichsam gefeiert und verrissen. Doch der Geschmack der Zeit wollte es, dass Delaroche zu Lebzeiten das größere Ansehen genoss. Zu unruhig der Pinsel Delacroix‘, zu pathetisch seine Historienwerke. Dabei gehörte ebendieser manierierte, gezierte Stil voller Ausdruckskraft zum späteren Erfolgsrezept des großen Franzosen, dessen Ruhm erst dann so recht aufkommen wollte, als Delaroche verstarb. Mit seinem Monumentalgemälde »Die Freiheit führt das Volk« (1830) im Louvre sollte er schließlich zur Inkunabel der Geschichtsmaler einer Epoche werden, die dank romantischer Strömungen in Literatur und Theater und der neu aufkommenden Geschichtsbegeisterung neue patriotische Leidenschaften wecken sollte. Doch in Leipzig vermag Delacroix dieser Tage nicht so recht zu überzeugen. Zu kleinteilig die Bilder seines Schaffens, zu flüchtig sein Stil. Freilich mochte der Louvre sein weltberühmtes Werk mit der leuchtenden Allegorie der Freiheit, die französische Flagge in der einen Hand, das Gewehr in der anderen tragend, nicht auf die weite Reise nach Leipzig schicken, doch der Schau wäre die Dramatik der Arbeit gut bekommen.

Fortsetzung von Seite 1

Die wahren Pretiosen verstecken sich im kleinen Format. Wenn sich in der Ölstudie zum »Tod des Sardanapal« menschliche und Pferdeleiber zu einer düsteren, wogenden Masse verschlingen und im Zentrum des Geschehens und im dramatischen Schlaglicht der Blick auf den Hauptprotagonisten freigegeben wird, dann ist das natürlich große Kunst. Wenn ein ruhender Tiger mit weit aufgerissenen Augen im nächsten Moment zum Angriff übergehen könnte, dann kann dem Altmeister wahrlich die Naturnähe nicht abgesprochen werden. Doch nicht selten nimmt die Inszenierung überhand: Wenn nach der Vorlage Goethes Faust und Mephistopheles auf dem Weg zum Hexensabbat (1826) reiten und sich die Leiber der Pferde im übertrieben Galopp winden, schießt er schon einmal über das Ziel hinaus. Es sind Momente wie diese, die immer wieder den Sensationalismus der eigentlichen Sensation gegenüberstellen. Und ein Grund, warum der Ausstellungstitel nicht so recht als selbsterfüllende Prophezeiung zu taugen scheint. Zu viele Zeichnungen vor wenig aufregenden Wänden in gedeckten Rot- und Blautönen, die die sanften Licht-Inszenierungen innerhalb der oft beinahe verloren wirkenden Kleinformate zu verschlucken drohen; zu wenige Akzente in der kuratorischen Gesamtkonzeption. Die langen Reihungen der 135 Flachwerke laden zum Kunst-Konsum, nicht zur Reflexion ein. Kurzum, das MdbK hat mit der Schau eine milde, bekömmliche Zusammenstellung komponiert, die zwar durch die Gegenüberstellung der bekannten Maler ohne Frage einen Beitrag zur Kunstgeschichte zu liefern vermag, doch in ihrer Umsetzung die gerade für historische Schauen so wichtigen Sprünge in Inszenierung und Hängung nicht wagt.

Und dann, in einer Ecke versteckt, wartet doch noch die eigentliche Sensation auf den Betrachter. Delaroche, der in der Schau bislang als akademischer Vertreter seiner Zunft aufgefallen war, der präzise und still-pointiert, nicht effekthascherisch, die innere Leuchtkraft seiner Dargestellten zum Ausdruck brachte und vor allem durch seine handwerklichen Qualitäten den überzeugenderen Part der Schau mimte – er liefert in seiner ersten deutschen postumen Ausstellung ein meisterhaftes Zeugnis inszenierter Geschichte. In einer Zeit der großen gesellschaftlichen Umbrüche und der Revolutionen zwischen 1820 und 1850 malte er einen Mann derart meisterhaft, dass sein Schicksal durch die Fasern des Bildes greifbar wird. 1845 zeigte Delaroche »Napoleon I. zu Fontainebleau am 31. März 1814 nach Empfang der Nachricht vom Einzug der Verbündeten in Paris«. Seine Stiefel sind mit Staub und Schmutz bedeckt, auf seinen Kleidern, der weißen Weste, der hellen Reithose und dem blauen Mantel sammelt sich der Staub. Erschöpft ist der Befehlshaber auf einen Stuhl gesunken, den rechten Arm entspannt über die Lehne gelegt, den Dreispitz auf den Boden geworfen. Wenige Tage später wird er seine Abdankung unterzeichnen. Doch noch ist sein Ausdruck finster. Das halb verschattete Gesicht lässt seinen Machtwillen aus dem Werk sprechen, dämonisch sind die Augen zu Schlitzen verengt.

Die schattenreiche, pointierte Inszenierung glückte nicht nur dank der großen Naturtreue Delaroches, wie sie Delacroix niemals erlangte, sondern auch dank der nachträglichen Psychologisierung und Monumentalisierung des napoleonischen Scheiterns. Eine Neuheit in der Ikonographie und der französischen Historienmalerei, eine Sensation des Scheiterns zu einem Zeitpunkt, an dem Napoleon bereits offiziell rehabilitiert wurde. Und eines der wenigen Werke in der zaghaften Schau, das im Krebsgang Verweise zum Sammlungsbestand des Bildermuseums herstellt. Denn Delaroches »Napoleon« gehörte zur ursprünglichen Charge des Baus: Der Leipziger Seidenhändler Adolph Heinrich Schletter vermachte 1853 dem damals neu gegründeten Kunstverein der Stadt 97 Kunstwerke unter der Auflage, dass sie in einem unabhängigen Kunstmuseum Platz fänden. Knapp fünf Jahre später sollte das Museum der bildenden Künste eröffnen. Kein Wunder, dass die Sensation dieses Revivals heuer vor allem in der eigenen und allgemeinen Geschichte, und weniger auf der Auswahl der Kunst zu liegen scheint. Schade. Ein Schritt in Richtung Gegenwartskunst wie ihn die Dresdner Kunstsammlungen wagten, hätte der Ausstellung sicherlich die nötige Würze verliehen.