Ausstellungsbesprechungen

Eugen Gomringer, Experiment Konkret

Ein Kunstwerk sei »ein in sich schlüssiges Artefakt, ein Quentchen Vollkommenheit – gut oder schlecht – in einer, ach, so unvollkommenen Welt«, schrieb Karl Gerstner, der heute 75 Jahre alte Künstlerkollege Eugen Gomringers. Es ist zugegeben ein hehrer Anspruch, den die Konkrete Kunst über die Jahrzehnte hinweg erhob und es mögen die in der Öffentlichkeit lauter vernehmlichen Jubelveranstaltungen für ältere und neuere »wilde« Maler ein Zeichen dafür sein, dass so etwas wie die Sehnsucht nach Vollkommenheit nicht allzu hoch im Kurs steht – die erkannte man zumal auch schon bei Raffael & Co.

Die Schwierigkeit eines solchen Strebens zeigte sich gar im Glashaus der konkreten Apologeten selbst: Der Philosoph Max Bense »malte« einst als vollkommenstes Quadrat ein »a zum Quadrat« an die Tafel – die wahre Kunst entpuppte sich als reine Mathematik. Was aber blieb da für die Kunst?

 

Aber das ist nur ein Zerrspiegelbild einer faszinierenden Reise in die logischen Gründe des menschlichen Geistes, die ihren Ursprung weit in der Vergangenheit hat, aber ihren Niederschlag in die Kunst seit rund 50 Jahren (manche mögen sagen, lass es mit Theo van Doesburg 70 oder mit Kandinsky hundert Jahre sein) bewusst und ausschließlich zeigt. Die Museen für Konkrete Kunst ziehen nach wie vor ihre Gemeinde an, sei es in Zürich, Reutlingen, Ingolstadt oder anderswo. Das Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt ehrt nun einen der großen Stichwortgeber und Theoretiker der Bewegung, die kühn die abstrakte Kunst zur eigentlich konkreten erklärte. Ihre Meister wollten eine universelle Kunst machen, die »vollständig (im Geist) konzipiert und gestaltet sein (musste)« - ohne lyrisches, dramatisches oder symbolisches Beiwerk, vielmehr ein denkbar einfaches, exakt-klares, »visuell kontrollierbares« Produkt ausschließlich aus Flächen und Farben. Der Name gründet in Doesburgs »Art Concret«, aber den Siegeszug nahm die Konkrete Kunst mit Heißenbüttel und Gomringer – diesmal allerdings auf der Seite der Literatur, der sogenannten Konkreten Poesie. Eugen Gomringer war der Schöpfer so wunderbarer Texte wie dem visualisierten »ping pong«-Spiel oder dem »schweigen«, das sich erst durch die mittige Leerstelle innerhalb der gleichnamigen Wortfolge ergibt.

 

 

1982 erwarb Ingolstadt die Sammlung Gomringer, die den Grundstock des Museums bildete. Der in Cachuela Esperenza (Bolivien) geborene Dichter wurde nach einem Studium der Nationalökonomie und Kunstgeschichte Sekretär bei Max Bill, er lernte Josef Albers, Max Bense, Helmut Heißenbüttel sowie andere Vertreter der konkreten Richtung kennen und sammelte unermüdlich deren Werke. Zu seinem 80. Geburtstag (am 20. Januar) hat das Museum den Stifter der Sammlung selbst eingeladen, eine Ausstellung zu kuratieren, die die Facetten der Konkreten Kunst unter seinem Blickwinkel nachvollziehbar macht. Ein Experiment will es sein, und ein außerordentlich lebendiges Experiment ist es in der Tat geworden. Was hier präsentiert wird, macht deutlich, dass sich die Konkrete Kunst in ihrer Geschichte nicht nur selbst gewandelt, sondern dass diese Kunst eine unendliche Vielfalt entwickelt hat. Vertreten sind Karl Heinz Adler, Werner Bauer, Jakob Bill, Reinhard Blank, Andreas Brandt, Thomas Kausel, Jo Kuhn, Josef Linschinger, Manfred Mohr, Francois Morellet, Jo Niemeyer, Nelly Rudin, Diet Sayler, Alf Schuler und Marilyn Willis.

 

Dabei zeigt sich, dass die Logik der Phantasie bis ins Konzeptuelle, bis in die Land und die Light Art hinein reicht – und immer blieben die Mathematik und die Philosophie die Impuls- und Leitwissenschaften. Da verwundert es auch nicht, wenn Künstler wie Thomas P. Kausel ihre Arbeiten als »Grundlagenforschung mit und an der Farbsubstanz« betrachten. Und wer behauptet, es passiere nichts auf diesen Werken, der sollte sich die Tafeln von Jo Kuhn regelrecht vor Augen führen: Seinen Ausgangspunkt sieht der 1935 geborene Künstler darin, »Farbe selbst als Gestaltungs- und Ausdrucksmittel subtiler Empfindung wirken zu lassen«. Über jede Theorie hinaus spürt der Betrachter, dass Kuhns auf zwei Farbflächen reduzierte Leinwände einen Dialog vermitteln, dem sich niemand entziehen kann. Wer weiß, ob zur Vollkommenheit mehr notwendig ist. Aber klar ist: Die Konkrete Kunst lebt, vielleicht nicht lautstark, aber gerade in ihrer Zurückgenommenheit in wohltuender Tönung – und im wechselhaft-ruhigen Einklang mit sich selbst. Die ausgezeichnete Ausstellung wird begleitet von einem vergleichbar unaufdringlichen, aber sehr schönen Katalog, der neben brillanten Abbildungen auch sehr aussagekräftige Textzitate der Künstler und ein Interview mit dem Jubilar enthält.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Dienstag–Sonntag 10–17 Uhr

 

Eintritt (nur Wechselausstellung)

3,- EUR / ermäßigt 1,50 EUR

 

Führung

Sonntag, 3. April 2005 (15 Uhr)

 

Veranstaltungen

Freitag, 8. April 2005 (15 Uhr): Lesung mit Eugen Gomringer

Samstag, 9. April 2005 (14.30 Uhr): »konkret heute«

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