Buchrezensionen, Rezensionen

Eva Kernbauer: Der Platz des Publikums. Modelle für Kunstöffentlichkeit im 18. Jahrhundert, Böhlau 2011

Was heute wenige machen, war im Zeitalter der Aufklärung Sache der breiten Öffentlichkeit: die Bewertung und Legitimation künstlerischer Produktion. Der spannungsgeladene Wandel dieser »Kunstöffentlichkeit« steht im Mittelpunkt des Buches, das Ulrike Schuster kritisch für PKG gelesen hat.

Das Cover des Buches zeigt eine Karikatur: Eine Gruppe von Hunden, die ihr animalisches Sein nur notdürftig unter menschlichen Anzügen verbergen, hat um den Kartentisch Platz genommen und zockt. Am rechten oberen Rand erscheint das Lamento des Verfassers: »I’ve often lamented at the thought the art of painting is made so little use of to the improvement of our manners«.

Der Cartoon ist modern, das Zitat hingegen entspringt der Kunstkritik des 18. Jahrhunderts. So originell wie der Umschlag, so erfrischend gestaltet sich die Lektüre des Buches. Eva Kernbauer erzählt auf knapp 300 Seiten die Geschichte des Publikums im 18. Jahrhundert. Die Öffentlichkeit stellte im gesellschaftlichen Diskurs des 18. Jahrhunderts einen Schlüsselbegriff dar und wurde stets als legitimierende Instanz in politischen, moralischen und ästhetischen Fragen benannt. Die zeitgenössische Kunstrezeption pflegte sich darauf zu berufen, die Meinung der Öffentlichkeit wiederzugeben und fällte in ihrem Namen das oberste Urteil in den diffizilen Fragen des guten Geschmacks, der im Kunstdiskurs der Zeit eine tragende Rolle spielte.

Dennoch handelt es sich hierbei um einen äußerst vagen Terminus: Der Öffentlichkeitsbegriff beschrieb in Wahrheit keine soziale Realität sondern stellte eine imaginäre Kategorie dar, »ein attraktives Diskurskonzept«, so Kernbauer, »dem sehr unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben wurden, ein Produkt der Kunsttheorie und der neuen Textsorten Ausstellungskatalog, Sammlungskatalog und Kunstkritik«.

Nicht zuletzt sollte das Publikum in der Auseinandersetzung mit der Kunst zugleich einen ästhetischen und moralischen Erziehungsprozess durchlaufen – einerseits also sein Urteilsvermögen unter Beweis stellen, andererseits sich in der Betrachtung von Kunstwerken die Grundlagen aneignen, um eine solche Bewertung überhaupt vornehmen zu können. Dieser Widerspruch war der Kunsttheorie durchaus bewusst. Er bildete die legitime Grundlage zur Etablierung des Kritikers, der die Aufgabe des Vermittlers zwischen den Künstlern (in deren Reihen nur äußerst selten Künstlerinnen zu finden waren) und der Öffentlichkeit ausübte.

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Kernbauer hat in ihrer Studie die Situation in Frankreich und England verglichen. Die beiden Großmächte beschritten in ihrer Kulturpolitik diametral entgegengesetzte Wege. In Frankreich bediente sich der Staat schon frühzeitig der zeitgenössischen Kunst als Element der absolutistischen Repräsentationspolitik, während in England nur geringes kulturelles Engagement von Seiten des Hofes waltete und die Förderung der Künste noch lange bis ins 18. Jahrhundert über den Weg der privaten Patronage getragen wurde. Die bekannten Rivalitäten zwischen den beiden Nationen führten auch im Kunstdiskurs zu wechselseitigen Abgrenzungen. Nichtsdestoweniger gab es dennoch zahlreiche Gemeinsamkeiten, insbesondere ein reiches kunstliterarisches und philosophisches Reservoir.

In demselben hat die Verfasserin für ihre Dissertationsschrift profund recherchiert. Ausgehend vom späten 17. Jahrhundert, das in Frankreich von der Gründung der Akademie geprägt war, während sich in England die ersten Künstlervereinigungen konstituierten, schlägt sie den Bogen zu den großen öffentlichen Kunstausstellungen, die im 18. Jahrhundert noch ein starkes gesellschaftspolitisches Moment beinhalteten.

Allerdings, so dezidiert die Hinwendung an die Öffentlichkeit, der Publikumsbegriff in der Kunstliteratur war ein widersprüchlicher. Vor allem dann, wenn das allgemeine Urteil nicht so ausfiel, wie es sich die Ausstellenden erhofft hatten. Schon bald unterschied die Kunstkritik zwischen der launischen, wankelmütigen Masse, die man leicht beeinflussen konnte, und dem „wahren“ Publikum, das zum aufrichtigen Verständnis der Kunst fähig war. Dieses wäre, einem beliebten Topos der Zeit zufolge, in den Tiefen der Menge verborgen und würde erst nach und nach seine Stimme zur Geltung bringen, dafür aber der Wahrheit um so nachhaltiger zum Durchbruch verhelfen.

Kernbauers Blick gilt allerdings nicht nur der komplexen Theorie, sondern auch den kleinen Details aus der Ausstellungspraxis. Passend dazu geben die Illustrationen des Buches eine Fülle von zeitgenössischen Ausstellungsansichten wieder. Das werte Publikum bildete im Übrigen auch eine beliebte Zielscheibe für die Feder der Karikaturisten. Kein Wunder, bot das Thema doch reichlich Gelegenheit zur Darstellung von Charakteren, moralisierenden Episoden oder auch Klischees. Mit etwas Wehmut liest man darüber, dass die Kunstausstellungen jener Zeit wahre Massenereignisse waren. Rund 3800 Personen am Tag, so schätzte Samuel Johnson im Jahr 1783, hätten die damalige Schau der Royal Academy gestürmt und es scheint kein Ausnahmeereignis gewesen zu sein.

Mit der Institutionalisierung der Kunst im 19. Jahrhundert übernahm jedoch das Museum jene Funktionen der ästhetischen Valorisierung, die zuvor dem Publikum zugeschrieben worden waren. Gleichzeitig änderte sich das Rezeptionsverhalten der Öffentlichkeit. An die Stelle der lebhaften, offenen Diskussion, die im 18. Jahrhundert als integraler Bestandteil der Kunstbetrachtung angesehen wurde, trat das ungeschriebene Gebot des ehrfürchtigen Schweigens vor dem Kunstwerk. Das Ideal des Musentempels hielt Einzug und löste die vorangegangenen Modelle der Kunstöffentlichkeit ab.