Buchrezensionen

Eva Koethen: Fotografische Räume, Verlag der blaue reiter 2016

Die an der Leibniz Universität Hannover lehrende Kunstwissenschaftlerin und Fotografin Eva Koethen stellt »ver-rückte Orte« in Bildern dar. Ausgebreitet auf dem Boden, sollen sie die Multiperspektivität einer uneinheitlichen Welt anschaulich machen. Jetzt hat der »Verlag der blaue Reiter« einen Katalog herausgebracht, der einerseits die mosaikartig zusammengefügten Fotos dreier Ausstellungen, andererseits einen Vortrag der Künstlerin in New York präsentiert. Stefan Diebitz hat die Überlegungen Koethens gelesen.

Der »Verlag der blaue Reiter« hat schon einen längeren Weg hinter sich, denn bereits 1994/95 entstand in Ulm bei dem damaligen Studenten Siegfried Reusch, heute Diplom-Chemiker und promovierter Philosoph, der Wunsch, eine philosophische Zeitschrift ohne Angeber-Jargon und Insider-Kauderwelsch herauszubringen. Das Ergebnis waren der später umbenannte Omega-Verlag und die Zeitschrift »der blaue Reiter«, bei deren Titel es nahe liegt, an das berühmte Bild zu denken.

Aber aus der Sicht eines Chemikers stellt sich das alles ganz anders dar: Blau soll für die Farbe des Geistigen stehen, der Reiter aber als ein Symbol für das Kämpferische herhalten. »Philosophie heißt gekonnt scheitern!«, hieß das Motto eines Aufsatzes in der ersten Nummer – im Selbstverständnis des Herausgebers könnte der kecke Spruch über jeder Nummer stehen.

Außer der Verpflichtung, verständlich zu schreiben und Fremdwörter zu erläutern, wurde und wird den Autoren auch noch der Tort angetan, auf jedes Honorar zu verzichten; aber dafür erhält jeder Beitrag mehr Leser, als man sich das sonst erhoffen darf. Offenbar ist allein das ein guter Grund auch für viele prominente Philosophen, Artikel, kurze Essays oder auch Besprechungen zur Verfügung zu stellen, und die Liste der Autoren ist entsprechend illuster. Peter Sloterdijk ist wohl der bekannteste, aber neben ihm finden sich auch andere angesehene Universitätslehrer unter den Autoren, neben anderen die Kunsthistoriker Horst Bredekamp oder Bazon Brock.

Die großformatige Zeitschrift hat aber noch ein anderes Markenzeichen: es ist ihre Gestaltung. Für jede Ausgabe wird ein anderer Künstler verpflichtet, und jeder stellt seine Arbeiten unentgeltlich zur Verfügung. Immerhin, es scheint, dass die Hefte und zusätzlich die Hinweise auf der Homepage des Verlages eine ganz gute Werbung darstellen. Für den Leser aber kommt es darauf an, dass jede der beiden halbjährlich erscheinenden Ausgaben ein sorgfältig, ja liebevoll gestaltetes Unikat ist.

Charakteristisch ist neben den Grafiken, Fotos oder Zeichnungen noch der viele weiße Platz, denn die Redaktion hegt eine Aversion gegen Bleiwüsten. Jeder »blaue Reiter« ist einem eigenen Thema gewidmet (das aktuelle Heft dem Rausch), und jeder ist auf eine ganz eigene Weise gestaltet. Das 12. Heft galt der Schönheit (»Schön sein«), das 16. dem Sex, und auch »Luxus« und »No future« wurden anspielungsreich und gelehrt besprochen. Dabei wird in den Beiträgen streng auf eine Pluralität der Meinungen geachtet, so dass als Ergebnis eine anti-ideologische Mixtur erscheint.

Ästhetisch orientiert ist auch das Buchprogramm des Verlags, das keinesfalls trockene akademische Kost liefert, sondern neben Essays auch Gedichte oder Aphorismen wie von Jürgen Große oder geistsprühende Polemiken von Außenseitern wie dem Rezensenten (»Glanz und Elend der Philosophie«, »Spiel und Widerspiel«). In der Reihe »Philosophie und Kunst« sind bislang zwei Essaybände erschienen, unter denen »Vorletzte Fragen« von Jochen Hörisch und Ruth Tesmar (Bilder) hervorzuheben ist.

Jetzt also auch Künstlerkataloge. Der zweite ist »Fotografische Räume«, eine quadratische Hochglanzbroschüre von 96 Seiten – nicht weniger als dreisprachig getextet, denn der in New York gehaltene Vortrag Koethens wurde ins Englische und Chinesische (!) übertragen. Der Katalog ist also kulturen- und sprachenübergreifend, und damit trifft er auch das Ziel der Arbeiten Koethens, die in ihrem Text über den Gegensatz von Integration und Inklusion sinniert. Integration (und natürlich ist die Integration von Einwanderern und Flüchtlingen gemeint), als bloße Erneuerung übersetzt und verstanden, kann nach ihr nicht die Lösung sein, sondern die Autorin zielt auf und verlangt Inklusion, also die gleichberechtigte Vermischung verschiedenster, einander befruchtender Kulturen. Damit formuliert sie ein Ideal, das expressis verbis an Jakob Burckhardts Darstellung der »Kultur der Renaissance« anknüpft.

Koethen legt mit Recht Wert auf den Vorrang des Visuellen, also darauf, dass es das Auge ist, mit dem wir Zusammenhänge wahrnehmen. Aber: »obwohl ich unweigerlich Zusammenhänge sehe (und während des Malens mehr und mehr in Erfahrung bringe), gelange ich zu keinem Wissensbefund. Stattdessen reichern sich die Phänomene an und zeigen unzählige Nuancen, in denen Fülle als Steigerung lebendiger Vielfältigkeit erscheint.« Im Grunde fordert sie also das Sammeln von Bildern und könnte sich sogar auf so große Geister wie Aby Warburg oder Alfred North Whitehead berufen, der für die Arbeit des Philosophen das Sammeln an den Anfang stellt. Aber dabei bleiben darf es natürlich nicht, mit dem Sammeln allein ist es nicht getan – und vielleicht auch nicht mit dem von ihr berufenen »Zauberstab der Analogie«, dessen Lied der Romantiker Novalis gesungen hat. Man könnte zu bedenken geben, dass das assoziative Denken von Koethen ein wenig zu sehr in den Vordergrund gestellt wird.

Es ist offenbar das ziemlich pädagogische Ziel der Künstlerin, »Aufmerken und Achtsamkeit« zu fördern und die Menschen eben darin zu schulen. Koethen betont die Fähigkeit des Menschen, Ähnlichkeiten und Verbindungen trotz aller Unterschiede zu entdecken. So gewinnt die Ästhetik, die sich im »Zusammenschauen von unvereinbar Erscheinendem« übt, eine ziemlich unvermittelte politische Relevanz. Ins Werk setzen möchte die Autorin den Zauberstab der Analogie, indem sie Bilder zu einem betretbaren Bildboden zusammensetzt, in welchen sich »die verschiedensten Dinge in gleichsam musikalischer Weise« verknüpfen. Das erinnert einerseits an den Mnemosyne-Atlas von Aby Warburg, und es scheint zugleich ein Loblied auf den Eklektizismus. Aber ist Eklektizismus nicht ohnehin in unserer Kultur führend – zum Beispiel in der Rockmusik, in der Popart sowieso, in der Architektur spätestens seit dem 19. Jahrhundert? Mir scheint es sehr optimistisch zu sein, wenn die Autorin das »Hervorbringen von unvorhersehbaren, existentiellen Lebenswelten« prophezeit. Zumindest sollte es noch ein Korrektiv zum Zauberstab der Analogie geben, eine Bremse für den allzu ungehemmten Eklektizismus.

Die Bildteile des Buches zeigen die Fotos, die Koethen 2013 in New York und Berlin und 2014 in X’ian ausgestellt oder besser: ausgelegt, nämlich auf dem Boden ausgebreitet hat. Den Beschädigungen, welche die Fotos auf diese Weise besonders in X’ian erfuhren, vermag sie in einer eigenen Anmerkung noch etwas Positives abzugewinnen, weil dank der Trittmuster »eine eigene Perspektive« entstand, in der ihr »en passant gewonnenes Fotomaterial aus der Alltagswelt in unerwarteter Weise in diese zurückkehrte: nicht in Form von Bildmotiven, sondern als reale Spur alltäglichen Gebrauchs und verschleißender Materialität.« Jetzt haben alle Interessierten am 1. Juni in Hannover die Gelegenheit, ihre Fußspuren auf den Bildern zu hinterlassen.