Ausstellungsbesprechungen

Eva Kot'átková – Experiment für sieben Körperteile, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, bis 1. März 2015

Selbstoptimierung, Normierung, Selbstkontrolle — dank moderner Technik alles möglich. Eva Kot'átková beschäftigt sich mit diesem Thema, das heute aktueller scheint denn je. Sie erschafft Installationen, die auf den menschlichen Körper abgestimmt sind. Marco Hompes hat sich diese Instrumente einmal angesehen.

Schaut man sich aktuelle Entwicklungen bei den sogenannten »Technical Devices« der großen Technikhersteller an, so fällt schnell ein bemerkenswerter Trend zur Selbstoptimierung auf. Mit Smartphones und Smartwatches kann der eigene Schlafrhythmus überwacht, der Kalorienverbrauch berechnet und das persönliche Fitnesspotenzial gesteigert werden. Mit der Ausstellung »Eva Kot'átková – Experiment für sieben Körperteile« präsentiert die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden eine Künstlerin, die sich in ihren Arbeiten ebenfalls mit der Disziplinierung und Optimierung des menschlichen Körpers auseinandersetzt. Hierfür gestaltet sie unter anderem Texte, Collagen und Objekte. Bei letzteren handelt es sich meist um Eisenapparaturen, deren korsettartige Gestelle an Halterungen erinnern, mit denen in vergangenen Jahrhunderten die Körperhaltung korrigiert wurde. Auch historisch wirkende Sportgeräte, wie eine alte Sprossenwand oder lederne Matratzen, werden in die Installationen miteinbezogen. Da liegt es nahe, die oftmals brutal wirkenden Maschinen der Tschechin als kritischen Kommentar auf die Körperbesessenheit der heutigen Zeit zu lesen — eine Lesart, die gerne auch vom Museum forciert wird. Doch geht diese Analogie auf? Ein Besuch in der Kunsthalle in der Kurstadt schafft Klarheit. Dort nämlich installierte Kot'átková einen Rundgang, bei dem die einzelnen Räume zu »Experimenten« für verschiedenen Körperteilen wurden.

Im Bezug auf das »Sprachorgan« nennt sich das dann beispielsweise »Speech Organ of Ema, A Girl who Eats Stones« (2014). Im Zentrum dieser Arbeit steht eine verwinkelte Konstruktion, die von Gesteinsbrocken umgeben ist. Das eiserne Gestell wirkt wie ein kubistischer Darm, in dessen verwinkelten Abzweigungen immer wieder Steine unterschiedlicher Größe zu sehen sind. Vor dem trichterförmigen Ausgang der Skulptur liegen kleine Kieselsteine auf dem Boden, sodass der Eindruck entsteht, das Gestell verdaue die herumliegenden Felsbrocken. Durch den Namen im Titel (Ema) wird das Objekt personifiziert. Der Betrachter sieht nunmehr keine seelenlose Maschine, die Steine zerkleinert, sondern ein Mädchen, das Steine isst. Komplettiert wird die Arbeit durch für die Künstlerin typische Collagen. Diese bestehen meist aus Darstellungen des menschlichen Körpers, der durch feine Linien, Fragmentierungen oder durch das Hinzufügen technischer Objekte verfremdet wird.

Das Experiment zum Ohr steht unter dem Titel »Cases of Ears« (2014) und besteht ebenfalls aus metallenen und hölzernen Gestellen, die frei im Raum positioniert wurden und an trichterförmige Hörrohre oder Schallstrahlenfänger erinnern. Ergänzt werden die überdimensionierten Apparate durch Texte. Hierbei handelt es sich um kurze Geschichten, bei denen das Hören im Mittelpunkt steht. Die meisten dieser poetischen Erzählungen drehen sich um Geisteskranke oder Behinderte mit kafkaesk abgekürzten Namen wie »O.«, der beispielsweise glaubt, die Objekte im Raum könnten ihn hören und zu ihm sprechen.

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Die meisten der Experimente eint, dass die darin ausgestellten Collagen und Objekte durch den Titel oder eine andere Textebene in einen scheinbaren Sinnzusammenhang gestellt werden. So ergeben sich lose Assoziationsketten oder phantasiereiche Narrationen, die sich im Kern immer wieder um zwei zentrale Themen drehen: Die Disziplinierung des Körpers sowie geistige und körperliche Grenzzustände oder Normabweichungen. Vielleicht, so ließe sich vermuten, setzt Kot'átková beide Themen in Relation zueinander. Ist der Körper beeinträchtig und wird zu sehr manipuliert, führt dies zu seelischen Krankheiten. Machen uns die »Technical Devices« also krank?

Irgendwie hinkt die Analogie zwischen Kunstwerken und heutiger Technikwelt dann aber doch gewaltig. Sollte es der Künstlerin tatsächlich um eine Kommentierung heutiger Körpermodelle gehen, wie es in manch einer Medienberichterstattung behauptet wird, warum nutzt sie dann den Umweg über befremdlich und antik wirkende Maschinen und historische Sportgeräte? Man gewinnt viel eher den Eindruck, dass die Künstlerin in ihren Installationen bewusst eine Ästhetik heraufbeschwört, die zwar auf der einen Seite verstört, auf der anderen Seite aber auch an bekannte Bildformen anknüpft. So rekurrieren die Arbeiten, ob nun bewusst oder unbewusst, auf Filme. Vor dem geistigen Auge erscheinen Dramen, die in Internaten vergangener Zeiten spielen, absurde Filmkunst, wie Steven Soderberghs »Kafka«, oder Horrorfilme, etwa »Fragile« von Jaume Balagueró, »Hostel« von Eli Roth oder auch die »Saw-Reihe«.

Besonders deutlich wird der Verweis auf Gruselfilme zum Beispiel dann, wenn die Künstlerin verschiedene Körperteile einer Kinderschaufensterpuppe in einem Sandkasten präsentiert, wie es bei der ausgestellten Installation »Hans of Medusa (The Sand Experiment)« (2014) der Fall ist. Die Penetrierung und Zerstörung des Körpers ist auch hinreichend durch Vertreter des Surrealismus bekannt. Man denke nur an Künstler wie Hans Bellmer oder Max Ernst. Frappierend sind auch die Ähnlichkeiten der Collagen Kot'átkovás mit denen des tschechischen Surrealisten Karel Teige.

Immer wieder hat man in der Ausstellung Déjà-vu-Erlebnisse, die sich zeitgleich doch auch einer klaren Benennung widersetzen. Manch ein Besucher der Ausstellung mag sich an dieser spielerischen Unbestimmtheit der Arbeiten Kot'átkovás stören. Weder lassen sich die scheinbaren Bezüge dechiffrieren, noch lassen sie sich zu einer eindeutigen Lesart zusammenzuführen. Die narrativen Momente verbleiben als Fragmente. Es erklärt sich nicht, wie die zahlreichen Themen in Bezug zueinander stehen, und auch das Zusammenspiel der Medien (Collage, Objekt, Text, Performance, Tableau) verbleibt im Unklaren. Womöglich besteht das Potenzial der Werke aber eben genau in dieser Unauflöslichkeit der Verweisstrukturen und den zahlreichen inhaltlichen Widersprüchen. Auf diese Weise ist es der Künstlerin möglich, immer wieder neue Irritationen zu erzeugen, während der Betrachter gezwungen wird, die unfertigen Geschichten weiterzuerzählen und so die Text- und Bildebene zusammenzuführen. Eines wird man der Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden lassen müssen: Kalt lässt sie sicherlich niemanden.