Buchrezensionen

Eva Rovers: Sammeln für die Ewigkeit. Helene Kröller-Müller: Die bedeutendste van Gogh-Sammlerin der Welt, Athena Verlag 2016

Vincent van Gogh gehört zu den wichtigsten, interessantesten und auch teuersten Malern, die jemals gelebt haben. Das ist heute sicher unumstritten, war aber nicht immer so: Besonders um das Jahr 1900 sammelten nur wenige die heute so berühmten Gemälde und Zeichnungen – Helene Kröller-Müller (1869–1939) war eine dieser Pionierinnen. Eva Rovers legt mit ihrem Buch deren überfällige Biografie vor, in die sich Andreas Maurer vertieft hat.

Sicher kann sie als die bedeutendste van Gogh-Sammlerin bezeichnet werden, beherbergt doch das von ihr gegründete Kröller-Müller Museum in Otterlo in den Niederlanden mit 90 Gemälden und über 180 Zeichnungen noch heute die zweitgrößte van-Gogh-Sammlung der Welt. Doch woher kam ihre Leidenschaft zu den Werken des damals noch verkannten Malergenies? Wie kam sie auf die Idee, ihre Sammlung in einem privaten Museum der Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Diesen und vielen anderen Fragen widmet sich das vorliegende Buch der niederländischen Kunsthistorikerin Eva Rovers, erschienen bereits 2010, jedoch erst jetzt endlich in einer deutschen Übersetzung von Marlene Müller-Haas erhältlich. Drei wichtige Eckpfeiler im Leben Helene Kröller-Müllers werden dabei von der preisgekrönten Biografie umrissen: Ihre Sammelleidenschaft, die Enttäuschung über ihre eigenen Kinder sowie ihre unerfüllte Liebe zu Sam van Deventer.

Diese ist auch der Grund für das Zustandekommen des Buches, denn: 1908 lernte Helene den zwanzig Jahre jüngeren Sam kennen und fand in ihm einen Seelenverwandten. Durch Helenes Ehe und Treue zu ihrem Mann lediglich auf geistige Nähe reduziert, führten die beiden eine intellektuelle Beziehung, unternahmen Ausflüge und schrieben sich täglich Briefe, in welchen die sonst so verschlossene Helene ihre intimsten Details offenbarte, manchmal auf bis zu zwanzig Seiten. Sam van Deventer hortete diese lebenslange Korrespondenz in einer Kiste, welche von ihm wie eine Art Schatztruhe behandelt wurde: Er instruierte sogar seine Dienstboten im Falle eines Feuers diese unbedingt als erstes vor den Flammen in Sicherheit zu bringen. Nach seinem Tod gingen die intimen Einblicke in beider Leben in den Nachlass der Familie über, und fanden ihren Weg erst vor einigen Jahren ins Kröller-Müller Museum, wo Eva Rovers als Erster Einsicht in diese mit unglaublichen 3.400 Dokumenten gefüllte Truhe gewährt wurde.

Neben dieser ménage à trois zwischen Helene, ihrem Mann und Sam van Deventer beschreibt das Buch aber auch den Lebensweg einer in sich selbst gefangen Frau der Jahrhundertwende, die zu sehr von ihrem eigenen Verstand kontrolliert wurde und sich trotz aller Rebellion in ein an die gesellschaftlichen Korsette ihrer Zeit angepasstes Leben zwängte.

Schon mit fünfzehn Jahren zweifelte Helene Müller an der gepredigten Unfehlbarkeit der Bibel und stürzte daraufhin in eine wahre Sinnkrise, nach deren Lösung sie ihr gesamtes Leben suchte. Als Tochter eines erfolgreichen deutschen Industriellen entsprach sie dem Wunsch des Vaters und heiratete Anton von Kröller, den Leiter der Rotterdamer Zweigstelle der Firma. Obwohl sie zu ihm in die Niederlande zog, ihm vier Kinder gebar und die Position der Industriellengattin mit Bravour ausfüllte, suchte Helene stetig nach ihrer eigenen Rolle im Spiel des Lebens. Fündig wurde sie erst in der Kunst, bei der sie jene Religion und spirituelle Erfahrung wiederentdeckte, welche sie in der Bibel und dem Glauben der Kirche so sehr vermisste.

Den Funken für dieses Feuer entfachte der Kunsthistoriker H. P. Bremmer, bei dem Helene Kurse für Kunstbetrachtung absolvierte. Bremmer wurde aber nicht nur der Prophet ihrer »neuen« Religion, er baute ihr sozusagen auch gleich die Kirche dafür – denn als Kurator ihrer Sammlung hatte er neben ihrem uneingeschränkten Vertrauen auch Zugang zu ihren fast ebensolchen finanziellen Mitteln. Er brachte seiner Schülerin auch die Werke Vincent van Goghs näher, was nicht verwundert, war Bremmer doch einer der ersten Kunsthistoriker, die sich für das damals noch verkannte Genie einsetzten. Helenes »geistiger Führer« lehrte sie das korrekte Betrachten von Kunst, stellte ihr Sammler und Galeristen vor und führte sie zu den richtigen Käufen. War sie vor der Begegnung mit Bremmer nicht wirklich an Kunst interessiert, erwarb sie nun Gemälde in atemberaubendem Tempo – so wie andere Damen der Zeit Taschen und Hüte kauften. Nach einigen Tagen in Paris etwa kam sie mit nicht weniger als fünfzehn Werken von van Gogh nach Hause.

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Während Helenes Sammlung und ihre damit verbundene spirituelle Mission immer größere Dimensionen annahmen, fing sie an von einem eigenen Museumsbau zu träumen, in welchem sie ihre Liebe zur modernen Kunst mit jedermann teilen konnte. Das Bauwerk, eine Kathedrale für ihre Kunst, sollte ihr Denken ausdrücken, damit sich die Menschen nach ihrem Tod an sie und ihre Ideale erinnerten. 1921 begann man mit dem Bau des Museums nach den Plänen des belgischen Architekten Henry van de Velde, der bis zum letzten Moment von der Sammlerin überwacht wurde. Besonders interessant war dabei ihre Vision einer speziellen Hängung der Bilder: »Auf Augenhöhe« und in einem »gehörigen Abstand voneinander« sollten diese platziert werden. Was für MuseumsbesucherInnen von heute normal erscheint, war damals aber ein komplett neuer Gedanke und stand vollkommen konträr zu den vollgehängten Gemäldewänden bei Ausstellungen.

In der vierhundert Seiten starken Biografie zeigt die Autorin die Protagonistin Helene Kröller-Müller aber nicht nur als Kunstsammlerin, vielmehr erzählt sie darin auch die Geschichte einer enttäuschten Mutter und einer deutschen Patriotin, die sich seit dem Ersten Weltkrieg in den Niederlanden nicht mehr heimisch fühlte. Sie folgt ihren Lebensstationen wie z.B. Helenes Dienst in einem Feldlazarett während des Ersten Weltkrieges und ihre lebensbedrohliche Operation, mit der Rovers die Publikation auch eröffnet – ein sehr persönlicher Einstieg in Romanform, der sofort zu fesseln vermag. Leider verlässt die Autorin schon im folgenden Kapitel diesen spannenden Pfad und schlägt dafür den Weg ein in Richtung einer »artigen« Biografie.

Auch wenn die von Eva Rovers gewählte Sprache sehr klar und unkompliziert ist, so legt sie doch kein leicht zu lesendes Buch vor. Zum einen bestehen die Seiten nämlich aus sehr simpel gehaltenen Sätzen, denen eine Vielzahl an Wortwiederholungen innewohnt (diese können vielleicht auch der Übersetzung geschuldet sein), und darüber hinaus scheint es in vielen Fällen so, als verknüpfe die Autorin eine unüberschaubare Menge an Schnipseln aus Helenes Briefen und Tagebucheintragungen, die sie in Sam van Deventers Truhe gefunden hat, zu einer Biografie – ungeachtet der Tatsache, dass dabei auch irrelevanten und ermüdenden Details aus Helenes Alltagsleben viel Platz eingeräumt wird.

Inhaltlich verlässt Rovers sehr oft den Ariadnefaden, der sich um Helene als Kunstsammlerin spinnt und welchen die Autorin ihrem Publikum im Titel des Buches verspricht. Auch die zahlreichen Fotos aus dem Leben und Umfeld Helene Kröller-Müllers, wie auch die farbigen Abbildungen von Gemälden aus der Sammlung vermögen hierbei keine Balance herzustellen. Fußnoten werden der Übersicht halber im Anhang gesammelt aufgelistet und ebenso, um die weitere Forschung auf diesem Gebiet zu erleichtern, hat die Autorin jene Listen der für ihre Arbeit genutzten Archive, persönlich befragten Personen sowie der zurate gezogenen Tages- und Wochenzeitungen dem Prosatext angehängt. Im Anschluss daran finden sich zudem ein beeindruckendes Literaturverzeichnis und ein Register der im Buch erwähnten Personen.

Ungeachtet des Schreibstils handelt es sich bei Eva Rovers Publikation aber definitiv um ein äußerst wichtiges Buch, zumal der bedeutenden deutsch-niederländischen Sammlerin auch auf der aktuellen Homepage des Museums nur wenige Zeilen gewidmet sind. Nicht nur war und ist eine Aufnahme Helene Kröller-Müllers in die Hall of Fame der KunstsammlerInnen Europas längst überfällig, sondern darüber hinaus beweisen Rovers und ihr Buch einmal mehr, dass das Leben oft ein größeres Kunstwerk darstellt als ein vermeintlich solches, stammt es auch von Vincent van Gogh.