Ausstellungsbesprechungen

Ewald Mataré - Plastik. Eine rheinische Privatsammlung, Museum Kurhaus Kleve, verlängert bis 4. Juli 2010

Der Bildhauer und Grafiker Ewald Mataré (Aachen-Burtscheid 1887-1965 Büderich) gehört zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten des Rheinlands im 20. Jahrhundert und ist einer der wichtigsten Protagonisten der Klassischen Moderne in Deutschland. Das Museum Kurhaus Kleve kann jetzt zum ersten Mal überhaupt eine bedeutende rheinische Privatsammlung präsentieren, die in den letzten 20 Jahren aufgebaut wurde und viele Hauptwerke Matarés vereinigt. Unser Autor Günter Baumann hat sich die Ausstellung für Sie angesehen.

Hund und und Katze, der Menschen liebste Tiere, sind durch die ganze Kunstgeschichte präsent, Pferde tummeln sich edelmütig oder arbeitsam ebendort umher – Kühe haben da einen schwereren Stand, der Bauernhof oder schlimmer: die Scholle ist häufig um die Ecke. Wäre da nicht der Maler Aelbert Cuyp, der die Kuh bereits im 17. Jahrhundert von der wiederkäuenden Kreatur zur Protagonistin machte, und – mit einem großen Sprung ins 20. Jahrhundert – Ewald Mataré (1887–1965), der der Kuh, die im Lauf der Zeit wieder etwas auf den Hund gekommen war, als Typ rettete. Formal konnte er bei Constantin Brancusi abschauen, wo es lang ging, Otto Baum zog mit: Sie schufen Tiere, die so abstrahiert waren, dass man das gegenständliche Motiv auch ignorieren könnte, und die so figurativ waren, dass man gerade noch ahnen konnte, welcher Spezies sie angehörten. Keiner beschäftigte sich jedoch so intensiv mit der Kuh wie Mataré, der dem Tier scheinbar bis in die Seele sah. Tatsächlich ging es ihm in erster Linie um das Volumen. Die »Stehende Kuh« von 1923, mit der seine Serie von zig Kühen begann, basiert auf einem schmalen Holzstück, das er zur Kuh schnitzte; beim Guss peilte er folgerichtig eine wenn auch zweiseitige Reliefwirkung an. Ein Jahr später präsentierte er seine noch reduziertere »Grasende Kuh II«, bei der Mataré beklagte, dass er die Beine nicht dünner machen könne, »sie brechen mir sonst ab«, und er ist mit der Abstraktion noch immer nicht zufrieden, »ich stütze mich noch allzu sehr auf Konturen statt auf Volumen«.

Das Museum Kurhaus Kleve, das sich schon mehrfach Anerkennung mit dem Lehrer von Josef Beuys verdiente, hat eine exquisite Auswahl aus dem Werk Matarés zusammengestellt, die dem gehörnten Vieh viel Platz einräumt. Sie stammt aus einer privaten Sammlung, die ihre Tore aufgemacht hat – heraus kamen mehr als 50 Skulpturen aus allen Schaffensperioden des Bildhauers, entstanden zwischen den 1920er Jahren und 1960. Von früh an interessierte er sich für die weitestgehend reduzierte Gestalt der Tiere. Die Ergebnisse sind von atemberaubender Schönheit, so dass man es kaum fassen kann, dass die Nazis den Künstler auf die Liste angeblich entarteter Zeitgenossen schrieben. (Oder anders gesagt: Deren Kunstverständnis war derart durchschnittlich und einfältig, dass sie mit der Schönheit der Mataréschen Plastiken gar nichts anzufangen wussten.)

Der ungenannte Sammler dieser Ausstellung hat umso mehr Geschmack bewiesen, die Exponate sind nur vom Feinsten. Dabei sind es nicht einmal nur Tiere, die Mataré verewigt hat. Mit von der Partie ist eine ergreifende Pietà-Darstellung aus den frühen 1920er Jahren, die ihresgleichen sucht. Das mag uns daran erinnern, dass der Bildhauer auch sakrale Themen meisterhaft in die Gegenwart übersetzte, man denke nur an seine Bronzetür am Kölner Dom, die er zusammen mit Beuys (!!) schuf. Von einer solchen Warte gelingt ihm auch mühelos der Ausflug ins Profan-Triviale, wenn er etwa Tonkrüge bemalt – eine kleine Sensation der Kleve-Schau. Der Katalog legt sein Augenmerk auf die Einzelbildbetrachtung, die dem Betrachter alles an die Hand gibt, was er zum Verständnis der Plastiken benötigt.

Vorweg ist noch darauf hinzuweisen, dass die Ausstellung nahtlos in die Folgeschau mündet, die dem malerischen Werk Ulrich Erbens gewidmet ist. Der Maler ist dabei dem Schaffen von Ewald Mataré gar nicht so fern, wie man denkt. Erbens farbkräftigen Arbeiten legen durch die horizontal aufeinandertreffenden Farbfelder die Assoziation von Landschaftsbildern nahe. Auch diese Werke vermitteln durch die Loslösung von Figur und Kontur die Minimalanforderungen an eine gegenständliche Wahrnehmung, die sich nicht mit Details aufhalten will, sondern ins Typische, Wesenhafte zielt.