Ausstellungsbesprechungen

Exotik. Verführung. Glamour: Die Weltmarke Goldscheider

Zwischen Kunst und Kitsch oszillieren die Porzellanfiguren, Terrakotten und Keramiken der Wiener Manufaktur Goldscheider, die in diesen Tagen im Grassi Museum für Angewandte Kunst zu sehen sind. Sie entführen den Besucher noch bis zum 11. Oktober in die Roaring Twenties, in die Varietés und Bühnen der Großstädte. Rowena Fuß hat es sich angeschaut.

»Ich bin die fesche Lola, der Liebling der Saison / Ich hab' ein Pianola zu Haus' in mein' Salon« sang Marlene Dietrich im Filmklassiker »Der blaue Engel« (1930). Als Femme fatale verdrehte sie dort einem gutbürgerlichem Professor den Kopf. Dem Mann ist diesbezüglich nichts vorzuwerfen. Ihr knappes Bühnenkostüm, das mehr entblößt als verhüllt und dann auch noch diese burschikose Art hätten wohl jeden ins Wanken gebracht.

Zügellos, farbenfroh, geheimnisvoll, laut, das waren die Goldenen Zwanziger. Erstaunlich ist nun, dass es eine kleine Porzellanfigur schafft, das Bild, das man von der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen hat, heraufzubeschwören. Schaut man sich die Mini-Marlene an, so füllt sich der Kopf gleich mit Tönen, Erinnerungsbildern einer tanzenden Josephine Baker in ihrem Bananenröckchen sowie der damaligen Mode.

In der Pfeilerhalle des Museums ist es jedoch still. Kein Musikakkord hallt durch den Raum, kein Tanzbein wird geschwungen. Oder doch: In den Vitrinen, wo die Fayencen aus dem Hause Goldscheider stehen. Ob Schleiertänzerin, Bauchtänzerin oder Showgirl, die kleinen zarten Frauengestalten in ihren bunten Kostümen waren nach 1914 der Verkaufsschlager der Wiener Manufaktur. Jeder wollte sie in seinem Salon haben.

Bereits um die Jahrhundertwende machte sich die Firma mit bronzierten Terrakotten einen Namen. 1892 lässt sich Friedrich Goldscheider sogar das Patent auf seine Bronziertechnik geben. Die Kombination von Zeitgeschmack sowie handwerklichem und künstlerischem Können in ihren Produkten bildeten aber den eigentlichen Kern des Erfolgs. Und natürlich ein hervorragender Vertrieb in den Dependancen Paris, Florenz und Leipzig. Das »große, hohe und helle Local« gleiche einer »Kunstausstellung nach Inhalt und Arrangement« berichtete die Presse über die 1894 eröffneten Ladenräume im »Städtischen Kaufhaus« der Messestadt.

Man setzte auf bekannte Namen für die Produkte: Sarah Bernhardt, Mary Wigman, Ruth St. Denis, Niddy Impekoven und natürlich Marlene Dietrich sind nur einige, die sich in der Schau wiederfinden. »Heute mögen einige Figuren kitschig erscheinen, aber damals brachten sie den Glamour und das Zwielicht der Zeit auf das heimische Vertiko«, so Olaf Thormann, der Kurator der Ausstellung.

Einen Wow-Effekt lösen aber auch die älteren Objekte der Schau aus. Die großformatigen bronzierten Terrakotten schimmern im satten Rot der frei stehenden monumentalen Schauwand in der Orangerie. Fließende Formen, ein starker Faltenwurf und ausdrucksstarke Gesichter kennzeichnen die Frauen- und Männergestalten. Bemerkenswert ist eine Uhr, die die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt kaum bekleidet auf einem Thron zeigt (um 1903 entstanden). Das Regieren über die Zeit scheint ihr allerdings nicht sonderlich zu gefallen: voller Verdruss bläst sie die Backen auf. Damit dürfte sie in der Ausstellung freilich die Ausnahme bleiben.