Ausstellungsbesprechungen

Expressive Bildteppiche – Johanna Schütz-Wolff, GRASSI Museum für angewandte Kunst, bis 20. September 2015

Rund 20 Wandteppiche bringen in Leipzig nun das Schaffen von Johanna Schütz-Wolff in Erinnerung. Damit widmet sich das GRASSI einer der bekanntesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts und der Mutter der Textilwerkstatt auf Burg Giebichenstein. Eine große Frau also, der man sich hier widmet. Schnuppe von Gwinner hat mit Kuratorin Babette Küster gesprochen.

Das GRASSI-Museum für angewandte Kunst in Leipzig nimmt die Schenkung des Bildteppichs »Frau vor Landschaft« (1954) von Johanna Schütz-Wolff zum Anlass, der Künstlerin in ihrem fünfzigsten Todesjahr eine große Ausstellung zu widmen. Oberflächlich betrachtet erscheint die Bildwelt der Johanna Schütz-Wolff aus heutiger Sicht eher spröde und entrückt. Doch die Kuratorin Babette Küster wird dieses Lebenswerk, dessen Entstehung in die zwanziger bis fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts fällt, als dramatischen Ausdruck seiner Zeit darstellen können.

Die Parallelen des künstlerischen Vorgehens von Johanna Schütz-Wolff zu heutigen, ganz aktuellen Designanforderungen sind vielschichtig. Als junge Studentin der damaligen Handwerker- und Kunstgewerbeschule der Stadt Halle (heute Burg Giebichenstein – Kunsthochschule Halle) besucht sie die »Fachklasse für kunstgewerbliche Frauenarbeiten«. Sie beschäftigt sich mit graphischen und textilen Techniken und wechselt dann an die Münchner Kunstgewerbeschule, um sich dort dem Studium der Typographie zu widmen. Werke aus dieser Zeit bilden den Auftakt zur Leipziger Ausstellung: farbenfrohe, expressionistische Druckgraphiken und Gouachen, unbeschwert und fantasievoll.

1920 kehrt sie, dem Ruf des Direktors Paul Thiersch folgend, nach Halle zurück, um dort die Textilwerkstatt zu übernehmen. Gleichzeitig, man könnte auch sagen in Konkurrenz zum Bauhaus, wird in Halle die Symbiose aus handwerklicher und künstlerischer Ausbildung angestrebt. Johanna Schütz-Wolff, die sich ihre Kenntnisse in der Weberei lediglich in einigen Praktika erworben hat, baut die Webklasse auf. Sie vermittelt die Freiheit eines eher experimentellen Ansatzes – genau so, wie es heute viele namhafte Designer tun, indem sie unterschiedlichste handwerkliche Traditionen und Techniken als Inspirationsquelle für sich und ihre Designideen entdecken. Folgerichtig wird die Ausstellung den technischen Aspekten des Werkes von Johanna Schütz-Wolff besondere Aufmerksamkeit schenken.

Unbeschwert von einer klassischen Ausbildung entstehen Bildteppiche, die selbstverständlich in den Aufsehen erregenden Ausstellungen der deutschen Expressionisten, z.B. neben den Werken Kirchners und Schmidt-Rottluffs hängen. 1928 wird ihr Werk »die Liegende« auf der Deutschen Kunstausstellung in Düsseldorf sogar mit einer Silbermedaille ausgezeichnet. Thematisch stellt die Johanna Schütz-Wolff jener Zeit den Menschen, in einer für sie typischen Abstraktion, ins Zentrum ihrer Betrachtung. Sie webt ohne Karton, nur nach Din A4 großen, gerasterten Entwürfen in einer Mischung von Leinen- und Köperbindungen. Genial ist ihr Umgang mit der Schattenwirkung, Struktur und Plastizität des Textilen, die sich als die elementare Vorstufe zum Dreidimensionalen erweisen. Schwebend scheinen sich ihre Figuren und Formen aus der Tiefe der Fläche zu heben.

1923 heiratet Johanna Wolff den Theologen Paul Schütz. 1925 gibt sie ihre Lehrtätigkeit in Halle auf, bekommt eine Tochter und zieht mit ihrem Mann nach Schwabendorf bei Marburg, wo dieser eine Pfarrstelle erhält. Hier, in ländlicher Abgeschiedenheit, widmet sie sich ganz ihren gewebten expressionistischen Bildern. Ihr Erfolg und ihre Anerkennung reichen weit über Deutschlands Grenzen hinaus.

Seit 1933, unter dem Regime der Nazis, gibt es Schwierigkeiten für Johanna Schütz-Wolff, die zunehmend vom offiziellen Kunstbetrieb ignoriert wird.1935 gerät ein Buch ihres Mannes auf den Index. Im Jahr 1938 kursieren Gerüchte, dass die Gestapo eine Hausdurchsuchung plane. Johanna Schütz-Wolff, die sich mehr und mehr religiösen Themen zugewandt hat, um nicht aufzufallen, fühlt sich zunehmend bedrängt. In großer Angst, ihren Mann durch ihre künstlerische Arbeit wohlmöglich zu gefährden, beginnt sie ein Werk der Zerstörung. In großer Verzweiflung zerschneidet und verbrennt sie dreizehn ihrer Bildteppiche – nichtsahnend, dass der Bürgermeister von Schwabendorf die Durchsuchung verhindern konnte. Einzelne Fragmente und schwarz-weiß Fotos dokumentieren das tragisch verlorene Werk, dessen Auswahl in der Gegenüberstellung mit Erhaltenem die Fragen nach den Kriterien der Künstlerin tragischerweise nicht beantwortet.

Die Zeitläufte kauften der Künstlerin Johanna Schütz-Wolff den Schneid ab. Ihr Gestaltungswille überlebt, entfärbt, bedrückt, die Einsamkeit und Angst der Welt in sich aufnehmend. Johanna Schütz-Wolff folgt ihrem Mann 1940 nach Hamburg, der dort als Pastor an der Hauptkirche Sankt Nikolai wirkt. Nur ein Jahr, dann wird er zum Wehrdienst eingezogen. Die Künstlerin und ihre Tochter ziehen sich zurück nach Benediktbeuern in die Weberhütte der Freundin Maria Marc, Frau des expressionistischen Malers Franz Marc. Auch Maria Marc ist Weberin, ausgebildet am Bauhaus. Die Frauen teilen ihr gemeinsames Interesse für das Färben und Weben. Ein berührendes Zeugnis dieser Zeit, ein offensichtlich viel benutztes Färbebuch von Johanna Schütz-Wolff, hat sich erhalten. Es verrät viel über die Farbrezepturen, Arbeitsweisen und Möglichkeiten.

Nach dem Krieg tritt Johanna Schütz-Wolf noch als Entwerferin in Erscheinung. Gemeinsam mit ihrem Mann kehrt sie 1952 zurück nach Söcking bei Starnberg. Für sein Arbeitszimmer dort entwirft sie Teppich und Möbel – ein Ambiente, das als Teil der Leipziger Ausstellung die gestalterische Ideenwelt der Künstlerin sehr persönlich dokumentiert. Neben freien Arbeiten wurden Aufträge für einen Bildteppich und ein Glasfenster in zwei Wolfsburger Kirchen realisiert.

Ihr letzter Wandteppich »Frau vor Landschaft« entsteht 1954. Als Schenkung an das GRASSI Museum für angewandte Kunst gibt dieser nun Anlass zu dieser spannenden Ausstellung. Sie zeichnet das Porträt einer freien Künstlerin, deren Geschichte und Werdegang in der Ausstellungschoreographie der Kuratorin Babette Küster und ihres Teams in Leipzig wieder auflebt.

Johanna Schütz-Wolff entzieht sich jeder Kategorisierung. Sie war eine professionelle Künstlerin, Handwerkerin, Designerin, deren ganzheitliches Werk und dramatische Geschichte heute besonders inspirierend wirkt.