Ausstellungsbesprechungen

f/stop. Festival für Fotografie, Spinnerei Leipzig, bis 3. Juli 2016

Unter dem Titel »the end of the world as we know it, ist der Beginn einer Welt, die wir nicht kennen« beschäftigt sich f/stop 2016 mit der Geschichte der Reportage. Was zunächst nach einer eher trockenen Angelegenheit klingt, ruft beim Rundgang schnell eine Gänsehaut hervor. Rowena Fuß war vor Ort.

Reportagefotografie, die. Laut einschlägiger Lexika wird sie definiert als eine zeitlich wie örtlich begrenzte Darstellung nicht fiktiver Ereignisse. Das heißt, Aufnahmen solcher Art illustrieren Berichterstattungen über Hintergründe in Politik, Kultur und anderen Bereichen von gesellschaftlichem Belang (z. B. Gerichtsverhandlungen, Unglücksfälle oder Verbrechen) oder stellen diese in bildhafter Weise dar.

Aber was bedeutet schon »Darstellung«? Reportagefotografen erzählen vielmehr Geschichten. Sie unterhalten, sie provozieren, sie zeigen ihre ganz persönliche Sicht der Welt.

Diesem Credo hat sich auch das diesjährige Fotofestival angeschlossen. Ein großes Thema ist Krieg. Die Kuratoren Anne König und Jan Wenzel zeigen Titelseiten verschiedener Tageszeitungen neben künstlerischen Fotografien, private Schnappschüsse neben historischen Reportagen von Größen wie Robert Capa, Margaret Bourke-White und Lee Miller. Erstmals wird zudem das Werk von Gerda Taro in Leipzig präsentiert. Dazu verlässt das Festival zum ersten Mal das Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei und zeigt Bilder und Geschichten, die in New York, London und Hamburg in Zeitschriften veröffentlicht wurden, am Ort ihrer Entstehung.

Ein Beispiel ist Magnum-Legende Robert Capa. Als Berichterstatter von der Front, war der Kriegsfotograf stets ganz vorn mit dabei. So auch an jenem tragischen Tag im April 1945 als der amerikanische Private First Class Raymond J. Bowman durch einen Kopfschuss getötet wurde. Das Bild, das ihn zurückgesunken am Boden auf dem Balkon des Hauses 61 in der Leipziger Jahnallee zeigt, ging unter dem Titel »The last Man to die« um die Welt. Capa war mit ihm in der Wohnung, wo es passierte. Am Ausstellungsort, dem heutigen Café Eigler, ist nicht nur die Ausgabe des LIFE-Magazins zu sehen, in der die Bilderfolge, die Capa in der Jahnallee schoss, veröffentlicht wurde, sondern auch ein Video mit dem Interview eines ehemaligen Hausbewohners.

Lohnenswert sind die täglich stattfindenden Künstlergespräche und Führungen. Ariella Azoulay verdeutlichte bei einer solchen Gelegenheit, was ein Bild zum Dokument einer Vergewaltigung macht, obwohl es dieselbe nicht zeigt. In ihrer Publikation »The Natural History of Rape« hat sich die Theoretikerin, Kuratorin und Dokumentarfilmerin mit den Massenvergewaltigungen deutscher Frauen 1945 auseinandergesetzt, die zwar fotografisch festgehalten, aber kaum veröffentlicht wurden. Denn natürlich waren einige Fotografen in deutschen Städten unterwegs, um deren Zerstörungsgrad festzuhalten. Dabei wurden sie oft Zeugen von Gewalttaten. Eine Berlinerin, die ihre Erlebnisse in einem Tagebuch festhielt, kommt in Azoulays Schau im archiv massiv zu Wort. Zitate ihrer Eintragungen hängen über den Bildern zerstörter Häuser und Trümmerfrauen. So hält Anonyma fest, dass es irgendwann zum Alltag gehörte, seinen Körper für ein paar Lebensmittel schänden zu lassen und Beziehungen zu Offizieren der Siegermächte einzugehen, um vor dem Zugriff anderer Soldaten geschützt zu sein.

Die Aufnahme einer jungen Frau in einem ausgebombten Zimmer lässt keineswegs vermuten, dass hier kürzlich eine Vergewaltigung stattgefunden hätte. Ihre zerlumpte Kleidung ermöglicht kaum Rückschlüsse darauf. Und doch waren es gerade solche durchlöcherten Zimmer, nicht abschließbare Hauseingänge und Kellerwohnungen, wo die Taten stattfanden. Das änderte sich erst, als die Aufräumarbeiten soweit vorangeschritten waren, dass es wieder Tore gab. Mir läuft bei diesem Gedanken ein Schauer über dem Rücken. Die genannte Aufnahme wird zu einem Symbolbild für Geschehnisse, die nicht zu sehen sind, aber auf die durch den abgebildeten Ort und die Frau verwiesen wird.

Azoulay erklärte im Gespräch, dass es ihr darum geht, ein Bild zu dekonstruieren und in seine einzelnen Elemente zu zerlegen, um so seiner Bedeutung und Verweiskraft auf die Spur zu kommen. Dieser sehr theoretische Ansatz ihrer Arbeiten ist kennzeichnend für die Metaebene vieler Aufnahmen, die ausgestellt sind.

In Halle 12 weist eine Stellwand mit dem Titel »Ein aus dem Zusammenhang gerissener Junge« auf wiederkehrende darstellende Mittel hin. So wird im Vergleich der Bilder des kleinen toten syrischen Jungens Ailan, der am Strand des türkischen Badeorts Bodrum liegt und einer Aufnahme dreier toter US-Soldaten am Buna Beach in Neuguinea deutlich, wie gewisse Posen in Reportagebildern immer wiederkehren. Die Aufnahme der Soldaten erschien am 20. September 1943 im LIFE-Magazin. Genau wie der syrische Junge liegen diese mit dem Gesicht nach unten im nassen Sand. Man empfindet Mitgefühl mit den Eltern der Toten, die nun einen ungeheuren Verlust zu beklagen haben.

»Dead Americans at Buna Beach« war das erste Bild in einer amerikanischen Illustrierten, das getötete US-Soldaten auf dem Schlachtfeld zeigte. Ohne die Intervention des LIFE-Korrespondenten Cal Whippe wäre es jedoch nie publiziert worden und der Militärzensur zum Opfer gefallen. Er fand, dass die Dosis an Realität, die die Aufnahme vermittele, bitter nötig sei. Auch das Bild des toten Ailans dient diesem Zweck. »Der Schock dieses Fotos soll unser Gewissen aufrütteln« schrieben die Zeitungen bei der Veröffentlichung.

Ist die Fotografie nach wie vor ein Gefäß der Erfahrung? Oder treiben uns die Bilder längst vor sich her? Diese Fragestellung schließt sich an die Betrachtung an. Denn wie oft scrollt man Bildersammlungen auf dem Rechner, dem Smartphone, dem Facebookaccount, der WhatsApp-Gruppe lediglich schnell durch und lässt die Aufnahmen an den Augen vorbeiflitzen, ohne dass sich eine Regung bemerkbar macht. Hat sich darüber hinaus schon irgendjemand länger mit den Titelbildern diverser Tageszeitungen beschäftigt? Insofern sollte man ruhig ein wenig Zeit für seinen Besuch des Fotofestivals investieren. Eben, weil keine der präsentierten Aufnahmen einen kalt lassen wird.