Ausstellungsbesprechungen

Fabian Reimann – Amateur und Überflieger, Kunstverein Hannover, bis 31. März 2013

Fabian Reimann setzt sich in skulpturalen Arbeiten, Fotografie, Collage, Malerei und Text intensiv mit ambivalenten und zumeist mysteriösen Lebensgeschichten auseinander. Insbesondere die vielfältigen Identitäten ehemaliger Spione und Agenten zur Zeit des Kalten Krieges stehen im Fokus seiner künstlerischen Rechercheprojekte. Bettina Maria Brosowsky hat sich die Ausstellung angesehen.

Zur Kunst kam Fabian Reimann erst im zweiten Anlauf – die erste Aufnahmeprüfung an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst war nicht erfolgreich. Somit wurde es für den 1975 ins kleine Meckelstedt bei Bad Bederkesa Geborenen erst einmal nichts mit dem 'Abenteuer neue Bundesländer', wie er rückblickend seine Motivation als 19-Jähriger bezeichnet, sowie dem Kunststudium. Aber er hatte zu dem Zeitpunkt bereits eine Literaturzeitschrift mitbegründet: die unregelmäßig erscheinende 'Krachkultur' behauptet sich seit 1993 als hintergründige 'Publikation, die man sich unter Literaturfreunden schon mal begeistert rüberreicht', so schrieb es die ZEIT 2005.

Intuitiv konsequent begann Reimann 1996 ein Studium der Kultur- und Kunstwissenschaften sowie Germanistik in Bremen, das er 2001 abschloss. Und ging dann zum zweiten Studium nach Leipzig, wo Fabian Reimann immer noch lebt, nun mit Familie. Reimann bezog sofort sein Atelier im Künstlerzentrum einer ehemaligen Baumwoll-Spinnerei, neben so prominenten Vertretern der 'Neuen Leipziger Schule' wie etwa Neo Rauch. In einem Gastjahr an der Wiener Akademie der Bildenden Künste besuchte er 2005 dann die Klasse Heimo Zobernig für textuelle Bildhauerei. Zobernig sei in seinen Arbeiten sehr formal, sagt Reimann distanzierend. Von ihm hat er aber die intellektuelle Strenge, das weite 'Vordenken' eines künstlerischen Themas mitgenommen.

Bei einer derart interdisziplinär angelegten künstlerischen Vita überrascht es nicht, dass sich Fabian Reimann nicht auf eine Sparte reduzieren will, seine künstlerischen Artefakte haben starke literarische Anteile. Das macht die Erschließung seiner Arbeiten nicht gerade einfach, man muss schon einiges nachlesen oder erfragen. Deshalb sind Reimanns Ausstellungskataloge auch komplexe Bücher, die nicht nur die Präsentation 'ablichten' sollen, wie er sagt. Im Kunstverein Hannover ist derzeit eine mehrteilige multimediale Installation Reimanns zu sehen, sie ist in Teilen das Ergebnis des einjährigen 'Nachwuchsstipendiums Niedersachsen', das er im Jahr 2011 erhalten hat. Und sie steht durchaus verbindend zwischen den Leistungsnachweisen der beiden anderen Stipendiaten: Samuel Henne, Absolvent der Kunsthochschule Braunschweig, auratisiert unter anderem selbsterdachte Kleinplastiken aus Alltagsgegenständen mittels professioneller Werbefotografie. Die Deutsch-Iranerin Anahita Razmi re-inszeniert Klassiker der westlichen Performance unter erschwerten Bedingungen in Teheran oder auch Cindy Shermans Filmstills – nun in dilettantisch unscharfer YouTube-Manier. Dazwischen stellt sich Reimann, dokumentarischen Wahrheitsanspruch und narrative Fiktion in verschiedenen Medien künstlerisch verflechtend.

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'Amateur und Überflieger' ist der Titel von Reimanns Ausstellung. Wer aber war der Amateur, oder was der Überflieger, auf die hier Bezug genommen wird? Er komme ja aus dem sicheren 'Yogurette-Westen', sagt Fabian Reimann, die deutsch-deutsche Grenze war weit weg, eine konkrete Bedrohung somit nicht vor Augen. Aber als Kind hätte er sich immer gewundert, weshalb selbst im kleinen Meckelstedt die Luftschutzsirenen regelmäßig ertönten, wenn auch nur zur Funktionskontrolle. So sei wohl sein Interesse an Phänomenen des Kalten Krieges entstanden, die er seit langen Jahren nun mit kulturhistorischer Akribie ergründet und als Ausgangspunkte künstlerischer Umsetzungen nimmt.

Die beiden Protagonisten seiner Installation sind folglich zwei Spione. Zum einen Rudolf Abel, Oberst des sowjetischen KGB, der zwischen 1948 und seiner Enttarnung 1957 in unklarem geheimdienstlichen Auftrag in den USA tätig war. Und zum anderen der amerikanische Pilot Francis Gary Powers, 1960 in seiner Lockheed U2-Aufklärungsmaschine über sowjetischem Terrain abgeschossen. Beide wurden 1962 auf der Glienicker Brücke bei Potsdam gegeneinander ausgetauscht und eröffneten damit eine mythenträchtige Agenten-Ära, die sich in Film und Thriller ergiebig niederschlug.

Fabian Reimann ging den Spuren Rudolf Abels nach, der sich im Laufe seines Lebens viele Identitäten zulegte. Zur Tarnung seines unsteten Lebenswandels in den USA gab er den gutsituierten Amateurkünstler, malte und fotografierte in einem New Yorker Atelierhaus. Reimann las die Akten des FBI – mittlerweile so geschwärzt, dass sie kaum noch Informationen boten. Die fotografische Tatortdokumentation des Ateliers war ebenfalls miserabel, und auch die über einhundert von Reimann kartierten ehemaligen Übergabestellen geheimen Materials nährten eine Agentenlegende, bezeugten aber keine verlässliche Wahrheit. So wurde Reimanns Thema das Sichtbarmachen des Unsichtbaren, und sei es als atmosphärische Geschichtsinterpretation.

In seinen bildnerischen Techniken greift er deshalb zu komplizierten Übersetzungen: die leeren New Yorker Übergabestellen, die 'dead drops', wurden in kleinen runden Linolschnitten festgehalten und als Bleistift-Frottagen wiedergegeben. Sie erscheinen nun wie Gedenkmünzen oder Medaillen, eine Materialisierung, die Reimann in Erwägung zog, aus finanziellen Gründen aber ausschied. Die Malereien Abels aus seinem New Yorker Atelier malte Reimann anhand der FBI-Fotos nach, ließ sie röntgen und in Details als Negative ausdrucken. Hier wird eine kriminalistische Technik, nur bei echten Kapitalverbrechen angewandt, ad absurdum geführt und kann nicht den geringsten Nachweis liefern. Sie reflektiert aber auch den Generalverdacht unzähliger (historischer) Ermittlungsverfahren, dass Künstler Spione wären und in ihren unschuldig scheinenden Gemälden topografische Pläne oder Nachrichten versteckten, als physische Übermalung oder motivisch, in der so bezeichneten Steganografie. Fabian Reimann kehrt diese nun als künstlerisches Prinzip um: seine Arbeiten enthalten keine kryptischen Botschaften – sie stehen für politische Konstellationen, in denen Bedrohungsszenarien konstruiert werden, um restriktive Wahrheits- und Rechtszugriffe zu legitimieren.