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Fade into you Episode XXX: Slapstickhaftes Versteckspiel im Office

Ganz im Sinne des geforderten View, Drink and Discuss gestaltete sich die 30. Episode des Filmscreenings »Fade into you« in der Mainzer Kunsthalle. Das Video des Abends wurde von Sabine Idstein moderiert. Es handelte sich um eine Arbeit der Schwedin Sofia Hultén. Schon nach dem ersten Betrachten verbreiteten sich geflüsterte Kommentare im halbdunklen Turmzimmer-Kino der Kunsthalle: »Typisch öffentlicher Dienst!«. Sina Kraushaar lässt die Veranstaltung noch einmal Revue passieren.

»Grey Area. 12 Attempts to Hide in an Office Environment« heißt das Video der in Stockholm geborenen Künstlerin. »Ein gutes Video. Denn es thematisiert eine Selbstaufgabe, die in einer Selbstauflösung besteht. Eine Verschmelzung von sinnlosen Handlungen.« Die Aussage aus dem Publikum hört sich vielleicht beim ersten Lesen kompliziert an, aber spielt eben auf die Zeitlichkeit und das Ephemere der performativen Handlung an, die Sofia Hultén in ihren Videoarbeiten immer wieder herausstellt. Hultén findet ihr künstlerisches Material im Alltäglichen, Vorgefundenen, sogar meist auf der Straße. Sie zeigt beispielsweise die aufwendige Restaurierung alter Möbelstücke, um diese dann wieder durch gezielte Zerstörung in ihren ursprünglichen Ausgangszustand zu versetzen. Diese Sorgfalt und Absurdität einer Handlung findet man auch in »Grey Area« vor.

In diesem Video ist es der Büroraum und dessen Mobiliar, die Sofia Hultén als Attribute zur Selbstinszenierung dienen. Hultén ist Bildhauerin und inszeniert sich selbst im Kostüm einer Angestellten, in der Kleidung einer fremden und standardisierten Arbeitswelt. Durch die zwölf Performances von kurzer Dauer, die das Verstecken und Verbergen im Arbeitsleben als filmische und humoristische Standardsituationen inszenieren, wird Hultén selbst durch den Stillstand in ihrem Versteck zur Skulptur. Eine Skulptur im Businesskostüm sozusagen, die sich dem realen Arbeitsraum entziehen möchte. Das Verschwinden hinter Jalousien, hinter einem immensen Papierberg im Kopierraum oder in einer Toilettenkabine gestalten die neun Minuten als spannende künstlerische Unterhaltung. Es ist also eine ephemere skulpturale Performance, die verschiedene stereotypisierte Szenarien durchspielt. Sie erinnern stark an Ausschnitte einer Slapstickkomödie oder an die ebenfalls 2001 erschienene britische Fernsehserie »The Office«, die ebenfalls durch das grelle unwirtliche Licht, die Nüchternheit und Sterilität sowie der Starrheit der Kamera gekennzeichnet ist. In dieser Videoarbeit bleibt jedoch der Konflikt beziehungsweise die Konfrontation mit den Kollegen oder dem Chef aus. Der triste Büroraum als Parkett für eine Performance, die darin besteht sich dem farblichen Möbelarrangement anzupassen und sich der körperlichen Sichtbarkeit innerhalb eines zweckmäßigen, unpersönlichen Arbeitsraumes zu entziehen, steht neben dem Interesse für die gespenstische Leere des Büros, denn andere Arbeitnehmer sind kaum zu hören und genauso wenig zu sehen.

Das Video beginnt im Flur, eine Halbtotale Einstellung zeigt einen Spind. Eine Frau im klassischen grauen Kostüm mit heller Seidenbluse geht auf diesen Spind zu, öffnet eine Tür, mustert den Innenraum, schließt diese Tür wieder und wählt die Spindtür nebenan, steigt hinein und versteckt sich hinter dieser. Genauso nüchtern wie diese kurze Nacherzählung der Handlung sind auch die Ausführungen der Künstlerin. Sie hebt sich kaum von dem Inventar ab, ihr Gesicht ist kaum zu sehen, was die Unpersönlichkeit und Tristesse der Mise-en-Scène nur noch verstärkt. Es erfolgt eine raue schwarze Blende, ein neues Bild, eine halbnahe Einstellung auf die Beine der Protagonistin. Die Einzigartigkeit ihres Gesichtes ist schier abgeschnitten vom gewählten Ausschnitt des Bildkaders. Sie steigt in eine Mülltüte und entschwindet unter einem Tisch, neben ihr ein wirklicher Mülleimer. Immer weiter gehen diese zweideutigen Szenen, in dem Möbel und Mensch eins werden. Wir betreten weitere Büroräume, immer in anderen Verkleidungen erscheint uns die Künstlerin, doch sie behält immer ihren grauen Dress bei. Mal besteht ihre Verschalung aus vier Pappkartons, mal aus einem Papierberg und schließlich ist es auch ein Regenschirm im Foyer, der ihr die Unsichtbarkeit garantiert. Mit dem Kopf unter dem grauen Teppich endet das Video das erste Mal und von neuem beginnt die gezielte Verstecksuche von Toilette bis Aktenzimmer.

»Kopf in den Sand stecken, resignieren« sind erste Assoziationen mit dieser Szene. Auch die Audioebene wird besprochen, denn es ist wider Erwarten nicht still in diesem gespenstisch leeren Büro. Leise Geräusche sind öfter mal zu hören, doch nur sehr unscheinbar und auch bei mehrmaligem Betrachten der Arbeit geht immer wieder ein Raunen durch das Publikum. Man fragt sich: Ist es immer das gleiche Büro, der gleiche Raum? Nur andere Ansichten? Wird mit vorhandenem Material gearbeitet, fügt sie Büroutensilien hinzu? Es werden erste Muster erkannt. Entweder versteckt sich Sofia Hultén innerhalb der Möbel und Vorrichtungen oder sie nutzt Möbel, Müll, Hinterbliebenes um sich dahinter zu verstecken. Meist ist ihre körperliche Präsenz für den Betrachter noch zu erahnen, wie beispielsweise ihre Silhouette hinter der Jalousie. »Eine Dramaturgie gibt es schon. Wir folgen der Künstlerin in einer bestimmten Weise durch das Büro, wie in einem Rundgang, wir beginnen im Flur, in dem sich ein Spind befindet, betreten mehr oder weniger ›persönliche‹ Büros, folgen ihr auf Toilette und enden am Empfang hinter einem Regenschirm.«

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Sabine Idstein äußert eine weitere Idee und fragt: »Für wen wird eigentlich inszeniert?« Die Antwort hängt mit dem Kamerastandpunkt zusammen. Dieser ist starr und folgt Sofia Hultén nicht. Wir hören Stimmen, aber sehen die anderen Büroangestellten dieses Versteckspiels nicht.Sind wir die einzig Eingeweihten? Die Frage, wo wir uns eigentlich befinden, beschäftigt einige Zuschauer. »Stark papierlastiges Büro, gibt es heute kaum noch. Höchstens im Gerichtswesen oder im öffentlichen Dienst.« Betrachtet man den Umraum könnte es ein typisches Behördenbüro sein, doch erwartet man fleißige Arbeitnehmer. »Könnte es nicht auch sein, dass gerade alle Mitarbeiter im Außendienst sind, nur sie ist noch übrig?« Vielleicht fragt sich die Künstlerin, was man in einem Büro so treiben kann, bei Abwesenheit der Kollegen. Deutlich wird im Laufe des Gesprächs, dass Büroangestellte »eine Form von Mimikri sind, sie nehmen durch ihre graue, schwarze oder braune Bürokleidung die Farbe der Umgebung an, die Struktur ist unangreifbar, man macht sich sozusagen unangreifbar, verschmilzt und verschwindet in dieser Umgebung«.

Ist es also eine Form von Flucht, die Hultén hier inszeniert? Die Handlungen, das Verstecken, das sie eigentlich an der Arbeit hindert, führt dazu, dass sie nicht wie ein typischer Angestellter im öffentlichen Dienst mit der Umgebung verschmilzt. Sie flieht vor der Arbeit. Zunehmend fallen die Sätze wie »Im Verwaltungsamt geht man verloren«. Die bisher zur Schau gestellte Entpersonalisierung, Entfremdung und Unscheinbarkeit wird um zwei weitere Aspekte, die nach mehrmaligen Betrachten der Abfolge auffallen, ergänzt: Das Verstecken bedeutet entweder noch immer in der Umgebung sichtbar zu sein, wie das Verstecken auf dem Einbauschrank oder die komplette Verschmelzung respektive das Verschwinden mit dem Mobiliar des Büros. Diese Form des zunehmenden Verschwindens kann auch in Verbindung mit einer gewissen Rationalisierung gesehen werden. Eine Etage nach der anderen wird leer, eliminiert, ein strukturelles Verschwinden von überflüssigen Mitarbeitern, »Ressourcen« wie sie im Jargon von Wirtschaftplanern genannt werden. Es ist ein funktionelles Verschwinden, das Hultén hier möglicherweise in dieser Form inszeniert.

Bisher fallen in der Diskussion der Videoarbeit viele filmwissenschaftliche Definitionen. »Wir haben es hier aber eigentlich mit einer skulpturalen Arbeit zu tun. Wir betrachten hier im entfernten Sinne eigentlich Bildhauerei.« Hultén inszeniert und wird selbst zum Readymade. Wir kennen den Büroraum. Er ist allgemeingültig. Durch den leeren Arbeitsraum wird offensichtlich, dass sich Hultén vor- oder nach der gängigen nine to five-Arbeitszeit im Büro befindet. Sie ist eine Figur, die sich anpasst und dies geschieht auf zwei Weisen: eine anarchistische und eine adaptive. Diese wechseln sich ab. Mal ist sie noch zu sehen, mal verschwindet sie völlig. Die Person ist dysfunktional und muss zum Möbel werden. Dies ist aus bestimmten Perspektiven inszeniert, die starre Kamera, meist als eine Halbtotale eingestellt, sieht sie nicht. Sie selbst entzieht sich ebenfalls dieser Kamera.

Zudem sucht Hultén Orte des Persönlichen innerhalb eines unpersönlichen und sterilen Ortes auf. Ein Rückzugsort wie die Toilette oder der Spind als eine Möglichkeit um persönliche Heiligtümer aufzuhängen. Oft sind innerhalb des Bildkaders auch Pflanzen zu sehen. Pflanzen sollen Leben in diesen Nicht-Ort bringen, die Luft verbessern im tristen Büroalltag. Sie sind auch eine Form von gezähmter Wildheit im unpersönlichen Büro, die Blumentöpfe Rebellion gegen das einheitliche Grau und diplomatische Blau des Büromobiliars. Vieles wirkt zudem fehl am Platz. Die zahlreichen Verpackungskisten liegen normalerweise nicht wild gestapelt unter einem Schreibtisch, wird im Publikum aufgrund eigener Erfahrungen festgestellt. Auch im Kopierraum herrscht kein wildes Papierchaos und ebenfalls sind blaue Müllsäcke eher selten im Büro zu finden. Hultén inszeniert die Trostlosigkeit in Varianten. Erst sieht man einen Mensch und schließlich nur noch Objekte. Die Mitarbeiter, bezeichnet als Ressource, sind nichts anderes als Mobiliar, auf dem Papier gleichgesetzt mit einem Schrank.

Der Titel der Videoarbeit rückt erst zum Ende des Abends wieder in den Fokus. »Grey Area. 12 Attempts to Hide in an Office Environment.« Zwölf? Hultén spielt auf die Zeit an. Zwölf Stunden. Zwölf Anläufe sich der Büroausstattung anzupassen. Grey Area. Die Graue Zone. Grau ist die dominierende Farbe in diesem Büro, selbst die Protagonistin hebt sich nicht von ihrer Umgebung ab. Graue Zone – Grauzone, vielleicht auch eine Anspielung auf den schmalen Grad zwischen Arbeiten und Nicht-Arbeiten, Anwesend sein und Abwesend sein. Sofia Hulten interessiert sich nicht nur für Zeit und eine spielerische Aufdeckung von Zeitlichem. Sie interessiert sich auch für Zwischenzustände und ungewöhnlich alltägliche Orte, wie den deutschen Verwaltungsapparat, der möglicherweise auch als Stereotype und deutsches Klischee im Ausland gilt.