Ausstellungsbesprechungen

Faszination Fremde – Bilder aus Europa, dem Orient und der Neuen Welt, Museum Giersch, Frankfurt am Main, bis 14. Juli 2013

Eindrucksvolle Naturlandschaften und exotische Kulturen lockten Künstler aus dem Rhein-Main-Gebiet in zahlreiche europäische Länder, in den Orient und nach Amerika. Günter Baumann hat sich die in Bleistiftskizzen, Aquarellen, Ölstudien und Fotografien festgehaltenen Reiseeindrücke angeschaut und gerät ins Schwärmen über die Faszination Fremde.

Wo Fremde ist, sind Klischees nicht weit. Das heißt zunächst nichts anderes, als sich ein Bild zu machen, solange die Faszination oder Verwunderung über das Unbekannte jener fremden Welten noch anhält: von einem Naturerlebnis etwa, dem man erstmals begegnet, oder von einer exotischen Kultur, deren historisch gewachsene Struktur man nicht durchschaut. Im Zeitalter der Informationsüberflutung schwingt da vielleicht noch ein wenig Nostalgie mit, aber in der breiten Masse wird die Fremde heutzutage praktisch zurecht geknipst in ein Format, das den Anschein des Vertrauten hat.

Geht man zurück ins 18. Jahrhundert, nimmt das 19. und frühe 20. Jahrhundert noch dazu, stößt man auf die Anfangszeiten des Tourismus, die unbändige Neugier an fremden Kulturen, von deren Existenz man zuvor kaum etwas wusste, wenn man nicht in Schichten verkehrte, in denen die Entdeckungsreisen der Frühen Neuzeit diskutiert wurden. Die Kunst des 16. Jahrhunderts kannte den Porträtisten der Weltreisenden und den Illustrator der entstehenden Folianten und Weltkarten – die kaum im allgemeinen Bewusstsein ankamen. Im 17. Jahrhundert machten sich die ersten Künstler, vorwiegend Maler, einen Namen, die selbst in fernen Ländern arbeiteten. Doch erst im 18. Jahrhundert stieg die Faszination sprunghaft an. Da es die Fotografie noch nicht gab, florierten die traditionellen Kunstgattungen: Zeichnungen, Aquarelle und die Ölstudie – die Freiluftmalerei kommt erst später hinzu, genauso wie die Fotografie, die bald eher der Skizze Konkurrenz machte als der Malerei, wobei die technische Entwicklung im Laufe des 19. Jahrhunderts der Fotografie lediglich einen höheren Stellenwert einräumte. Dass das Thema der fremden Bildwelten so viele Künstler hervorbrachte, die sich auch noch zunehmend spezialisierten, lag daran, dass die Nachfrage in der Bevölkerung enorm stieg, auch wenn sich bei Gott nicht jeder eine solche Reise leisten konnte.

Das Museum Giersch hat sich des Themas »Faszination Fremde« angenommen und präsentiert es in der vollen Breite seiner Deutungen mit rund 130 Arbeiten von 40 Künstlern – vom Fallbeispiel bis hin zu konkreten Fremdwelten und reinen Imaginationen. So beschwerlich, aufwendig und abenteuerlich auch immer das Reisen damals war, die Eindrücke wollten erfasst und nach Hause befördert sein: kein Wunder, dass das Faszinosum mehr verfing als das Kuriosum, sofern es die Reise in ein negatives Licht gestellt hätte (wer will schon gern über die Mühsal Zeugnis ablegen?). Darüber hinaus galt auch noch über lange Zeit hin das Klischee des edlen Wilden – wollte man ihnen nun in Afrika oder in den sich zum Staat erhobenen USA begegnet sein. Anzeichen einer realistischen Sicht finden sich im Werk Erna Pinners, die Suahelifrauen aus Tanga und Menschen aus Bolivien zeichnerisch und in Lithografien festhielt – das war jedoch schon um 1930. Über den vorgestellten Zeitraum hinweg wird ein Wandel deutlich: Die Reaktion auf Erlebnisse in der Fremde, die die Künstler festhalten wollten, wich der Aktion, angetrieben von Neugierde und zusehends echtem Interesse für das Andere, Fremde.

Die Schau präsentiert die Fremde nach thematischen und geografischen Kriterien, ohne je die kulturellen Zusammenhänge zu vernachlässigen. Die zwei überwiegenden Genres waren die Landschafts- und die Bildnismalerei: zum einen fächerten sich die Sujets auf in den sprichwörtlich gewordenen Mythos Italien, aber genauso entwickelten sich neue Sparten wie die Darstellung des Orients oder der Berg- und Eiswelt der Arktis. Schwieriger waren zum anderen die Menschendarstellungen, die sich nicht »von Natur aus« als Motiv ergaben. Die schöne Marokkanerin, der stolze Indianer und all die anderen Menschen mussten erst gewonnen und letztlich ernst genommen werden, um sie porträtieren zu können. Daneben boomte der Markt für Typen, für deren Produktion sich Spezialisten wie Adolf Schreyer anboten.

Unter den bekannteren Namen ist Hans Thoma zu nennen, dessen exotische Zitronenverkäuferin die Begeisterung für den Süden betont, die in Goethes Reisebeschreibungen einen kulturgeschichtlichen Höhepunkt erreicht, von wo aus die Künstler ihren malerischen Rundblick wagten. Andrerseits galt natürlich auch Deutschland für Maler aus anderen Ländern als Fremde. Star der Frankfurter Ausstellung ist hier William Mallord Turner, der auf den Spuren der Rheinromantik pilgerte und malte – er stiehlt so manchem deutschen Auslandreisenden die Show. Das gilt freilich nicht den Modernen, die die Exotik auf ihre Fahnen geschrieben haben, mehr noch: die sich in ihrem Stil davon inspirieren ließen. Darunter fallen die Künstler des Jugendstils, noch mehr die Expressionisten (hier vor allem Josef Eberz) und Kubisten (am Rande: Siegfried Shalom Sebba), und als Überraschung die Felsbildkopien von Elisabeth Mannsfeld. Ihr Weltbild war immer noch im Reiz des Primitivismus gefangen, doch haben sie die weitere Entwicklung der Kunst über Max Baumeister hinaus beeinflusst.