Kataloge

Ferino-Pagden, Sylvia (Hrsg.): Arcimboldo. 1526–1593, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2008.

Im Kunsthistorischen Museum Wien läuft bis zum 1.6.2008 eine Ausstellung über das Œuvre von Giuseppe Arcimboldo, der als Schöpfer fantastischer Porträts einer der extravagantesten und zugleich geheimnisvollsten Maler der Kunstgeschichte ist.

Es handelt sich um die weltweit erste monografische Ausstellung zu Arcimboldo, die sich zum Ziel gesetzt hat, anhand von rund 150 Werken, darunter 41 Gemälde, das Werk des Manieristen, das bis heute nicht vollständig erforscht ist, wieder in seine Entstehungszeit zurückzuführen und in den historischen Kontext einzuordnen, statt ihn – wie bislang – hauptsächlich auf seine viel zitierte Vorreiterrolle für die Avantgarde, insbesondere für die Surrealisten, zu reduzieren.

Auf der Basis einer neuen Überprüfung und Ergänzung der bisher bekannten Quellen geht der begleitende Katalog allen offenen Fragen nach, die im weitesten Sinn mit der Künstlerpersönlichkeit Arcimboldos zu tun haben und erschließt die ganze Spannweite seines Schaffens einschließlich der weniger bekannten Facetten, die den Werdegang Arcimboldos illustrieren: von seinen künstlerischen Anfängen in Mailand über die Zeit am Wiener und Prager Hof, wo er 25 Jahre als Hofmaler für Maximilian II. und Rudolf II. tätig war und seine berühmte Serie von Jahreszeitenbildnissen, die aus Pflanzen und Früchten komponiert sind, sowie die anderen außergewöhnlichen »capricci« schuf, bis hin zu seinen letzten Lebensjahren, die er wieder – nun als berühmter »Malerfürst« – in seiner Heimatstadt Mailand verbrachte.

 

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Die Katalogbeiträge werden in einzelnen Sektionen präsentiert und geben einen ausgewogenen Überblick über Arcimboldos vielseitiges Schaffen: So analysiert Silvio Leydi die Mailänder Zeit Arcimboldos in Dokumenten und Hypothesen, während sich Karl Schütz ausführlich mit der Kunst und Kultur am Hof Kaiser Maximilians II. sowie mit der Rolle des Malers als Hofporträtist beschäftigt. Andreas Beyer geht der Frage nach, wie Arcimboldo seinen Ruhm zu Lebzeiten selbst konstruierte und warum er nach seinem Tod in Vergessenheit geriet.

Dreh- und Angelpunkt der Schau sind die fantastischen Komposit- und Umkehrköpfe, deren bisher ungelüftetem Geheimnis der Katalog auf die Spur kommen will und deren Ursprünge und Inventionen von den verschiedenen Autoren wie Thomas DaCosta Kaufmann, Görel Cavalli-Björkmann und Philippe Morel kontrovers diskutiert werden. Gemäß der gängigen Interpretationen wären die Serien der »Jahreszeiten« und »Elemente« als politische Allegorien aus der engen Beziehung zwischen dem humanistisch gebildeten Künstler und Kaiser Maximilian II. bzw. des Hauses Habsburg hervorgegangen, konkret im Rückgriff auf Mythen und Gedichte antiker Autoren und in direkter Ergänzung zu einem literarischen Konzept des Humanisten Giovani Battista Fonteo anlässlich des Neujahrtages 1569. Eine andere Lesart vergleicht Arcimboldos Kompositmethode mit den verschiedenen Praktiken der Rhetorik – Metapher, Allegorie, Metonymie, Allusion – und erklärt den Künstler zum visuellen Sprachbildner. In jedem Fall gehorchen die grotesken Köpfe einer Ästhetik des Paradoxen: Sie strahlen Witz und Ironie aus, haben aber manchmal auch eine düstere, beunruhigende Komponente. Die Ambivalenz der Bilder entsteht durch die zwei Blickpunkte auf das Ganze und auf das Detail. Aus der Akkumulation vieler kleiner vertrauter Objekte entsteht etwas Neues, Fremdes, durchaus Monströses und damit auch eine beabsichtigte Verunsicherung beim Betrachter.

 

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Aufschlussreich ist in diesem Kontext, dass Arcimboldo auch ein Selbstporträt als allegorische Kompositschöpfung geschaffen hat: eine 1587 entstandene, großartige Zeichnung, in der Augen, Nase, Lippen, Ohren usw. nach Art einer Maske aus Papierblättern gebildet und so angeordnet sind, dass sie auf perfekte Weise seine Physiognomie imitieren. Er stellt sich also nicht in der Rolle des Malers dar, sondern sieht sich selbst primär als Mann des Papiers und damit der Literatur und des »disegno«.

Arcimboldo war demnach weit mehr als der verspielte Maler von »scherzi« und »grilli«: ein hochgebildetes Multitalent und Universalgenie wie etwa sein Vorgänger Leonardo da Vinci, dessen Studien von Pflanzen und Tieren sowie von »komischen« Köpfen eine bedeutende Vorbildfunktion für Arcimboldos Kompositporträts und naturwissenschaftlichen Illustrationen hatten. Erstmalig wird in diesem Zusammenhang Arcimboldos in seinen »Jahreszeiten« und »Elementen« detailliert wiedergegebene Flora und Fauna näher untersucht, insbesondere von Sylvia Ferino-Pagden, die sich auf Arcimboldos Tätigkeit als akribischer Naturbeobachter bzw. »conterfeter« der Natur konzentriert. In Ergänzung dazu beleuchtet Manfred Staudinger die Beziehung zwischen Arcimboldo und dem berühmten Naturwissenschaftler Ulisse Aldrovandi, während Franz Kirchweger der Welt der Kunstkammern zwischen Kunst und Natur auf die Spur kommt.

Wie in Leonardo waren auch in Arcimboldo alle Talente eines Renaissance-Künstlers vereint: Architekt, Hofmaler, Dekorateur ebenso wie vollendeter Beobachter und naturwissenschaftlicher Illustrator der Botanik und Tierwelt. Neben seinen fantastischen und realen Porträts inszenierte Arcimboldo auch Feste und entwarf Wappen, Rüstungen, Prunkwagen, Kostüme, Wandteppiche und Glasfenster. So schmücken die Glasfenster mit alttestamentarischen Motiven, die nach seinen in den Studienjahren gemalten Entwürfen gefertigt wurden, bis heute den Mailänder Dom. Auch sein monumentaler Tapisserie-Entwurf für die Kathedrale in Como ist in der Ausstellung zu sehen. Den Kostümen und Entwürfen für höfische Feste und Turniere widmet sich Andreas Beyer, während Philippe Morel die Kultivierung und Verarbeitung von Seide thematisiert, ausgehend von einer Serie von 13 Zeichnungen Arcimboldos, die sich mit der Seidenherstellung beschäftigen und für einen Freskenzyklus vorgesehen waren.

 

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Diese Vielfalt fasst der einleitende Essay der Ausstellungskuratorin Sylvia Ferino-Pagden zusammen, in dem sie die verschiedenen Facetten des Hofmalers als Philosoph, Sprachbildner, Magier und Spaßmacher würdigt sowie seine Vorreiterrolle nicht nur für die Dadaisten und Surrealisten, sondern auch für zeitgenössische Künstler wie Bernard Pras hervorhebt. 

Der Appendix umfasst Beobachtungen zur Maltechnik, eine technologische Analyse des »Gemüsegärtners«, Regesten zur Mailänder Zeit und Quellen zu Arcimboldo am Habsburger Hof und rundet damit den sehr informativen und zu neuen Forschungen anregenden Katalog ab.