Ausstellungsbesprechungen

Figura cuncta videntis (the all-seeing eye) / Homage to Christoph Schlingensief, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary in Wien, bis 16. April 2011

Viel Kunst auf wenig Raum - in diesem Sinne versammelt die Privatstiftung von Francesca von Habsburg in ihrer aktuellen Ausstellung eine illustre Gesellschaft von Künstlern und deren Performances. Im Rahmen der Präsentation von durch TBA in Auftrag gegebenen Arbeiten wird erstmals die Installation »Animatograph« des 2010 verstorbenen Medien- und Aktionskünstlers Christoph Schlingensief in Österreich gezeigt. Benjamin Schaefer hat sich mit dieser spannenden Ausstellung auseinandergesetzt.

Konzeptuell beschäftigt sich die Schau mit den Fragen nach der Konservierung und Dokumentation von performanceartiger Kunst sowie der adäquaten Ausstellung solcher »Spuren« von Handlungen. Außerdem erwartet den Besucher kein weißer Kubus, sondern ein Wohngebäude, das durch die Raumaufteilung die Gliederung der Rezeption ergibt. So begegnet einem bereits auf der Treppe, sprichwörtlich zwischen Tür und Angel, auf einem Fernseher die aufgezeichnete Performance von Nevin Aladağ. Einer Schauspielerin werden per Playback Aussagen von Anwohnern verschiedener Nationalitäten in den Mund gelegt, wie sie Wien im Bezug auf Fremdenfreundlichkeit erleben. Das Playback lässt eine ironische Distanz zwischen Bild und Ton entstehen, besonders wenn die vorgebliche Sprecherin im Tratschgestus am Fenster schmerzhafte Erfahrungen auf die Straße ruft.

Die gleichsam gehobenere Klasse der Performance leitet John Bock ein. Der Raum mit »Malträtierte Fregatte« von 2006/07 zeigt eine Live-Performance als Projektion sowie ein Video auf einem Fernseher. Erstere zeigt eine Kostüm-Theater-Musical-Show mit Band in und um einen hängenden VW-Bus. Von einem der bereitgestellten alten Sessel kann man auf dem Fernsehschirm die nachträgliche Verschrottung des VW-Busses aus der Projektion parallel verfolgen.
In Fotografien dokumentiert ist dann die Aktion »19-20:30 Uhr 31.05.2007« von Gregor Schneider. Das Konzept: Hundert Statisten stehen nach der Beschreibung »typisches Kunstpublikum« in einer Schlange vor dem Magazin der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Unbeteiligte Interessierte reihen sich ein, werden mit einer Eintrittskarte durch einen engen, leeren Gang geschleust und verlassen das Gebäude wieder. Die Organisation und Manipulation von Menschenmassen wird hier demonstriert, dementsprechend sind die Fotos in einer totalen Einstellung, teilweise aus der Vogelperspektive, aufgenommen.
Der Raum für Jonathan Meese, ebenfalls im Portfolio der Stiftung, macht wahlweise Krux oder Clou dieser Ausstellung deutlich. Unter dem Titel »Jonathan Meese ist Mutter Parzival« findet sich ein Arrangement von Videoprojektion, Panelen und Skulpturen sowie Papierarbeiten. Auf dem Video ist eine Performance zu sehen, die Meese parallel zu einer Wagner-Inszenierung im Magazin der Staatsoper Berlin Unter den Linden durchgeführt hat. Der Besucher hört davon nicht viel, da das hysterische Geschrei und die Musik aus den Nebenräumen der Ausstellung den eher gedämpften Ton hier überdecken. Absicht oder Zufall? Mit ausgestellt in Wien sind Bronzeskulpturen, die monströse Köpfe mit Phalli an verschiedenen Stellen zeigen, außerdem beschriftete und bekritzelte Panele und Papierarbeiten, die alle auf das Parzival-Thema bezogen sind und teils aus dem Bühnenbild der Performance stammen.

Höhepunkt und gewissermaßen Anlass der Wiener Schau ist die aberwitzige Installation »Animatograph« von Christoph Schlingensief. Über mehrere Räume erstreckt sich ein Parcours aus Objekten, Dokumenten, Videoprojektionen und -installationen sowie mannigfaltigen Schriftzeichen. Im vorletzten Raum schließlich befindet sich eine begehbare, rotierende »Bühne«, die von sich überlagernden Projektionen angestrahlt wird, sodass der Betrachter förmlich mitgerissen und selbst zum 'Bühnenbild' wird. In der »Iceland Edition« von 2005, die zuerst in Reykjavík ausgestellt wurde, gibt es verschiedene Themen, die in den benutzten Medien auftauchen: Island, die nordische Mythologie, Wagner, Afrika, sowie exponiert der Slogan »Destroy the Parliament«.

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Besonders mit Bock, Meese, und Schlingensief lassen sich hervorragend vergleichende Betrachtungen der zeitgenössischen, aufwändigen Großperformances aus Deutschland anstellen. Das gemeinsame Moment ist die »Aufhebung der Grenzen« oder die Propagierung des Gesamtkunstwerkes. Daher beziehen sich zwei der vertretenen Künstler direkt auf Wagner, dem Letzteres ein besonderes Anliegen war. Schlingensiefs »Animatograph« lässt sich als romantisch-ironisches Werk sehen, in dem Kreation und Skepsis zusammen geführt werden: Er holt den Menschen einerseits in den Apparat hinein, in die physische Drehung der Bühne. Dies kehrt die Logik des Films um, der den Menschen nach Benjamin zu kühlen »Testierern« vor dem vielfach technisch manipulierten, ge-drehten Bild macht. Andererseits proklamiert er die Zerstörung des Parlamentes, in dem die demokratische Realisierung des Willens der Einzelnen stattfinden soll. Weder emanzipiert Schlingensief also hier im politisch-systematischen Sinne, noch lässt er ab von der Emanzipation des Individuums. Andere Arbeiten wie »W.D.M. (Walt Disney Massacre)« von Palli Baline und Davíð Örn Halldórsson oder »It never seems to end« der New Yorker Band »Japanther« fanden in Zusammenhang mit oder auf dem »Animatographen« statt – im Gegensatz zu Meese hat der Nomade Schlingensief mit seiner Arbeit immer auch Anderen eine Bühne gegeben.
Den eindrucksvollen Schlusspunkt der Ausstellung bildet der Dachstuhl des Hauses, in dem man zwischen Balken und Kaminen Fotografien von Chicks on Speed sowie die Venediger Biennale-Videoarbeit »The End« des Isländers Ragnar Kjartansson auf Strohballen erleben kann.
So wie die ausgestellten Performances mit der körperlichen Präsenz der Akteure verbunden sind, so wird der Betrachter auch körperlich in der Ausstellung beansprucht: Man verfolgt Spuren von Handlungen durch das ganze Haus, deren Sinnzusammenhang sich nur in der Körperlichkeit des erlebenden Subjektes ergibt. Aus der räumlichen 'Not' eine Tugend machend zeigt die Wiener Schau mit kuratorischem Witz das alles sehende Auge, figura cuncta videntis, bloß als blinkende Videokamera am Ende des »Animatographen«. Die Suche oder Orientierung des Adressaten ist aber fernab einer kühlen oder beliebigen Zitierweise der Postmoderne, eher ermächtigt die TBA-Schau mit Materialwucht das Individuum neu, sich sein nichttechnisches Teil des Gesamt-Bildes zu sichern. Was wohl auch im Sinne Schlingensiefs wäre.

Vertretene Künstler: Christoph Schlingensief, Nevin Aladağ, John Bock, Chicks on Speed, Anetta Mona Chişa und Lucia Tkáčová, Douglas Gordon, Japanther, Ragnar Kjartansson, Jonathan Meese, Dan Graham, Tony Oursler, Laurent P. Berger, Gregor Schneider, Palli Baline und Davíð Örn Halldórsson