Buchrezensionen, Rezensionen

Florian Hertweck: Der Berliner Architekturstreit. Stadtbau, Architektur, Geschichte und Identität in der Berliner Republik 1989-1999. Gebr. Mann Verlag 2010

Der Berliner Architekturstreit erregte in den 1990er Jahren die Gemüter des eben wiedervereinigten Deutschlands. Welcher Stil sollte die neue Hauptstadt prägen: Visionäre Bauten internationaler Stararchitekten? Oder preußischer Klassizismus? In seiner Dissertation „Der Berliner Architekturstreit“ beschreibt Florian Hertweck eine energische öffentliche Auseinandersetzung zwischen Architekten, Stadtplanern und Kunsthistorikern. Und bezieht selbst deutlich Stellung zu den Positionen. Cornelia Lütkemeier hat das Buch gelesen.

Der Berliner Architekturtreit, Cover © Gebrüder Mann Verlag
Der Berliner Architekturtreit, Cover © Gebrüder Mann Verlag

Mit einem Essay im „Spiegel“ sorgte der Architekturtheoretiker Vittorio Magnago Lampugnani 1993 für einen Aufschrei in der Fachwelt. Publikumswirksam kritisierte er unter dem Titel „Die Provokation des Alltäglichen. Für eine neue Konvention des Bauens“ die Entwürfe internationaler Star-Architekten in Berlin. Aktuell könne es sich jeder leisten, „die absurdesten Tragkonstruktionen mit den schrägsten Fassaden so zusammenzubringen, dass die Bauschäden programmiert sind; wenn es nur pittoresk und heiter aussieht, ist es auch demokratisch und akzeptabel“, spöttelte er. Lampugnani plädierte für eine neue, wirtschaftliche Einfachheit im Bauen: „Wo Innovation bloße Attitüde ist, hat die Konvention das bessere Argument.“ Und polemisierte: „Das Nazi-Verdikt wirkt bis heute nach. Wer im Bauen altbewährte Materialien wie Naturstein oder Holz verwendet, gilt als reaktionär. Wenn er daraus solide, gut detaillierte Bauten konstruiert, ist er fast schon totalitär. Und wenn die Grundrisse klar geometrisch angelegt und die Fassaden einheitlich und streng gegliedert sind, dauert es nicht lange, bis er als Faschist diffamiert wird.“

Die Reaktionen ließen nicht lange auf warten. Zustimmung fand Lampugnani bei der Fraktion der Traditionalisten: Fitz Neumeyer, Josef P. Kleihues, Hans Kollhoff, Jürgen Sawade, Max Dudler, Walter Noebel und Hans Stimmann erkannten in der Architektur Preußens sowie in den steinernen Häuserblöcken der 19320er und 1930er Jahre eine qualitative ‚urbane‘ Architektur. Diese sei zwar von den nationalsozialistischen Kulturideologen missbraucht und in der Nachkriegszeit tabuisiert worden – nun, nach Mauerfall und politischer Einheit, gelte es jedoch wieder, in Form der „Kritischen Rekonstruktion“ an diese Tradition anzuknüpfen. Strenge Fassaden-Normen und zeitgenössische stilisierte Nachbauten friderizianischer Bauten wie das Hotel Adlon am Pariser Platz sollten der Hauptstadt somit ihr „eigentliches“ preußisches Gesicht zurück verleihen.
Die Fraktion der Postmodernen, unter ihnen der Star-Architekt Daniel Libeskind, empörte sich hingegen laut über die Enttabuisierung der Nazi-Architektur und die drohende Einengung der künstlerischen Freiheit. Ferner fragte man, mit welcher Begründung sich dieser preußische Klassizismus zum „Typischen“ einer Berliner Architektur an der Schwelle des 21. Jahrhunderts erklären lasse. Gerade das Diskontinuierliche und der stilistische Bruch seien typisch für das Berliner Stadtbild, das durch die Werke vieler verschiedener Jahrhunderte und Stile geprägt worden sei.

Nicht nur das Verhältnis von Stadtplanung und Architektur, von öffentlichem Raum und privaten Investitionsflächen, wurde im Berliner Architekturstreit hitzig diskutiert. Die Öffentlichkeit verhandelte nicht zuletzt auch über das Geschichtsverständnis der Deutschen – nämlich den Umgang mit nationalsozialistischer Vergangenheit und DDR. „Berlin must look like Berlin – But what does that mean?“ fragte treffend das New York Times Magazine.

Gerade vor dem Hintergrund der Stadtschloss-Rekonstruktion liest sich Florian Hertwecks Buch äußerst aktuell, es versammelt zum Teil polemische, aber immer spannende Zitate, Quellen und Positionen der neunziger Jahre. Darüber hinaus liefert Hertweck einen historischen Überblick über frühere städtebauliche Konzepte für Berlin – von Schinkel über Taut bis zur Stalinallee.
Schade ist, dass der Autor in seinem Buch nicht chronologisch vorgeht, sondern die Debatte in verschiedenste Diskursebenen auffächert. Durch dieses Vorgehen werden die einzelnen, sehr interessanten Positionen manchmal unnötig zerpflückt, manchmal müssen sie wiederholt werden. Den historischen Abriss über die Stadtplanungs-Geschichte Berlins hätte man sich eher zu Anfang als zum Ende des Buches gewünscht. Etwas anstrengend ist mitunter auch, dass der Autor selten zitiert, ohne das Zitat nicht auch in einem Atemzug zu bewerten – meist zugunsten der Postmodernen und zu Ungunsten der ‚Kritischen Rekonstruktion‘.
Hertwecks Fazit: „Die kontinuierliche Abfolge von Zerstörung des Existierenden und fragmentarischem Wiederaufbau […] haben über die Jahrzehnte hinweg zu einem heterogenen, kontrastreichen, fragmentarischen Stadtbild geführt, […]. Die ‚Kritische Rekonstruktion‘, mit ihrem expliziten Ziel eine homogene – ‚normale‘ Physiognomie durchzusetzen, entpuppt sich somit […] als ‚unberlinerisch‘[…].“

Fazit: Florian Hertwecks Dissertation setzt einige Fachkenntnis über die Debatte voraus. Vorausschauend verweist er einleitend auf Publikationen wie Gert Kählers „Einfach schwierig. Eine deutsche Architekturdebatte. Ausgewählte Beiträge 1993-1995“ und Philipp Oswalts „Berlin. Stadt ohne Form“. Diese Bücher stellen sicher eine sinnvolle ergänzende Lektüre zu „Der Berliner Architekturstreit“ dar.