Buchrezensionen

Folker Reichert: Das Bild der Welt im Mittelalter, Primus 2013

In einer Welt der GPS-gestützten Karten und der Satellitenüberwachung fällt es zuweilen schwer, sich vorzustellen, dass vor noch nicht allzu langer Zeit weiße Flecken auf Landkarten zu finden waren. Wenn man die Welt aber nicht derart vermessen kann, wie wir es heute tun, lässt das Raum für Wunder, Fantasien, Spekulationen und religiöse Deutungen. Eben wie im »tiefsten Mittelalter«. Einen Einblick in das Weltbild dieser Epoche bietet Folker Reicherts Werk. Stefanie Handke hat einmal reingeschaut.

Folker Reichert: Das Bild der Welt im Mittelalter © Cover Primus Verlag
Folker Reichert: Das Bild der Welt im Mittelalter © Cover Primus Verlag

Das Überblickwerk des Mediävisten Reichert ist keine Geschichte der Kartografie, wie man vielleicht meinen könnte, wenn man sich das Buch durchblättert und die zahlreichen Karten entdeckt. Nichtsdestotrotz spielen sie aber eine große Rolle, waren sie doch in vormodernen Zeiten mehr als nur ein Abbild der Welt. Und das nicht nur aufgrund der mangelhaften vermessungstechnischen Möglichkeiten. Nein, hier geht es vielmehr um ein »Imago mundi«, ein Welt-Bild im ursprünglichen Sinne: Die Welt als solche mit ihren naturräumlichen und kulturellen Gegebenheiten, aber auch ihrem Bezug zur religiösen Vorstellungswelt wird nicht nur in bildlichen Darstellungen, sondern auch in Karten abgebildet. Dabei entfaltet sich eine Bild-Welt von beeindruckender Intensität: detailreich ausgeführte Städte, Berge und Wälder, aber auch Tiere und fremde Völker – reale wie als real angenommene – beleben Reiseberichte und Itinerare und eben auch Karten. 

So begegnen dem Leser bereits auf dem Umschlag und im Vorsatz zwei ebensolche und Reichert beginnt seine Darstellung mit der Grundlage des mittelalterlichen Weltbildes in der antiken Geografie. Was hier erarbeitet wurde, sollte nämlich das folgende Jahrtausend prägen: Beliebt waren Schemakarten. Insbesondere das TO-Schema – siehe Titelbild – sowie die Fünf-Zonen-Karten begegnen dem Leser immer wieder. Beide stellten jedoch zugleich Deutungsversuche der erlebten Welt dar: TO-Karten sind in der Regel nach Osten ausgerichtet und ihre Dreiteilung gibt die gedachte Größe der drei bekannten Kontinente wieder. Die Fünf-Zonen-Karten dagegen gehen von der Spiegelbildlichkeit der Welt aus und unterteilen die Welt in zwei sehr kalte Zonen, eine sehr heiße Mittelzone – alle drei sind unbewohnbar – und zuletzt zwei bewohnbare gemäßigte Zonen ein, von denen die südliche je nach Deutung als unbewohnt galt (weil kein Mensch die heiße Äquatorialzone durchqueren konnte) oder aber von den Antipoden bevölkert, deren Gestalt man nicht kannte. Die Bandbreite dieser schematischen Karten reicht von gemäldeartig ausgeführten und mit Allegorien versehenen Darstellungen wie der des Simon Marmion mit den Söhnen Noahs, die die drei Kontinente besiedeln, bis zu einfachen Linienschemata.

Im Übrigen räumt das Buch mit einem Vorurteil auf: Denn der mittelalterliche Mensch war durchaus der Ansicht, nicht auf einer Erdenscheibe, sondern auf einer runden Erde zu leben. Die Buchmalerei aus einem Folianten der Bibliotheque Nationale in Paris belegt dies: Hier ist ein Gedankenexperiment abgebildet. Zwei Männer werden an einem Punkt losgeschickt und gehen immer geradeaus, um sich dann auf der anderen Seite der Erde wieder zu begegnen.

Großen Raum in Reicherts Werk nimmt das Ineinandergreifen von Erlebtem und Angenommenem ein: So bevölkerten Skiapoden (menschlich anmutende Wesen mit nur einem Bein, mit dem sie außerordentlich schnell unterwegs waren und sich selbst Schatten spendeten) und andere fabelhafte Völker auch die Reiseberichte der Asienreisenden, die es ja eigentlich hätten besser wissen müssen. Doch die mittelalterliche Vorstellungswelt wies diesen Wunderwesen einen festen Platz in der Geografie, aber auch der Heilsgeschichte zu. So widmet der Autor den Wundern der Welt denn auch ein eigenes Kapitel und weist hier darauf hin, dass für solche »mirabilia« in allen Medien eigene Orte reserviert wurden: Die Ferne im Osten oder Süden der bekannten Welt. Und hier wurden sie dann auch gern optisch dargestellt. Doch auch »nahegelegene« Wunder, meist Sagen aus der bekannten Welt fanden ihren Platz in Reiseberichten und Itineraren, wie eine Darstellung des den Südwind umlenkenden Trompeter von Neapel beweist. Nicht zu vergessen, dass Wunder im christlich geprägten Abendland einen unverbrüchlichen Beweis für das Wirken Gottes darstellten und sicherer Teil der Wirklichkeit waren – und damit ganz selbstverständlich dargestellt wurden.

Fortsetzung von Seite 1

Überhaupt, das Reisen. Das spielt für das mittelalterliche Weltbild eine besondere Rolle – Kartografen und Gelehrte konnten sich eben nicht auf genau vermessene Computerdaten verlassen, sondern waren (eher selten) auf eigenes Erleben oder (häufiger) die Berichte weit gereister Zeitgenossen angewiesen. Und diese räumten nicht immer mit Vorurteilen auf, sondern berichteten von den Wunderwesen. Auch waren sie weniger neutrale Berichterstatter, sondern betrachteten das Erlebte durch ihre eigene Brille: Auch hier spielen bereits vorhandene Vorstellungen eine große Rolle. So sah Marco Polo die chinesische Kultur durch die Augen der mongolischen Eroberer und gibt denn auch im Grunde genommen deren Weltbild und natürlich deren Ansichten zu den Eroberten wieder.

In den Kapiteln zur mongolischen und chinesischen Welt wird außerdem Reicherts Arbeitsweise sehr deutlich: Anhand der Werke und Lebenswege bekannter mittelalterlicher Reisender, Kartografen und Gelehrter erläutert er wichtige Tendenzen in der Darstellung der Welt und liefert das nötige Hintergrundwissen, Veränderungen zu erkennen und zu verstehen. Zum Beispiel, wenn den Osten der Welt nicht mehr nur Fantasievölker und das ummauerte Paradies bevölkern, sondern auch mongolische Zeltstädte und chinesische Pagoden auftauchen. Auch das zumeist in ideal kreisrunder Form dargestellte Jerusalem erklärt Reichert anhand seiner besonderen Bedeutung für die Christenheit und macht so verständlich, warum es nicht nur als Nabel der Welt, sondern häufig auch in idealisierter Form als kreisrunde Stadt dargestellt wird.

Liest man all dies und betrachtet sich die doch die Mehrheit bildenden Kartendarstellungen im Buch, könnte man zu dem Schluss kommen, dass Weltdarstellungen und Karten vor allem einen ideellen und repräsentativen Wert hatten. Doch dem ist nicht so: Auch aus praktischen Erwägungen wurden sie hergestellt und so führt der Autor von Beginn an auch reine Straßenkarten an, die freilich auch kaum mit unseren modernen zu vergleichen sind. Sogar Augenscheinkarten, die als Beweismittel bei Streitigkeiten um Besitzrechte Anwendung fanden, erläutert er. Doch auch diese rein aus pragmatischen Erwägungen entstandenen Karten sind nicht nur sachlich-nützlich, sondern wiederum gern als kleine Gemälde und durchaus detailreiche Zeichnungen ausgeführt. Das Mosaik einer antiken Straßenkarte belegt wie sie präsentiert und dem Besucher vorgeführt wurden.

Folker Reicherts Werk ist alles in allem ein guter, solider Überblick über das mittelalterliche Weltbild. Kenntnis- und quellenreich liefert es uns die Hintergründe zu Buchmalereien und Mosaiken, aber auch zu Karten und ihren besonderen Darstellungsformen. Dabei ist fast jede Darstellung, die es erwähnt, auch abgebildet – bei Bedarf auch im Detail. Kurzweilig geschrieben ist das Buch obendrein und daher wärmstens zu empfehlen!