Rezensionen

Fondazione Marguerie Arp (Hg): Briefe von Sophie Taeuber–Arp an Annie und Oskar Müller–Widmann. Scheidegger & Spiess

Das Basler Ehepaar Annie und Oskar Müller–Widmann begann schon früh, expressionistische Kunst zu sammeln. Gegen Ende der 1920er–Jahre entdeckte es auch die abstrakte Kunst für sich. Das Haus des Paares war ein Treffpunkt, an dem die herausragenden Protagonistinnen und Protagonisten der Moderne verkehrten, darunter auch Hans Arp und Sophie Taeuber–Arp. Erstmals werden nun die Briefe und Postkarten veröffentlicht, die Sophie Taeuber–Arp zwischen 1932 und 1942 an das Ehepaar Müller–Widmann schrieb. Susanne Ramm–Weber hat sich darin vertieft.

Cover © Scheidegger & Spiess
Cover © Scheidegger & Spiess

Briefe sind an einen bestimmten Empfänger gerichtet, in aller Regel jedenfalls. In ihnen zeigt sich der Künstler oder die Künstlerin von einer ganz persönlichen Seite, während er oder sie sonst nur durch das Werk mittelbar in der Öffentlichkeit steht. Parallel zur großen Retrospektive mit Werken der großen Avantgardistin Sophie Taeuber–Arp (1889–1943) im Kunstmuseum Basel (bis 20. Juni) ist im Zürcher Kunstbuch–Verlag Scheidegger & Spiess der erste Band einer neuen Schriftenreihe der Fondazione Marguerite Arp mit Briefen und Postkarten von Sophie Taeuber–Arp an Annie und Oskar Müller–Widmann erschienen.

Das Buch macht Vergnügen. Die 35 Briefe und Postkarten von Sophie Taeuber–Arp an das Basler Sammlerehepaar sind äußerst sorgfältig ediert und die Aufmachung ist ansprechend. Ein Vorwort der Kuratorin und Koordinatorin Simona Martoli sowie ein essayistischer Begleittext von Walburga Krupp sind dem Schriftverkehr vorangestellt. Mit Walburga Krupp konnte Martoli eine ausgewiesene Kennerin des Werks von Sophie Taeuber–Arp für den Begleittext und die Kommentierung der Briefe gewinnen. Walburga Krupp forscht an der Universität Zürich über Sophie Taeuber–Arp und arbeitete viele Jahre im Arp–Museum in Rolandseck (Rheinland–Pfalz).

San Carlo, Val Bavona, 1939, v.l.n.r.: Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, unbekannte Frau, Hans Hagenbach, 1939. Fondazione Marguerite Arp, Locarno. Foto: wohl Marguerite Hagenbach
San Carlo, Val Bavona, 1939, v.l.n.r.: Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, unbekannte Frau, Hans Hagenbach, 1939. Fondazione Marguerite Arp, Locarno. Foto: wohl Marguerite Hagenbach

Neben den Texten und Werkabbildungen aus der Sammlung von Annie und Oskar Müller–Widmann enthält der Band lebensechte Fotografien sowie einige Faksimile Abdrucke der Briefe und Postkarten, die das Handschriftliche verdeutlichen.
Auffallend: Sophie Taeuber–Arp schrieb stets mit Füllfederhalter in einer sehr gleichmäßigen Weise nahezu ohne Korrekturen. Der Briefwechsel zeigt, wie wichtig die Sammler für das Künstlerpaar waren, das regelmäßig neben Ankäufen und Einladungen ins Feriendomizil auch geldwerte Zuwendungen zur Unterstützung erhielt.

Oskar Müller wirkte in Basel als Zahnarzt und stand mit dem damaligen Leiter des Kunstmuseums Georg Schmidt in enger Verbindung. Seine Frau Annie bewies ein ausgeprägtes Interesse an Kunst und Musik. Das Ehepaar hatte Hans und Sophie Taeuber–Arp 1932 in Meudon bei Paris besucht, nachdem zuvor Hans Arps Werk auf einer Basler Ausstellung zu sehen gewesen war. Daraufhin entspann sich ein zehn Jahre währender Briefwechsel. Zumeist adressiert Sophie Taeuber–Arp an Annie Müller–Widmann, Distanz verwandelt sich über die Jahre der Korrespondenz in Freundschaft.

Sophie Taeuber-Arp und andere an Annie Müller-Widmann, 5.6.1939. Ansichtskarte, handschriftlich mit privater Fotografie, wohl von Arp aufgenommen. (v.l.n.r.: Marguerite Hagenbach, Sophie Taeuber-Arp, Hans Hagenbach). Fondazione Marguerite Arp, Locarno
Sophie Taeuber-Arp und andere an Annie Müller-Widmann, 5.6.1939. Ansichtskarte, handschriftlich mit privater Fotografie, wohl von Arp aufgenommen. (v.l.n.r.: Marguerite Hagenbach, Sophie Taeuber-Arp, Hans Hagenbach). Fondazione Marguerite Arp, Locarno

Anfangs stehen vor allem geschäftliche Fragen im Fokus, etwa der Ankauf einer Arbeit von Hans Arp durch die Sammlungskommission des Kunsthauses Zürich, oder die Frage, ob die Künstlerin einen Katalog von der Ausstellung „Cubism and Abstract Art“ (1936 im MoMA New York) besorgen solle.
Die ersten zwölf Briefe reichen von 1932–1938, während in den drei darauf folgenden Jahren 21 Schriftstücke geschickt wurden, in ihnen sind nun die Lebensumstände, die sich infolge des Krieges massiv verschlechtert haben, häufig das Thema. Allerdings sind nur die Briefe von Sophie Taeuber–Arp an die Sammlerin erhalten, die Gegenbriefe von Annie Müller–Widmann an die Künstlerin nicht, so dass in der Einseitigkeit kaum ein Eindruck von der Sammlerin entsteht.
Der Briefwechsel wird allein durch die Sichtweise der Künstlerin getragen. Im Stil ist Sophie Taeuber–Arp schnörkellos, unumwunden. Sie berichtet von Begegnungen mit Künstlerkollegen, für die sie sich auch einsetzt, darunter sind Wassily Kandinsky, Piet Mondrian, Georges Vantongerloo. Durch Annie Müller–Widmann lernt sie den Komponisten Béla Bartók kennen. Sie berichtet von der Arbeit an den Werken, von Ausstellungsvorbereitungen und –beteiligungen, Katalogen, von ihrem Mann Hans oder der Arbeit an der Zeitschrift »Plastique«. Sie klagt, als sie für eine Ausstellung nicht berücksichtigt wurde, wie folgt: »Vantongerloo ist wieder übergangen. Ich natürlich auch, aber als Frau ist es zehnmal schwerer sich in diesem Hexenkessel zu behaupten. Hans ist sehr degoutiert.« (Brief Nr. 10, 13.07.1937) Für Eindrücke über die Pariser Weltausstellung von 1937 findet die Künstlerin in einem Brief an Oskar Müller ebenso klare Worte: »Die Paläste von Deutschland und Russland sind aussen und innen gleich grauenhaft.« (Brief Nr. 9, 13. Juni 1937)

Sophie Taeuber-Arp, Cercles mouvementés, 1934. Gouache und Bleistift auf Papier, 26 × 35 cm. Fondazione Marguerite Arp, Locarno. Foto: Roberto Pellegrini, Bellinzona
Sophie Taeuber-Arp, Cercles mouvementés, 1934. Gouache und Bleistift auf Papier, 26 × 35 cm. Fondazione Marguerite Arp, Locarno. Foto: Roberto Pellegrini, Bellinzona

Später in den Kriegsjahren 1940 und 1941, als die Arps Paris verlassen hatten, erst bei der später berühmten Sammlerin Peggy Guggenheim in Veyrier/Schweiz unterkommen konnten und danach in dem südfranzösischen Ort Grasse Unterschlupf fanden, geht es dann auch um Krankheiten, Hunger, Materialknappheit oder die erwogene und dann doch nicht durchgeführte Emigration nach Amerika, und einfach Naturbeschreibungen. Der Austausch von Büchern und Katalogen ist ein Zeichen der gemeinsamen Interessen.

Um der Zensur zu entgehen verfasste Sophie Taeuber-Arp nach Kriegsausbruch einen Teil der Briefe in französischer Sprache. Diese liegen in Übersetzung als auch im Original vor, farblich abgesetzt, so dass der Leser/die Leserin sie am Buchschnitt schnell zu erkennen vermag.
Die ausführlichen Anmerkungen dienen der Verdeutlichung von Hintergründen, der Einordnung und der Ergänzung. Nicht immer ist alles genau zu recherchieren, aber es sind doch beeindruckend viele und erhellende Zusatzinformationen über die erwähnten Personen, Orte, Ausstellungen und das weitere Umfeld in den Kommentaren enthalten. Eine erhebliche Aufwertung und Bereicherung!


Titel: Briefe von Sophie Taeuber–Arp an Annie und Oskar Müller–Widmann
Herausgeber: Fondazione Marguerite Arp, Locarno
Verlag: Scheidegger& Spiess, Zürich
Schriften der Fondazione Marguerite Arp Band 1
Texte von Simona Martinoli und Walburga Krupp
143 Seiten, 24 x 17 cm, deutsch, 36 Abbildungen, Softcover, Fadenheftung
ISBN 978–3–03942–017–9

Sophie Taeuber-Arp und andere an Annie Müller-Widmann, 5.6.1939. Ansichtskarte, handschriftlich mit privater Fotografie, wohl von Arp aufgenommen. (v.l.n.r.: Marguerite Hagenbach, Sophie Taeuber-Arp, Hans Hagenbach). Fondazione Marguerite Arp, Locarno
Sophie Taeuber-Arp und andere an Annie Müller-Widmann, 5.6.1939. Ansichtskarte, handschriftlich mit privater Fotografie, wohl von Arp aufgenommen. (v.l.n.r.: Marguerite Hagenbach, Sophie Taeuber-Arp, Hans Hagenbach). Fondazione Marguerite Arp, Locarno

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