Ausstellungsbesprechungen

Fotoausstellungen Rotebühlbau

Der Stuttgarter Fotograf Jürgen Pollak (geb. 1964) hat in seiner Fotoserie »Stuttgart – Lichter einer Großstadt« eine beeindruckende Bestandsaufnahme der Landeshauptstadt by night vorgelegt. Doch entgegen dem nahe liegenden Anliegen, Leben in das nächtliche Ambiente zu bringen, hat Pollak auf die Darstellung jeglichen (menschlichen) Lebens verzichtet, um die Straßen, Ecken und Enden der Stadt selbst zu Darstellern zu machen.

Dazu hat er sie regelrecht inszeniert. Da er das erlebbare Grau der Nacht mit irritierender Farbigkeit erfüllt und eine an sich abgrundtief hässliche Straßenzone wie den Pragsattel gleichwertig wie ein historisches Gebäude wie – sagen wir beispielsweise das neubarocke Opernhaus von Max Littmann – behandelt, erwirkt er einen magischen Realismus, der Stuttgart als charaktervolle, quasi-individuelle Stadt zwar nicht erlebbar macht, aber doch viel über den Typus Stadt vermittelt. (Hier sei auf die parallele Serie des Fotografen, »Berlin – Lichter einer Großstadt«, hingewiesen.)

Das Motiv interessiert den Künstler weniger als die Faszination für den verfremdeten Blick und die Technik, die eine kulissenhafte Detailgenauigkeit ermöglicht. Wenn auch ein solches Verfahren, dessen Brillanz die menschenleere Ödnis nur verstärkt, Gefahr läuft ermüdend zu werden, gelingen Pollak atemberaubende Bilder, die ihresgleichen suchen: Das Foto, das das Alte Schloss vor einem Bretterzaun zeigt – würdevoll-majestätisch und wuchtig, zugleich baufällig – , steht in spannendem Gegensatz zu Elmar Dauchers Mahnmal für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft, dessen grobe Würfel in mystischem Licht erscheinen, wie man es kaum real zu sehen bekommt. Ein anderes Meisterstück ist das ganz anders motivierte »Porträt« des Tagblatt-Turms, den Ernst Otto Oßwald 1928 als erstes wirkliches Hochhaus der Stadt (und seinerzeit erstes deutsches Gebäude in Sichtbeton) baute – in kaltem Blau kontrastiert der Bau als Protagonist zum warmen Licht der von hier aus sichtbaren Innenstadt, und er gibt der Stadt tatsächlich ein eigenes Gesicht. Pollak, der in Paris und Berlin studiert hat, präsentiert mit seinen Arbeiten ein neues Kapitel in der Nachtfotografie.

 

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Macht Jürgen Pollak die Architektur zu skurrilen Denkmalen des Alltags, zeigen sich die Alltagsplätze, die beim Europäischen Architekturfotografie-Preis 2007 ausgewählt wurden, als würdige Vertreter der Architekturbildnerei. Alle zwei Jahre wird dieser Preis ausgelobt, und diese siebte Auflage stand ganz unter dem Motto »Mein Lieblingsplatz«, wobei das Genre irreführend ist: Ob Haus, Platz im eigentlichen Sinne oder Raum – alles war erlaubt. Und das Ergebnis ist überraschend, denn das klassische Bild der Architekturfotografie kommt hier kaum auf die vorderen Plätze. Die deutschen Fotografen sind traditionsgemäß die größte Gruppe der Teilnehmer, insgesamt zeigen jedoch die 310 Künstler aus 25 Ländern (aktuelle Daten), wie verbreitet mittlerweile der Preis ist.

 

Und wie sehen die Gewinner aus? Den ersten Platz belegt Jürgen Chill (Deutschland, geb. 1968) mit Aufnahmen von Gefängniszellen! Lieblingsplatz? Die strenge Ausrichtung, der Blick von oben meint hier: keine andere Wahl, was sonst also als ein Lieblingsplatz! Die zwei zweiten Ränge gingen an Andreas Meichsner (Deutschland, geb. 1973) und Matthias Schmiedel (Deutschland, geb. 1978), die die Ferienwohnungs- bzw. Campingumgebung zum Thema haben – Architektur nebenbei.

 

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Auszeichnungen gingen an Matthias Langer (Deutschland, geb. 1970), Joel Tettamanti (Schweiz, geb. 1977), Christian Wolter (Deutschland, geb. 1968) – hier mit grandiosen Bildern vom abgeräumten EXPO-Gelände Hannover –, Juliane Eirich (Deutschland, geb. 1979), Martin Richter (Deutschland, geb. 1974) sowie Bernd Seeland (Deutschland, geb. 1966). Anerkennungen wurden ausgesprochen: Claudio Bader, Theodor Barth, Judith Buss, Cesare Fabbri, Maximilian Gottwald, Meike Hansen, Oliver Heissner, Ruth Käch, Johannes Marburg, Bernd Mayer, Jan Meier, Stefan Melchior, Camilla Micheli, Henning Rogge, Gregor Sailer, Jürgen Schmidt, Stefan Schumacher, Louisa Summer und Alex Telfer. Fulminant, bonbonbunte Erinnerungen an die Kindheit zeigt Meike Hansen (Deutschland, geb. 1966), die hier besonders auffällt. Auch Ruth Käch (Schweiz, geb. 1955) ragt heraus mit ihren spirituellen Annäherungen an das Holocaust-Mahnmal in Berlin, die formal-ästhetisch an die abstrakten Paradoxien von Jürgen Schmidt (Deutschland, geb. 1965) erinnern.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Montag bis Samstag 7.30-23

Sonntag 8.30-18 Uhr


Stuttgart – Lichter einer Großstadt

Stuttgart, Rotebühlbau (Treffpunktgalerie), bis 6. April 2008

 

European Prize of Architectural Photography 2007

Stuttgart, Rotebühlbau (vhs-photogalerie), bis 20. April 2008

 

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