Ausstellungsbesprechungen

François Morellet - Die Quadratur des Quadrats. Eine Introspektive

Mit ihrem Hausprodukt hat das Ritter-Unternehmen schon bewiesen, dass die Geometrie ein süßes – und obendrein quadratisch-praktisch-gutes – Vergnügen ist. Längst hat sich auch der kleine Ort Waldenbuch nahe Stuttgart einen Namen als Museumsplatz gemacht, wo das Quadrat auch als Kunstmaß gepflegt wird.

Dass jene Geometrie auch einen witzigen und gewitzten, wenn nicht gar im Ansatz anarchischen Charakter haben kann, zeigt die großartige Ausstellung mit Arbeiten von Francois Morellet im Museum Ritter. Sogar die Hausherrin, Marli Hoppe-Ritter, kam anlässlich der Schau ins Schwärmen und fasste ihre Begeisterung in fast schon konkret-poetische Wortpaare: »systematisch und doch spielerisch, reduziert und doch voller Fantasie, konkret und doch Dada, großzügig und doch bescheiden, frivol und doch seriös, witzig und doch respektvoll, einfach und doch nicht banal, schon älter und doch jung geblieben«. So verortet irgendwo zwischen frivol und Dada, muss die Huldigung an das Quadrat hier schon eine eigene Qualität haben. Die liefert der Künstler auch gleich mit: Auf die Frage, was der Titelformulierung – »Die Quadratur des Quadrats« – denn bedeute, befand Morellet: »Natürlich nichts, außer meiner doppelten Obsession für Quadrate und Sinnlosigkeiten«. Das Schöne an der Ausstellung ist tatsächlich, dass sie den Ernst der Geometrie nicht so ernst nimmt, und der Künstler hat auch renommierte Vorreiter quadratverliebter »Quadratfeinde« bei der Hand: Malewitsch, Albers und insbesondere Piet Mondrian, dem es gelungen sei, »quadratische Bilder perfekt zu entstellen, indem er sie in groteske Rauten verwandelte«. In diesem Sinn sabotiert Morellet mit Lust das auserkorene Format mit Auf- und Ausbrüchen, Auflösungen, Vernetzungen, Verflechtungen sowie Licht- und Farbirritationen. Zudem konterkariert er das Quadrat in Gitterstabkugeln und Neonlineamente, oder er integriert gänzlich ungeometrische Naturformen wie Zweige und Stämme in seine Arbeiten. Nur darf man weder die Gewitztheit noch den Witz mit Witzelei verwechseln – so viel hintergründiger Ernst muss sein, der etwas von dem glücksbeseelten Sisyphos bei Albert Camus hat: Der Gott, dem Morellet trotzt, ist die Geometrie in Form des Quadrats. Als der Franzose dicht dran war, Mitte der 1950er-Jahre ein vollendet quadratisches Bild zu schaffen, wurde es ihm unheimlich: »Es war perfekt. Ich hätte unmittelbar danach Selbstmord begehen müssen. Ich habe es verbummelt, und dann war es zu spät«. Zum Glück, mag man da ausrufen, wir hätten einen wahrhaft genialen Künstler weniger auf der Welt. Wie die Statements von Freunden und Wegbegleitern im vorzüglichen Katalog zeigen, ist dieses Lob nicht aus der Luft gegriffen: Hier reichen die Beschreibungen vom »Genie« über die »schöpferische Kraft« und den sonst nicht erreichten »Ideenreichtum« bis zur Konstruktion des »Paradieses«.

Die Ausstellung präsentiert rund 50 Arbeiten aus allen Schaffensperioden seit etwa 1950, die nicht im jugendlichen Leichtsinn ihren Anfang nehmen, sondern in der reinen konkreten Kunst, und die sich nicht zu einer altersbedingten Abgeklärtheit entwickeln, sondern zu einem unbändigen Humor führen, dem man schmunzelnd durch die Museumsräume folgen kann. Die wissenschaftliche Präzision mancher abstrakter Kollegen ist ihm genauso fremd wie die Mystik, die manche im Quadrat aufscheinen sehen: Bei Morellet leuchten allenfalls die Neonröhren und der Schalk aus seinen Augen. Gern begleitet der 1926 geborene Maler sein Werk mit Kommentaren und Wortspielen, die man sich eben als über 80jähriger Mensch leisten kann. »Ich liebe die Strenge der Geometrie, aber ich liebe es noch mehr, sie zu bescheißen« – und sei es mit rund 40000, zweifarbig strukturierten und zufällig verteilten Kleinstquadraten auf der Vierkantleinwand. Und weil es so schön ist, ist es am besten, dem Urheber seiner Kunst auch das Schlusswort zu überlassen:  »Ja, ich bin ein ungläubiger Orthodoxer, ein Lästerer aller Glaubensrichtungen! Oder, um mich weniger geschwollen auszudrücken, ich meide das Transzendentale und Seriöse. Mir scheinen Humor, Ironie, Spott und Frivolität die notwendige Würze zu sein, um Quadrate, Systeme und alles Übrige verdaulich zu machen.«

 

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Dienstag – Sonntag 11 – 18 Uhr, Montag geschlossen