Ausstellungsbesprechungen

Francis Bacon – Unsichtbare Räume, Staatsgalerie Stuttgart, bis 8. Januar 2017

Was für ein Künstler! Geisterhafte Räume, expressive Bildsprache und vor allem provokante Bildthemen – das zeichnete den Iren Francis Bacon aus. In Stuttgart widmet sich eine Schau nun diesen Räumen, die die oft dramatischen Geschehnisse auf seinen Bildern noch düsterer erscheinen lassen. Günter Baumann hat sich die Schau angesehen.

Eine Ausstellung mit Arbeiten von Francis Bacon ist keine Schonkost. Den einen oder anderen mag seine orgiastisch-masochistische Entblößungsmalerei so sehr abstoßen, dass er von einem Besuch sogar absehen wird – zumal wenn in Vergessenheit geraten ist, dass Bacon vor Jahrzehnten im offiziellen Ranking zu den zehn renommiertesten lebenden Künstlern zählte.

Die Staatsgalerie Stuttgart, die bereits 1985 gemeinsam mit der Londoner Tate Gallery eine retrospektive Ausstellung auf die Beine stellte – damals erst die dritte in Deutschland – , hat sich in ihrer zweiten Bacon-Schau ein Thema ausgesucht, das den Künstler in einem neuen und doch ganz authentischen Licht zeigt. Diesmal ist die Tate Liverpool Partnerin der spektakulären Schau, die das Werk im Hinblick auf die »Unsichtbaren Räume« beleuchtet. Dabei fällt schnell auf, dass die Räume nur im Gedächtnis des Betrachters unsichtbar waren. In der Auswahl drängen sie sich nun regelrecht auf – mal als gläserne Gehäuse, mal als Käfig, mal als Schaubühne. Immer ist der Mensch gefangen, eingesperrt, ins Rampenlicht gezerrt.

Freilich, Francis Bacon, der früh offen mit seiner Homosexualität umging, ist schonungslos wie kaum ein anderer Maler. Wurde er von einem seiner Geliebten oftmals im Suff bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen, wurde er von anderen gnadenlos ausgenützt, so gierig setzte er ihnen Denkmale – auch wenn deren Gesichter nur schwerlich zu erkennen waren. Porträts nach gängigem Muster waren nicht seine Sache, eher die Darstellung des menschlichen Lebens in seiner exzessiven, brutalen Realität. Und doch: Die deformierten Körper, die in sich verkeilten Körper, die Verschmelzung von Tier und Mensch sowie immer wieder der Schrei als Ausdruck der Existenz schlechthin werden in den formalen Raumstrukturen zur überlegten Komposition. Zusammen mit der hohen malerischen Qualität, die Bacons Werk schon als singulär auszeichnet, erreichen diese in Form gebrachten, raumbetonten Arbeiten, welche man als systematische Ordnungsbilder ansehen muss, eine zwar inhaltlich hemmungslos entgrenzte, aber zugleich formal gebändigte Schönheit, die uns Betrachter nicht reglos zurücklässt.

Das erste gezeigte Werk in der Staatsgalerie ist eine Kreuzigung und stammt von 1933 – nur zufällig der Zerstörung des Malers entgangen (es wurde rechtzeitig verkauft, bevor er sein Frühwerk weitgehend vernichtete) – , das letzte von 1988: Alle wirken so unmittelbar, als seien sie eben erst entstanden, als sei der hier und da hervorbrechende Schrei noch nicht verklungen. Dazu kommt eine mit Bedacht gewählte Ausstellungsspur, die den Besucher teilhaben lässt an der Entwicklung des Künstlers zum weltberühmten Chronisten eines zutiefst erschütternden Leidens und darüber hinaus zum gealterten Mann, der offenbar seinen Frieden gefunden hat in einer Malerei, die im Spätwerk eine nahezu heitere Farbigkeit erhält – auch mit einem Leben, das nicht nur schmerzlich, sondern auch von Liebe und Freundschaft geprägt war.

Im dramaturgischen Zentrum der Ausstellungspräsentation stehen nicht die ohnehin wirkungsmächtigen Gemälde, sondern Einblicke in die Atelierwelt von Francis Bacon und in seine Vorgehensweise, die bisher wenig bekannt waren. Das letzte Atelier in London wurde nach Bacons Tod archäologisch erschlossen und für die Nachwelt gesichert. Und wenn er auch zeitlebens sagte, er habe keine Zeichnungen angefertigt, so beweisen Funde aus diesem Atelier, dass er sehr bewusst seine Bildwelt vorskizzierte, bis in die Räume hinein, die dem Werk zeitlosen Halt geben.