Ausstellungsbesprechungen

Francisco de Goya, Prophet der Moderne

Die vielen Mühen haben sich gelohnt: in der Alten Nationalgalerie herrscht großer Andrang, die Führungen sind bis zum Ende der Ausstellung ausverkauft. Nach mehr als zehn Jahren Vorbereitungszeit präsentieren die Staatlichen Museen zu Berlin und das Kunsthistorische Museum in Wien, in Zusammenarbeit mit dem Museo del Prado, Madrid, die umfassendste Werkschau Goyas im deutschsprachigen Raum.

Nach ihrer Station in Berlin soll die Ausstellung im Oktober dann weiter nach Wien wandern.

 

José de Goya y Lucientes (1746–1828) gilt als einer der größten und vielseitigsten Künstler Spaniens. Im Mittelpunkt der Ausstellung soll seine Rolle als Wegbereiter der europäischen Moderne stehen. Dazu werden neben mehr als 80 bedeutenden Gemälde aus internationalen Sammlungen viele Zeichnungen und Grafiken Goyas gezeigt. Mit über 30 Werken, darunter 11 Gemälde, ist das Museo del Prado Hauptleihgeber und auch wissenschaftlicher Mentor der Ausstellung.

 

Von den heiteren Entwürfen für die königliche Teppichweberei bis zum albtraumhaften Spätwerk finden alle Schaffensphasen des Künstlers Berücksichtigung. Gemälde, Radierungen, Lithografien und Zeichnungen sind nach thematischen Gesichtspunkten geordnet; in jedem Raum trifft man auf eine andere Welt aus dem Werk des spanischen Meisters. Beim Gang durch die Ausstellungsräume fällt vor allem der große Kontrast zwischen den offiziellen Auftragsarbeiten und den privaten Kabinettbildern ins Auge.

 

Am Anfang stehen die volkstümlichen Szenen auf den Kartons für die königlichen Wandteppiche. Hier wird in heiteren und leuchtenden Farben von kurzweiligem Zeitvertreib erzählt. 1789 errang Goya die Position des Hofmalers am spanischen Königshof. Hier schuf er zahlreiche Porträts, von denen einige einen Platz in der Ausstellung gefunden haben. Die gesellschaftliche Spanne der hier Porträtierten reicht vom Königspaar selbst und den Angehörigen des spanischen Adels bis zum befreundeten Architekten.

 

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Von den Selbstporträts des Künstlers gibt es leider nur drei, dafür aber sehr unterschiedliche Beispiele zu bewundern, die beispielhaft für Goyas Entwicklung stehen. Alle drei werden zusammen mit dem Umfeld und historischen Hintergrund des Malers im zu Beginn stehenden Raum vorgestellt. Auf dem Titelblatt des „Capricho“-Zyklus stellt sich Goya als stolzer Bürger dar, der dem Betrachter mit fast herablassenden Blick begegnet. Das um 1795 entstandene „Selbstporträt vor der Staffelei“ zeigt den Künstler in der volkstümlichen Tracht der spanischen Majos aus der Sicht des von ihm gemalten Modells. Daneben hängt eines der letzten Selbstporträts, das Goya 1815, zu einer Zeit, in der er sich schon verstärkt aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, malte. In schnellem Pinselduktus und dunklen Farben ausgeführt, verzichtet es auf alle selbstdarstellerischen Attribute und zeigt einen gealterten, in sich versunkenen Künstler. 

 

Infolge einer schweren Krankheit verlor Goya sein Gehör. Dieser Schicksalsschlag und die gesellschaftlichen Umwälzungen der Französischen Revolution bewegten ihn zu einem tieferen und düstereren Blick auf die Dinge. Der den Kabinettbildern Goyas gewidmete Raum zeigt in schonungsloser Darstellung von Mord, Hexenwahn oder Irrenhäusern die Schattenseiten der menschlichen Existenz. 

 

Die in den kleinen, schwach beleuchteten Räumen ausgestellten Grafiken und Zeichnungen konfrontieren den Betrachter mit den Gräueln des Krieges und sozialen Missständen, die Goya zu erschreckenden, in der Kunstgeschichte einzigartigen Visionen inspirierten. In der Ausstellung greift man, besonders bei den „Desastres de la Guerra“, auf die Entwürfe und Vorzeichnungen zurück, die den fertigen Drucken an Ausdruckskraft kaum nachstehen. Besonders beeindruckend sind die, hier in Auszügen vorgestellten, „Caprichos“, welche mit verschlüsselter Bildsprache Gesellschaftskritik üben. Das berühmte Blatt Nr.43 des Zyklus’ „El sueño de la razón produce monstruos“ (Der Schlaf/Traum der Vernunft bringt Ungeheuer hervor) ist gleich zweimal in der Ausstellung vertreten, als Vorzeichnung und als endgültige Version, und veranschaulicht damit auch den Entstehungsprozess eines wegweisenden Werks.

 

 

Besonders in den Grafiken wird die Vorreiterrolle Goyas deutlich. Die dort verbildlichten Themen, die verwendete Bildsprache sowie die vom Künstler entwickelten technischen Neuerungen dienten als Vorbild für viele moderne Meister des 19. und 20. Jahrhunderts. 

Die Betitelung als „Prophet“ erscheint allerdings doch etwas hochgegriffen. Statt Licht in das Diffuse dieser Begriffswahl zu bringen, lässt einen die Ausstellung mit vielen offenen Fragen zurück.

 

Durch die Gliederung nach Themen wird das Gesamtwerk des Künstlers aus dem Zusammenhang gerissen. Blätter zum Zyklus der „Caprichos“ sind beispielsweise in mehreren Räumen vertreten; die im Eingangsbereich auf Staffeleien positionierten Grafiken werden unglücklicherweise von den meisten Besuchern übersehen. Einzelne Bilder passen nicht in die thematischen Konzeptionen. Beispielsweise das frühe Porträt des jungen „Manuel Osorio Manrique Zúñiga“ wirkt, trotz schon vorhandener düsterer Anspielungen, in einem Raum mit den Kabinettbildern am falschen Platz. Einige Werke Goyas entziehen sich gar jeglicher thematischer Einordnung.

 

Trotz dieser Makel, die letztendlich nur für in die Thematik Eingeweihte, also kaum für die Masse des Publikums, störend wirken, ist „Goya – Prophet der Moderne“ eine gelungene Werkschau, die einen guten Überblick über die vielseitigen Wirkungsbereiche Francisco de Goyas bietet. Zwar fehlen die richtig großen Werke wie die „Maja“ oder „Die Erschießung der Aufständischen“, dies ist allerdings vor allem angesichts der beeindruckenden grafischen und zeichnerischen Meisterwerke des spanischen Genies problemlos zu verschmerzen.

Weitere Informationen

Alte Nationalgalerie Berlin:
Öffnungszeiten
Dienstag, Mittwoch 9 bis 18 Uhr
Donnerstag, Freitag 9 bis 22 Uhr
Samstag 10 bis 22 Uhr
Sonntag 10 bis 20 Uhr

Kunsthistorisches Museum Wien:
Öffnungszeiten

Dienstag – Sonntag 10 bis 18 Uhr
Donnerstag 10 bis 21 Uhr


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