Buchrezensionen

Franck Maubert: Gespräche mit Francis Bacon, Piet Meyer Verlag 2018

In dem jüngst im Piet Meyer Verlag erschienen Bändchen »Gespräche mit Francis Bacon« dürfen wir den Schriftsteller und Kunsthistoriker Franck Maubert zu geistig funkensprühenden Interviews mit dem britischen Künstler Francis Bacon begleiten. Eine Besprechung von Verena Paul.

Da liegt es auf meinem Schreibtisch: ein schmales Bändchen von nicht einmal 100 Seiten Umfang, gelb gekleidet, mit einem grünen Werbegürtel, auf dem ein weißlettriges Zitat aus Aischylos‘ Drama »Die Eumeniden« prangt: »Der Geruch von Menschenblut geht mir nicht mehr aus den Augen.« Das Zitat, wird Franck Maubert später erläuternd hinzufügen, ist wohl eine zugespitzte Übersetzung Bacons, den der Geruch von Menschenblut nicht etwa nur »anlächelt«, sondern der ihm nicht mehr aus den Augen geht. Und damit sind wir ebenso im Epizentrum der Publikation wie dem des Schaffens eines großartigen Künstlers angelangt.
Die in den 1980er-Jahren geführten Gespräche zirkulieren um die Themen Kindheit, Leben, Tod, Leidenschaften, die künstlerischen Impulse, Bacons Verehrung der ägyptischen Kunst, seine Besessenheit von Velásquez, die Bewunderung für Poussin, die Faszination gegenüber Picasso, das Berührtwerden durch Giacometti oder seine Liebe für das Werk von Henri de Toulouse-Lautrec. Zudem tangieren die Gespräche Bacons Freundschaften, seine Reisen, seinen Alkoholkonsum und nicht zuletzt führen sie zu seinen Lektüren. »Bücher über Bücher« entdeckt Franck Maubert in der »Behausung des Chaos«, als die der Autor Bacons Londoner Atelier empfindet, wo einige der Interviews stattfinden.
Und so erstaunt es nicht, wenn Francis Bacon gegenüber Franck Maubert gesteht, dass Fotos und Bilder für sein künstlerisches Schaffen zwar eine Quelle, ein Auslöser von Ideen seien, das Wort aber als viel stärker von ihm empfunden werde. »Ich liebe die Kraft der Wörter«, erklärt Bacon. »Wer kann Yeats, T. S. Eliot, Shakespeare, Racine, Aischylos ersetzen? […] Diese Autoren erregen mich. Ihre Macht, die Realität durchzurütteln und sie noch brutaler zu machen, ist unersetzlich.« Immer wieder kehren die beiden Gesprächspartner zu diesem Thema zurück, selbst als Maubert den Künstler nach seiner Einschätzung von Video-Kunst fragt, lautet Bacons Antwort: »Besonders schätze ich die ‚Video-Skulpturen‘ der belgischen Künstlerin Marie-Jo Lafontaine. Besonders ihre Arbeit nach García Lorca.«
Bacon liest sehr viel, ist von der Kraft und Stärke der Worte tief getroffen, von den Dimensionen und prophetischen Visionen aufgewühlt, etwa von den Schlussversen aus »The Second Coming« (Yeats). Die Dichter, so Bacon, »helfen mir. Zu malen, ja, und vor allem zu leben.« An anderer Stelle präzisiert er weiter die Bedeutung, die Literatur für ihn und seine künstlerische Arbeit hat: »Wie soll man sich das Leben ohne die Literatur vorstellen? Ohne die Bücher? Es ist eine fabelhafte Quelle, ein Brunnen für die Fantasie.« Proust etwa sei ein Chirurg, der mit der »Recherche« Sezierung betrieben habe.
Nach den ebenso lebensklugen und tiefgründigen wie lebendig geführten Gesprächen bewegt sich Franck Maubert »Von einem klinischen Befund zum anderen«, indem den Vater des Empirismus, der denselben Namen wie der britische Künstler trägt, konsultiert. Der Philosoph Francis Bacon (1561-1626) schrieb kurz vor Lebensende eine nur fünfzig Blätter umfassende Schrift, die 1978 entdeckt und 1984 erstmals publiziert wird. Auffallend an diesem Text seien, so Maubert, »die Beschreibungen und Analysen der verschiedenen Stadien der Körper, die die Gemälde von dem Francis Bacon des 20. Jahrhunderts zu veranschaulichen und fortzusetzen scheinen.« Nach treffenden Zitaten und Erläuterungen, gelangt der Autor zu der Schlussfolgerung, dass zwischen dem emotionslosen Experimentieren des Philosophen und dem vom Maler inszenierten »Tragödientheater ohne Pathos«, in welchem die »Geschöpfe in ihrer unerbittlichen Brutalität« gezeigt werden, eine frappante Verbindung erkennbar werde.
Entlassen werden wir schließlich, nach Durchstreifen der biografischen Informationen, mit dem Gefühl, gerade von einem ebenso mitreißenden, temporeichen wie gedankensprühenden Buch erobert worden zu sein. Dass die wenigen Fotografien, die während der Begegnungen zwischen Maubert und Bacon entstanden sind, von schlechter Qualität sind, sei erwähnt. Sie spielen jedoch eine marginale Rolle, da die Worte das Zepter führen. Ein absolutes Lesevergnügen für alle, die von den Inspirationsquellen Francis Bacons mehr erfahren möchten. Und er wird den Leserinnen und Lesern Auskunft erteilen: ausgelassen und ernst, subtil und abgründig, besänftigend und aufrüttelnd, wortspielerisch und messerscharf – mit einem Wort: brillant!

Titelangaben

Franck Maubert
Gespräche mit Francis Bacon
Piet Meyer Verlag 2018, ISBN 978-3-905799-47-7, Ladenpreis 15,80 €