Buchrezensionen

Frank Auerbach. Gespräche und Malerei, Sieveking Verlag 2015

Frank Auerbach, der in England lebende Maler deutscher Herkunft, hat in den letzten Jahren eine breitere Aufmerksamkeit erfahren, obwohl er in Deutschland bisher beinahe unbekannt war. Seine als eigenwillig geltende Malkunst lässt sich nie eindeutig einer bestimmten Kunstrichtung zuordnen. Catherine Lampert, eine langjährige Wegbegleiterin gibt in ihrem kürzlich erschienenen Buch einen eindrucksvollen Einblick das Leben und Schaffen des Künstlers, dem Ruhm nie besonders am Herzen lag. Vanessa Gotthardt beschreibt ihre Leseindrücke.

Ein bisschen hat man in den letzten Wochen das Gefühl, als hätte die deutsche Kunstwelt einen verlorenen Sohn wiederentdeckt: Sein Name scheint plötzlich in aller Munde, sein Konterfei schmückt ebenso wie seine Gemälde die Titelseiten, das Kunstmagazin Blau titelt »Er hat uns überlebt« und das Kunstmuseum Bonn ehrt ihn mit einer Retrospektive. Die Rede ist von Frank Auerbach, der gerade das Comeback des Jahres hinzulegen scheint. Passend hierzu hat Catherine Lampert, Kunsthistorikerin, langjährige Wegbegleiterin und Modell des Künstlers, jetzt ein Buch über ihn geschrieben. »Frank Auerbach. Gespräche und Malerei« heißt das biografische Werk, das im Juni 2015 beim Berliner Sieveking Verlag erschienen ist. Auf 240 Seiten und mit über 90 Abbildungen lässt Lampert ein außergewöhnliches und so nie dagewesenes Porträt des Künstlers entstehen und liefert außerdem neben dem Ausstellungskatalog der Kunsthalle Bonn das einzige Buch zu Auerbach, das derzeit in deutscher Sprache zu haben ist.

Überraschend ist gleich zu Beginn das kleine Format des Buches, würde man bei Auerbachs großen, dick mit Farbe bepinselten Gemälden doch eher ein Bildband-Format erwarten. Schon nach wenigen Seiten wird jedoch klar, dass dieses Notizheft- oder tagebuchartige Format nicht besser gewählt sein könnte, denn genau das ist dieses Buch: eine äußerst intime und ganz nah am Menschen Auerbach orientierte Ausleuchtung seines künstlerischen Seins. Das muss man mögen, keine Frage. Hat man sich aber darauf eingelassen, bekommt man einen spannenden und gehaltvollen Einblick in das Leben und vor allem die Arbeit eines außergewöhnlichen Künstlers geboten. In 5 Kapiteln, die chronologisch, aber nicht immer linear von seiner Geburt bis in die heutige Zeit führen, hangelt Lampert sich an Motiven, Modellen und Wegbegleitern des Künstlers entlang. Aufgewertet wird das Ganze dadurch, dass Auerbach selbst immer wieder zu Wort kommt. Grundlage hierfür sind Lamperts eigene Gespräche mit ihm und zahlreiche Interviews, die er im Laufe seines Lebens gegeben hat. Und so hat man oft das Gefühl, dass dieser öffentlichkeitsscheue Künstler selbst durch das Buch führt, sein Schaffen und seinen Antrieb aufschlüsselnd und immer wieder Anekdoten zu seinem Privatleben erzählend.

Als Sohn deutscher Juden 1931 in Berlin geboren, wird Frank Auerbach durch die Hilfe einer Bekannten der Familie, Iris Origo, 1939 ohne seine Eltern nach Großbritannien gebracht. Er kommt in Bunce Court unter, einer Schule der deutsch-jüdischen Reformpädagogin Anna Essinger. Er fühlt sich schnell wohl; seine Eltern, die 1943 in Auschwitz ermordet werden, vermisst er nach eigener Aussage fast nicht, weil sein Umfeld ihm genug Geborgenheit und Sicherheit vermittelt. Er hat Interesse am Theater und wirkt selbst in einigen Produktionen mit, schnell wird jedoch klar, dass er nichts anderes sein möchte und nichts anderes sein kann als Maler. Ab 1948 belegt er Kunstkurse, lernt Leon Kossoff und David Bomberg kennen und wird 1952 schließlich am Royal College of Art aufgenommen. Der junge Auerbach findet sich schnell in der Kunstszene Londons der 1950er und 1960er Jahre zurecht, wird mit Francis Bacon und Lucian Freud bekannt, tauscht sich mit ihnen auf künstlerischer und privater Ebene aus. Lampert lässt diese Kunstszene ebenso eindringlich auferstehen, wie die Stadtteile, Straßenzüge, Plätze und Häuser, die für Auerbach und sein Werk eine wichtige Rolle spielen. Beinahe möchte man auf einer Karte seine Lebenswirklichkeit mit den Fingern nachlaufen. Den konstruierten Begriff der »School of London«, der im Zusammenhang mit Auerbachs Werk oft fällt, beleuchtet Lampert äußerst kritisch, hat der Künstler selbst sich doch nie einer Schule oder einem bestimmten Stil zugehörig gefühlt.

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Die Kritiker sind ihm von Beginn an wohlgesonnen, seinen persönlichen kreativen Durchbruch hat Auerbach 1952 mit »Summer Building Site«, einer Baustellenansicht und einem Akt seines langjährigen und wohl wichtigsten Modells Stella West. Seine großen Themen bleiben von da an die urbane Landschaft Londons und Portraits von Menschen, die ihm größtenteils über Jahrzehnte regelmäßig Modell sitzen. Fotografien von ihm in seinem Atelier bei Mornington Crescent zeigen einen muskulösen, kantigen Typ, der eher der allgemeingültigen Vorstellung eines Handwerkers entspricht. Kein Wunder, denn seine Arbeitsweise, durchweg Thema im Buch, fordert ihn sowohl geistig, als auch körperlich. An nahezu jedem Tag in der Woche sitzen ihm über mehrere Stunden Modelle, die von ihm entwickelte Technik des mehrfachen Abschabens der aufgetragenen Farbschichten erfordert Kraft. Die subtilen Veränderungen in Motiv und Malprozess, die sich über die Jahre entwickeln, werden immer wieder von Lampert analysiert. Auerbach kennt keinen Stillstand, er experimentiert und ist wie ein Getriebener auf der Suche nach der »wahren« Malerei. Inspiration liefern ihm vor allem die alten Großmeister der Kunst. Rembrandt, Tizian und Turner spielen für seine künstlerische Entwicklung eine ebenso bedeutende Rolle wie de Kooning, Cézanne und Picasso.

Die Besprechung seiner Gemälde kommt teilweise sehr blumig daher und wird an vielen Stellen durch die philosophisch anmutenden Ausführungen seiner frühen Kritiker untermauert. Aber so sehr man sich eine klare Sprache angesichts seiner kraftvollen und einzigartigen Kunst wünscht, so sehr mögen auch Auerbachs eigene Worte stimmen, dass eine »erklärende Sprache versagt, wenn es um Künstler geht und darum, wie sie sich orientieren«. Trotz seines frühen Erfolges, leben kann Auerbach von seiner Kunst erst ab 1968. Zwanzig Jahre später, 1986, vertritt er Großbritannien bei der Biennale in Venedig. Den Goldenen Löwen teilt er sich mit Sigmar Polke, seine Ausstellung wird im Anschluss auch in Deutschland gezeigt.

Aber woran liegt es, dass den Maler, der in einem Atemzug mit Francis Bacon und Lucian Freud genannt wird und der in der Kunstwelt Großbritanniens seit über 50 Jahren eine tragende Rolle spielt, in Deutschland bisher kaum jemand kannte? Ein Grund ist sicherlich – das wird in Lamperts Publikation klar – dass er sich niemals als Künstler inszeniert hat und dass ihm der »Narzissmus von Courbet oder Dürer« nach eigener Aussage fremd ist. Ruhm ist ihm nicht wichtig; der bescheidene und charismatische Mann, der auch mit 84 Jahren noch sieben Tage die Woche in seinem Atelier steht, ist Maler durch und durch. Etwas anderes hat ihn nie interessiert und das tut es auch heute nicht. Es scheint für die deutsche Kunstwelt höchste Zeit, sich intensiver mit dem Künstler Frank Auerbach auseinanderzusetzen und Catherine Lamperts Buch bietet hierfür genau die richtige Grundlage.