Ausstellungsbesprechungen

Franz Gertsch: Bilder sind meine Biografie, Kunsthalle zu Kiel, bis 24. Februar 2019

Eine beeindruckende Werkschau des prominenten Schweizer Künstlers Franz Gertsch bietet die Kieler Kunsthalle in diesem Winter. Stefan Diebitz hat die Ausstellung besucht.

Franz Gertsch: Selbstbildnis © Kunsthalle zu Kiel, Foto: Stefan Diebitz
Franz Gertsch: Selbstbildnis © Kunsthalle zu Kiel, Foto: Stefan Diebitz
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Auch wenn man zuvor damit gerechnet hat, so fühlt man sich doch beim Eintritt in die Ausstellung von der Größe der Bilder erschlagen; fast alle Gemälde und die Holzschnitte dazu in den unteren Räumen sind riesengroß, also größer als drei mal vier Meter. Für wen, außer für Museen oder die Eingangsräume großer Konzerne, werden solche Bilder geschaffen? Später, wenn man ein Stockwerk höher gestiegen ist, freut man sich über Aquarelle in einem handlichen Format, die Gertsch vor den Riesenformaten gemalt hat.

Vielleicht nicht das Leben von Franz Gertsch, wohl aber sein Werk zeichnet sich durch einen radikalen Bruch aus. Bis 1969 schuf er bevorzugt Aquarelle – fast alle in der freien Natur entstanden und offenbar sehr schnell gemalt, gelegentlich sogar mit einem gewissen Hang zur Abstraktion, aufgelöst in Farbe. Die meisten dieser Aquarelle entstanden im Schweizer Wallis und in Schottland und geben sehr schön Naturstimmungen wieder; sie sind von der Art, die man gerne kauft, um sie sich in die Wohnung zu hängen. Mit seinen späteren Werken dürfte das kaum möglich sein.

Und dann, nach den Aquarellen – immerhin, ein wenig Pop Art war auch dabei –, geschah ein künstlerischer Bruch von seltener Radikalität. Die Arbeiten wurden riesengroß, und Gertsch begann, Bilder nach fotografischen Vorlagen zu malen. Schließlich schuf er dann sogar für gute zehn Jahre Holzschnitte in demselben Format, vor denen man staunend steht. Holzschnitte? In dieser Größe?

Zunächst denkt man – natürlich! – an Fotorealismus, wenn man diese Bilder sieht, und genau so wird der Künstler auch meist eingeordnet; aber er selbst sieht sich nicht so, sondern betont die Unterschiede. Auch als „akkurat“ möchte er seine Malweise nicht bezeichnet sehen. Denn anders als die meisten Vertreter dieser Richtung vermeidet er zum Beispiel scharfe Kanten (es ist also kein „Hard-Edge-Painting“) und ahmt mit seiner vielseitigen Malweise auch keineswegs die Fotografie nach. Seine Techniken sind so vielseitig, dass sich ein Blick auf sie lohnt.

Zumindest am Beginn der Arbeit an einem Bild ist seine Arbeitsweise noch mit der seiner amerikanischen Kollegen verwandt, denn auch er arbeitet mit Diapositiven, die er als Vorlage für seine Bilder auf die Leinwand projiziert. Fotografien bilden also den Ausgangspunkt seiner Kunst, aber sie sind nicht unbedingt sein Vorbild; je näher man an die Bilder herantritt, desto weniger Ähnlichkeit mit Fotos besitzen sie, sondern offenbaren sich mit ihrem Nebeneinander von bunten Farbflecken als Malerei. „Aus der Nähe betrachtet“, schreibt die Kuratorin Anette Hüsch im Katalog, „sind die Bilder von Franz Gertsch stets Zeugnisse seiner Auseinandersetzung mit der Malerei selbst.“

Als Vorlage dienten Gertsch (und dienen bis heute) immer nur Bilder aus seiner Umgebung, Motive, die ihn „umzingelt“ haben, also nicht etwa Fotografien von Reisen nach Japan oder andere ferne Gegenden, die er besucht hat; er wählte Porträts von einer Tai-Chi-Schülerin seiner Frau oder das Foto vom aufgewühlten Mittelmeer, als die Familie eben in ihrem Urlaubsort ankam. Oft lagen die Fotos lange Jahre bei ihm herum, manchmal sogar so lange, dass sie sich verfärbt hatten, als sie endlich als Vorlage für ein Bild dienen durften. Das beste Beispiel dafür ist der rote Holzschnitt „Gräser“.

Für seine Gemälde nimmt Gertsch manchmal Eitempera, manchmal Acryl-, manchmal Mineralfarben, und gelegentlich wechseln die Technik des Farbauftrags oder die Farbart innerhalb eines einzigen Bildes, zum Beispiel von innen nach außen. Die Veränderung der Tiefenschärfe deutet natürlich auf die fotografische Vorlage. Anfangs malte er auf Bettlaken, welche die Farbe schnell annahmen, später nahm er Leinwand. Wenn man näher an die Bilder herangeht, sieht man, dass der Künstler mit Licht- und Farbflecken gearbeitet hat oder überhaupt mit einem Farbauftrag, der erst in einiger Entfernung Ähnlichkeit mit einer Fotografie gewinnt. Auch bei impressionistischen Gemälden kann man so etwas finden, ebenfalls aber auf digitalen Fotos, wenn diese zu sehr verpixelt sind. Jedenfalls wirken seine Bilder nur von weitem realistisch; oder sie täten es, wenn die verkehrten Farben die Bilder nicht gelegentlich stark verfremden würden.

Die Holzschnitte wurden auf Birnen-, dann später auf Lindenholz gearbeitet, das Gertsch vor der Bearbeitung schwarz einfärbte, sodass er sehen konnte, wo er mit dem Hohleisen „Lichtpunkte“ gesetzt, also die Stellen markiert hatte, an denen keine Farbe haften sollte. Viele seiner Holzschnitte – hat man je derart große gesehen? – bilden die Natur ab, setzen also eigentlich die Thematik seiner Aquarelle fort. Beispielsweise kann man in Kiel einen Waldweg mit dem durch dichtes Laub fallenden, ganz unregelmäßig auf dem Boden flimmernden Licht bewundern: ein wirklich großartiges Bild. Erstaunlich auch seine jüngste Malerei, „Pestwurz“ genannt, die nahsichtig eine dieser wuchernden Pflanzen in düsteren Grüntönen zeigt.

Eigentlich teilen sich die übergroßen Arbeiten in drei Gruppen; die einen beschäftigen sich mit der Natur, die anderen sind Porträts; schließlich sind manche Bilder von Fotos aus seinem persönlichen Umfeld inspiriert. Diese letzteren Bilder können weit weniger gefallen, trotz der erstaunlichen Virtuosität des Künstlers, der mit einer Vielzahl von souverän beherrschten Techniken und allergrößtem Fleiß seine Ziele realisierte. Aber die Motive haben nicht allein etwas Persönliches, sondern für den Betrachter auch etwas Beliebiges. Anette Hüsch spricht in ihrem den Katalog einleitenden biografischen Essay vom „Schnappschussartigen“, und das trifft es wirklich sehr gut. Was ist zufälliger als ein Schnappschuss?

Gerade die offen eingestandenen Mängel eines Bildes (aber diese gehören sicherlich zum Konzept Gertschs) deuten in diese Richtung. Das Foto seiner nackten Frau auf dem Strand ist sowohl links als auch rechts ein wenig angeschnitten, sowohl der Kopf als auch die Füße mussten sich um ein kleines Stück reduzieren lassen – wie das eben geschieht, wenn man einfach nur so knipst, weil die Kamera gerade zur Hand ist. Andere Bilder sind ähnlich beliebig, so zum Beispiel das „Kranenburg“ genannte, das die Rückenansicht einer kleinen Gruppe auf einem Fußweg zeigt. Die einzelnen Mitglieder dieser Gruppe lassen sich tatsächlich identifizieren und spielen wohl auch eine gewisse Rolle in der Kunstwelt, aber wen interessiert das? Das Motiv wirkt sehr banal, und vielleicht – vielleicht! – wirkt es nicht nur so, sondern ist es auch wirklich.

Ähnlich verhält es sich mit „Aelggi Alp“ von 1971, das eine Gruppe von noch jungen Menschen zeigt und das alle Qualitäten, aber auch die Schwachstellen dieser Kunst offenbart. Den dargestellten Personen bringt man kaum Interesse entgegen – sie sind kunstvoll gemalte, aber eben doch gleichgültige Figuren, wie so viele andere auch. Dagegen ist die Technik, mit der Gertsch das Geröll darstellt, außerordentlich beeindruckend – und wieder lohnt es sich, näher heranzugehen, denn die Nahsicht zeigt, dass er keinesfalls realistisch gemalt hat und schon gar nicht fotorealistisch – realistisch wirkt das Bild erst aus einer gewissen Entfernung.

Katalog zur Ausstellung:

Anette Hüsch (Hrsg.)
Franz Gertsch. Bilder sind meine Biografie
Christian-Albrechts-Universität 2018, ISBN: 978-3-937208-53-4, Ladenpreis 16,90 €