Ausstellungsbesprechungen

Franz Radziwill – Ausstellungen

Franz Radziwill (1895–1983) ist in Norddeutschland eine feste Größe – andernorts ist sein Werk eher lückenhaft präsent, sei es in nur wenigen, zumeist magisch-realistischen Beispielen oder im Kontext der Neuen Sachlichkeit. Wer allerdings einschlägige Ausstellungen, etwa in Mannheim, kennt, wird Radziwills unverwechselbaren Stil im Gedächtnis behalten, fasziniert oder irritiert von einem unzeitgemäßen, wenn nicht unmodernem Pathos. Günter Baumann hat sich mit den Ausstellungen in Emden, Oldenburg und Wilhelmshaven beschäftigt.

In diesem Zeichen stehen einige Ausstellungen in Emden, Wilhelmshaven, Oldenburg und Dangast, wo die Radziwill-Gesellschaft zu Hause ist. Emden ist zudem ein Hort des malerischen Werks, das 2010 um einen als Dauerleihgabe gewährten Sammlungsbestand von über 50 Arbeiten angereichert wurde. Aktuell stehen dort »111 Meisterwerke« auf dem Programm. Die Auswahl lässt keine Wünsche offen: Weder das expressive Frühwerk noch das sachlich-phantastische reife Werk ist unterrepräsentiert. In Wilhelmshaven wird Radziwills Verhältnis zum Nationalsozialismus beleuchtet – ein wenig rühmliches Kapitel, das allerdings keineswegs neu in den Fokus geraten ist, sondern längst bekannt und auch schon aufgearbeitet worden ist. Indem sich die Ausstellungsmacher erneut mit dem Thema auseinandersetzen, verdeutlichen sie dessen Virulenz.

Zu leicht kann man es sich da gar nicht machen: Die Grenze zwischen der nationalsozialistischen und der (post)republikanischen Ästhetik verläuft durch die Bewegung der Neuen Sachlichkeit, sie lässt sich – wenn auch noch unschärfer – auch innerhalb des Bauhauses beobachten. Renommierte Einzelpersönlichkeiten zeigen zudem, wie disparat der wechselseitige Umgang war: Emil Nolde wäre hier zu nennen, der sich (zum Glück) vergebens um die Gunst der Nazis bemühte. In der Architektur ließen sich noch mehr Überschneidungen und Annäherungen ausmachen. Betrachtet man die Vita von Franz Radziwill, kann einem schwindelig werden: 1933 Eintritt in die NSDAP aus Überzeugung, im Jahr darauf Teilnahme an der Biennale in Venedig, 1935 Entlassung aus dem Düsseldorfer Lehramt – man muss wissen, dass sich der Nationalsozialismus in diesen Jahren von Abweichlern in den eigenen Reihen ›trennt‹ und dabei vor Mord nicht zurückschreckt –, 1936 Rehabilitierung durch Joseph Goebbels höchstselbst, 1937/38 taucht sein Name in den Ausstellungen zur so genannten »Entarteten Kunst« in München und Berlin auf, zuerst als Titel eines Bildes von Otto Dix, der Radziwill porträtiert hatte, dann mit eigenen Arbeiten.

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Im Werk Radziwills mischt sich soldatischer Enthusiasmus und Fliegerkult mit atemberaubendem Schönheitssinn. Letzterem spüren die Oldenburger Ausstellungen zum Spätwerk einerseits (»Die Schönheit des Alleinseins«), zum frühen expressiven und neusachlichen Stil andererseits nach – das Frühwerk scheint nicht allzu bedeutend zu sein, gehört aber zur Gesamtentwicklung dazu und stellt eine Entdeckung für diejenigen dar, die Radziwill nur im Kontext der Neuen Sachlichkeit kennen. Den Stilwandel vollzog Radziwill schließlich in Dangast, wo man mit Bildtafeln seinen biografischen Spuren folgen kann.

Das eigentlich Faszinierende im Werk ist das von Franz Radziwill inszenierte Mysterium der Wirklichkeit. Dazu gehören schon die ganz unprätentiösen Detailbilder wie das hinreißende »Fenster meines Nachbarn« von 1930, das den exzellenten Techniker zeigt, der Mauerwerk wie Seidengardine mit fast altmeisterlicher Raffinesse darstellen kann. Auch 1933 zeigt er etwa mit dem »Handtuch«-Stillleben, dass er frei ist von jeglichem Hurrapatriotismus, und noch das »Schneeglöckchen am Pfahl« von 1940 eignet sich kaum als Propagandabild. Die Stadtlandschaften sind schon deutlich dramatischer. Übersinnliches kollidiert mit der innerstädtischen Alltäglichkeit – der Maurer, der Radziwill einmal war (1909–13 absolvierte er eine Maurerlehre), machte die Hauswand zur Projektionsfläche seiner präzisen Beobachtungsgabe und zugleich zum Spiegel seines Seelenlebens. Idyll und Untergangsszenario liegen eng beieinander. Man denke nur an die Gewitterhimmel, die den Betrachter den Kragen zusammenziehen lassen, obwohl er durchaus spürt, dass ihm hier eine Metapher des Zeitgeschehens sowie Urängste und die unbestimmte Bedrängnis vor Augen geführt werden. Die Omnipräsenz der Bedrohung, die zuweilen absurde, wenn nicht surreale Formen annimmt, hält das Publikum unter Strom, doch läuft sie auch Gefahr, dass der Besucher innerlich einen Gang zurückschaltet oder gedanklich aussteigt.

Nicht alle Arbeiten sind frei von Kitsch und überholter Fliegerromantik. Zieht man das Fliegermotiv ab, kann man Parallelen zum Werk von Radziwills Freund Otto Dix ziehen, der auch eine Randposition innerhalb der Neuen Sachlichkeit einnimmt. Nur wo jener sich vom Verismus zum klassischen Landschafter entwickelt, verklärt sich bei Radziwill die Sachlichkeit zur Magie. Auf dieser Ebene bringt Radziwill Kirchen und Bunkeranlagen ohne Skrupel zusammen. Andererseits vermitteln die Arbeiten zwischen 1940 und 1950 eine unglaubliche Tragik, die nur ein aufrichtiger Geist in seiner inneren Zerrissenheit ersinnen kann.