Buchrezensionen, Rezensionen

Franziska Gottwald: Das Tronie – Muster, Studie und Meisterwerk. Die Genese einer Gattung der Malerei vom 15. Jahrhundert bis zu Rembrandt, Deutscher Kunstverlag 2011

Es sind erstaunlich viele Aspekte, die bei einem scheinbar so einfachen Sujet wie dem Bild eines unbekannten Menschen ohne Handlungsrahmen und Kostüm zusammenfließen, und es dauerte lange, bis große Künstler wie Rembrandt van Rijn und Jan Lievens die Gattung des Tronie endgültig durchgesetzt hatten. So perspektivenreich die Geschichte der Gattung, so perspektivenreich ist auch das sehr empfehlenswerte Buch Franziska Gottwalds, das Stefan Diebitz für Portal Kunstgeschichte gelesen hat.

Ein weiter Weg musste zurückgelegt werden, bis zwei miteinander eng befreundete Kollegen, die Malerfürsten Lievens und Rembrandt, endlich das Tronie durchsetzten. Es war der Abschluss einer fast zweihundertjährigen Entwicklung, als die beiden jungen und aufstrebenden Künstler zwischen 1628 und 1631 auf gemeinsame Modelle zurückgriffen, beispielsweise auf das eindrucksvolle Haupt eines bärtigen alten Mannes. Aus heutiger Sicht ist es kaum zu glauben , dass es so lange dauerte, bis sich das Gesicht eines unbekannten Menschen außerhalb eines historischen oder biblischen Kontextes als darstellungswürdig durchsetzte.

Um die Geschichte des Tronies erzählen zu können, muss die Autorin weit ausholen. Sie beginnt mit den Musterbüchern des 15. Jahrhunderts, die dem Maler einen Vorrat an schematisierten Heiligenköpfen anboten, und geht dann zu den »cartoni« und »pastelli« Italiens über, die innerhalb einer Werkstatt eine ähnliche Funktion ausübten. In dieser Zeit setzte sich auch die Ölmalerei durch, die dem Maler dank der längeren Trocknungszeiten nachträgliche Korrekturen ermöglichte und so die Bedeutung von Vorlagen allmählich reduzierte. Aber noch für Peter Paul Rubens waren seine Meistermodelle, die von Schülern und Mitarbeitern kopiert wurden, eher Versatzstücke als eigenständige Kunstwerke und deshalb auch noch keine Tronies. Diese zu schaffen, blieb Rembrandt und Lievens vorbehalten.

In dem Prozess, der der Bildgattung Tronie endlich zu ihrem Recht verhelfen sollte, spielte Lievens dem Urteil Gottwalds zufolge eine bedeutendere Rolle als die, die ihm die Forschung bislang zusprach. Denn es war Lievens, der in »einem wechselnden Lehrer-Schüler-Verhältnis« die Bildaufgabe an Rembrandt vermittelte. Plausibel machen kann Gottwald diesen Prozess an etlichen Tronies beider Künstler, die einander auch stilistisch sehr ähnlich sind, vor allem aber auf dasselbe Modell zurückgriffen, einen bärtigen alten Mann.

Lievens wurde der Meister in der Darstellung des Gesichts, Rembrandts jener der Emotionen. Seine Tronies zeichnen sich besonders durch virtuose Beleuchtungseffekte aus, die er in Porträts niemals hätte anbringen können, die aber die so unglaublich intensive Darstellung des Ausdrucks erst ermöglichten. Denn der Ausdruck ist nicht an das Detail geheftet, sondern an das Zusammenspiel der verschiedensten, ineinander verschwimmenden Momente, wofür der Philosoph Hermann Schmitz das Wort „binnendiffus“ fand. Diese Ungenauigkeit hat schon Georg Simmel in seinem Rembrandt-Buch von 1916 für dessen Gesichterdarstellungen als typisch angesehen und »das Ausbleiben der Detaillierung, das Hinwegsehen über das Kleine und Einzelne der Erscheinung zugunsten ihrer breiten, wesenhaft entscheidenden Züge« hervorgehoben. Rembrandt bevorzugte für seine Tronies die Dreiviertelansicht und arbeitete unter anderem mit einer teilweisen Verschattung des Gesichts – etwas, das bei einem Porträt überhaupt nicht denkbar gewesen wäre.

Die Gründe, warum die Tronies sich überhaupt in jener Zeit durchsetzten und worin die eigentümliche Vorliebe für die Abbildung alter Männer begründet ist, lassen sich in der Sozial-, Geistes- und Glaubensgeschichte finden. Denn es waren letztlich die religiösen Auseinandersetzungen, die dem Tronie den Weg bahnten. »Der Wegfall der katholischen Kirche als Auftraggeber und die mit dem Protestantismus verbundene Säkularisation des Staates, aber auch die verbesserte ökonomische Situation der Republik seit der Unabhängigkeit begünstigte das Wachstum eines dynamischen Kunstmarktes, der nun den Dreh- und Angelpunkt der Gemäldeproduktion bildete«. Mit anderen Worten: Kirchen kamen immer weniger als Käufer und Auftraggeber in Frage, und Tronies waren billig und ließen sich deshalb leichter verkaufen als Porträts. Die Vorliebe für die Darstellung alter Männer aber erklärt Gottwald mit der weltanschaulichen Neutralität dieses Motivs. Hier konnte man nicht viel verkehrt machen.

Franziska Gottwalds Buch wird mit seiner überaus konzisen Darstellung den verschiedenen Aspekten der Kunstproduktion der Frühen Neuzeit gerecht. Sozial- und geistesgeschichtliche Zusammenhänge werden ebenso berücksichtigt wie technische Aspekte der Malerei. Die Argumentation ist außerordentlich dicht gewoben und immer sehr präzise, geht aber leider nur selten auf Einzelheiten ein. Von mir aus hätte ein Buch über ein derart ertragreiches Thema auch doppelt so dick sein dürfen – ich bin mir sicher, dass die Autorin so viel und noch mehr hätte sagen können, ohne den Leser zu langweilen.