Ausstellungsbesprechungen

Franziska Strauss – Vert. Photography, Egbert Baqué Contemporary Art, Berlin, bis 3. März 2013

Mit den Fotoserien »Reckoner« und »I killed my dinner with karate« hat sich Franziska Strauss die vorderen Ränge der Tanzfotografie erspielt. Dank ihrer neuen Serie »Vert« legt sie jetzt nach. Nicht nur Günter Baumann war von der Schau begeistert.

Allein zur Vernissage kamen über 200 Leute, was auch den Galeristen fast umgehauen hat: nicht nur, weil das Kaufinteresse erstaunlich hoch war, sondern weil sich – so Egbert Baqué – »Sammler haben blicken lassen, die noch nie zuvor in meiner Galerie waren«. Der Ruf der 1984 in Cottbus geborenen Künstlerin eilte bis nach New York, und das Echo ließ nicht lange auf sich warten. Auch wenn der Karriere-Sprung über den Atlantik (den sie für ihre Arbeit längst vollzogen hat) noch aussteht, befinden sich die Messen in London und Paris längst auf dem Reiseplan. Der »Shootingstar«, wie sie der »Tagesspiegel« im Januar titulierte, zeigt, wie sich Tanz anfühlt, doch beweist gerade die jüngste Serie, dass Franziska Strauss sich mehr und mehr als Modelliererin von Körpern sieht, die eine fiktive Tanzwelt auf die Linse bannt und zugleich an Sujets der Kunstgeschichte erinnern. Mit der Bildfindung einer Malerin setzt sie die physikalischen Gesetze und anatomischen Gegebenheiten außer Kraft, so dass die Photos mal surreal verfremdet, mal in einer Phase der Entmaterialisierung begriffen scheinen – wenn man denn nicht wüsste, dass die teils digital, teils analog entstandenen Bilder tatsächlich eine wenn auch überzeichnete Wirklichkeit ablichten.

Früher hat sie selbst getanzt, und wenn sie heute ihre professionellen Kolleginnen und Kollegen vor ihrem geistigen (und mit dem Kamera-)Auge festhält, ist das auch eine Art Aufarbeitung dessen, was sie mit 18 Jahren aufgegeben hat, um am Scheideweg zwischen Choreographie und Photographie den Weg der Lichtbildnerei zu gehen – um schließlich da anzukommen, wo sie immer war: im Tanz. »Durch meine Arbeit«, so schreibt sie, »sehe ich Tanz nicht mehr als etwas…, das man mal macht, wenn Musik läuft oder das manche als Beruf ausüben«. Im Tanz zu sein, heißt: im Körper sein, die Körpersprache mitdenken – »Bewegungen, Gesten und Berührungen, die wie Worte ständig aus uns heraus wollen«. Anders als Werbe- oder Pressephotographen interessiert sich Franziska Strauss nicht für das Ergebnis auf der Bühne, vielmehr ist sie mit einem unbeschreiblichen Gespür dieser inneren, authentischen Sprache des Körpers auf der Spur. Mit Auftragswerbung oder Werbeauftrag hat das nur bedingt zu tun. Strauss macht pure Photographie, in der sich die ungeschönte Dokumentation erschöpfter Leiber, Kompositionsstudie und ästhetisierte Erotik kreuzen. Der an die Grenze der Intimität gehende Voyeurismus trifft auf die spontan inszenierte Photographie – weit entfernt von gekünsteltem Effekt.

Der Weg war vorgezeichnet. Noch bevor Franziska Strauss an der Münchener Hochschule begann, Photodesign zu studieren, zog es sie für ein Praktikum bei einem Photographen in die USA, zunächst nach Chicago. Die transatlantischen Kontakte sind nicht hoch genug einzustufen, folgten doch während des Studiums weitere Aufenthalte in New York, die auch zur folgenreichen Begegnung mit der Gallim-Dance-Company führte. Was sich vordergründig nach ›Generation Praktikum‹ anhört, ist eine schlüssige Ereigniskette, die in den Photoserien »Reckoner« und »I killed my dinner with karate« kulminierten. Das Studium des Photodesigns dürfte daran noch den kleinsten Anteil haben, sieht man von den technischen Fertigkeiten ab, die dort vermittelt werden, wobei Franziska Strauss den Designer-Anteil gar nicht so hoch hängen will: Soziale Aspekte und philosophische Grundsicherung sind wesentliche Komponenten ihrer Arbeit. Von den Photographen, die Franziska Strauss in den USA kennengelernt hat, dürfte denn auch Danny Clinch, begnadeter Porträtist in der Musikszene, das wichtigste Vorbild sein. Auch die sinnliche Tradition, in der Nabuyoshi Araki oder Robert Mapplethorpe stehen, oder die theatrale Ballettphotographie einer Esther Haase haben ihre Spuren bei Strauss hinterlassen, und sei es doch nur im Bewusstsein der ganz eigenen Persönlichkeit.

Der Tanz ist – naturgemäß – die körperbetonteste und damit die unmittelbarste, vielleicht intimste aller Kunstformen. Franziska Strauss wusste, worauf sie sich einließ, als sie die Chance bekam, bei der 2007 gegründeten Truppe von Gallim Dance Aufnahmen zu machen. Der expressive, Strauss zufolge »wahnsinnig emotionale« Körperstil der Kompanie traf sie dennoch »wie ein Hammerschlag«: kein Wunder, die vielfach gepriesene Mischung zwischen explosiver Power und kontrollierter Körperspannung geht unter die Haut. Zugleich beschreibt die Photographin in ihren Bildern hingebungsvoll die Zwiespältigkeit, die in dieser beherrschten Unbeherrschbarkeit steckt. Tanz ist kraftvoller Ausdruck und Angreifbarkeit, voller Körpereinsatz und Verletzlichkeit. Aber trifft das, so Franziska Strauss, nicht bei allem zu, »was man intensiv betreibt«? Es geht ihr nicht um das Porträt einer Tänzerin oder eines Tänzers, es geht ihr noch weniger um Werbephotographie (die sie nebenbei auch machte). In zahlreichen Gesprächen mit den Tänzern von Gallim Dance und während der Proben entwarf Franziska Strauss ein Bild vom Tanz als solches. Ihre Arbeiten tragen keine Titel, um den freien Blick nicht zu verstellen. Wohl aber bezeichnet sie die Serien, erstmals mit »Reckoner« oder mit »I killed my dinner with karate«, bezugnehmend auf Liedtitel aus der alternativen Rockszene. Das anspielungsreiche, fast melancholische Lied »Reckoner« von Radiohead etwa lief zufällig, als sie beim Shooting mit den Tänzern zusammensaß. Als bloße Chiffren überschreiben diese Zuweisungen Bildsequenzen, deren Rätselhaftigkeit Programm ist.

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Die jüngste Serie »Vert« setzt das photographische Werk konsequent fort. Franziska Strauss hält atemberaubende, aus der Bewegung herausgelöste Momente fest, die den Eindruck vermitteln, als stünde hier mit jeder Aufnahme die Welt still. Zum anderen sucht sie den elementaren Ausdruck des Tanzes: die Bewegung. In scheinbar fließenden, zuweilen verschwimmenden Schwarzweiß-Aufnahmen zeichnet Franziska Strauss abstrakte Körperbilder, die an sinnlicher Ausstrahlung kaum zu überbieten sind. Mit dem Blick einer Bildhauerin geht sie an ihr Thema heran, um die Körperspannung, die Bewegung in jedem Muskel zu fokussieren. Die abgelichteten Tänzerinnen zeigen sich – frei von jeglicher Regieanweisung und Motivbindung – in einer ungeschminkt-intimen Verletzlichkeit, und gerade in der Betonung einzelner Körperpartien sowie in den dramatischen Helldunkelpassagen entsteht eine drastische Plastizität, welche die Bewegung als eine zum Bersten angespannte Unruhe aus dem Leib meißelt – das Licht wird dabei zum Werkzeug. Des Weiteren legt Strauss ihre Photos malerisch an, wenn sie zur nahezu monochromen Farbphotographie übergeht. In einer caravaggesken Lichtdramaturgie, die eine Palette von ineinander übergehenden warmen Gelb- und Rostbrauntönen bereithält, macht sie den beseelten Tanz zur poetischen Improvisation des menschlichen Miteinanders.

Die dabei entstehende Welt ist weder der Realität entfremdet noch befangen in einer fiktiven Harmonie, vielmehr ist sie im besten Sinn sur-real. Nah- und Fernsicht wechseln ab, spontane Schnappschüsse mischen sich mit erhabenen Augenblicken, alles vor neutralem Hintergrund. Der Vergleich der von Franziska Strauss begleiteten filmischen Selbstdarstellung der Gallim-Kompanie mit den ausgekoppelten Fotos macht den gravierenden Unterschied zwischen Abbild und einer Art Metabild deutlich. Die szenigen Arbeiten erzählen eine Geschichte von Leidenschaft und Schweiß, Leiden und Scheitern, aber auch von der Verselbständigung der Bilder, die sich einer photographischen Attitüde entziehen. Es ist auffallend, dass gleich mehrere Arbeiten der aktuellen Serie ikonographische Assoziationen wecken – was keinesfalls eine religiöse Wendung bedeuten muss.

Vor dunklem (Nicht-)Raum posieren Menschen, die in ihrem Verismus und in extremen Bildschnitten förmlich nach alternativen Quellen verlangen: nahezu als Affront erinnert die von zwei kopflos gezeigten Männern gehaltene Frau an das Motiv der Grablegung Christi; die im Luftleeren aus dem Bildformat Entschwebende lässt aufgrund der exaltierten Handgestik an eine grünewaldsche Auferstehung denken; und der Halbkörperakt des nach oben blickenden Jünglings wirkt wie die verzückte Figur eines Heiligen – als habe Rodins Johannes der Täufer gerade seine Pose verändert. Auch eine schwer überdehnte Venus lässt sich blicken. Oder sind es doch ›nur‹ Akteure in Trance oder Lethargie, im Wahn betört oder im Spiel von alledem entrückt? Die Art und Weise, wie die Protagonisten ihre Gesichter abwenden – mit Bedacht sind die Ausschnitte so gewählt, dass oft nur ein Torso zu sehen ist –, wie sie in verschiedenen Umgebungen mit ihrem Alleinsein, mit ihrem Zusammensein umgehen, lässt die Szenen an existentiell randständige Situationen grenzen: so illusionslos wie unausweichlich, so faszinierend wie unbegreiflich, so nüchtern wie märchenhaft, lakonisch wie allegorisch.

Die Protagonist(inn)en sind betont artifiziell und zugleich unartifiziell dargestellt, regelrecht aus einem schweißtreibenden Leben (Arbeit) heraus- und in ein anderes (Kunst) hineingeworfen, und sie sind doch auch einer Metaphysik verpflichtet, die kaum photographisch greifbar ist. Doch hier hebt Franziska Strauss schlichtweg die materielle Existenz jener Protagonisten auf und überblendet sie bis zur flüchtigen Erinnerung ihrer selbst. »Nicht vorher wissen müssen, was man erkennen wird«, heißt es in einer ihrer Gedankenskizzen. »Am Ende«, so Strauss, »steht Tanz für etwas Generelles: die Einheit von körperlichem, geistigem und seelischem Zustand, die Fähigkeit und Notwendigkeit über andere Wege zu kommunizieren, als die verbale Sprache, Dinge erfahren zu wollen, die einem die bloße Kopfarbeit verwehrt und durch das Spüren von sich selbst Empathie zu entwickeln.« Sowie der Tanz sich seiner physischen Darstellung entzieht, kommt Strauss seiner Idee erst richtig nahe. Die photographische Wiedergabe wird zur Metapher eines Gedankens, der im Begriff ist, Sprache zu werden: im Bild.