Ausstellungsbesprechungen

Französische Meisterwerke (aus New York)

Das viermonatige Berliner Gastspiel der französischen Meisterwerke des 19. Jahrhunderts aus dem Metropolitan Museum of Art, New York, nahm in diesen Tagen sein Ende. Mit der hochkarätigen Leihgabe bedeutender Künstler des 19. Jahrhunderts sicherte sich die Neue Nationalgalerie exklusiv ein weiteres museales Großereignis – im Trubel der Großausstellungen dieses Kunstsommers in Kassel, Münster, Venedig und Basel die wohl solideste Schau. Meist verschmäht von den Kritikern der Feuilletons, scheint der große Zuspruch der Besucher den Veranstaltern solcher Megaevents Recht zu geben. Kunsttourismus hat sich in der Zusammenstellung von Großausstellungen in der Ausstellungspraxis fest etabliert.

Dafür warb und darauf setzte auch die Berliner Nationalgalerie. Die Marke von mehr als einer Million Besucher der 2004 in der Neuen Nationalgalerie gastierenden MoMA-Ausstellung ließ sich aufgrund der kürzeren Ausstellungsdauer zwar nicht wiederholen, mit durchschnittlich 6000 Besuchern pro Tag bilanzierten die Veranstalter am vergangenen Wochenende aber dennoch einen Erfolg für sich. Ähnlich zufrieden gab sich die Berliner Tourismusbranche.

 

Die aufwändig betriebene Werbekampagne erfüllte insofern ihre Aufgabe, die Ausstellung zu einem Anziehungspunkt zu machen. Die Erfahrungen mit Großausstellungen in den letzten Jahren – »Das MoMA in Berlin« (2004) und »Goya. Prophet der Moderne« (2005) – veranlassten den Verein der Freunde der Nationalgalerie als Ausstellungsveranstalter zu der Entwicklung eines vollkommen neuen Ticket- und Einlasssystems, um den erwarteten Besucherstrom erträglich zu gestalten. Die Einführung des so genannten VIP-Tickets sollte den Warteschlangen entgegenwirken, indem es den Zeitpunkt des Besuches festlegte. Darüber hinaus reagierte man in bewährter Weise mehrfach mit verlängerten, teils sogar durchgehenden Öffnungszeiten auf die starke Nachfrage. Im Durchschnitt warteten die Besucher so weniger als eine Stunde bis zu ihrem Einlass in die Ausstellung. Die ursprünglich veranschlagten 7,5 Millionen Euro Ausstellungsbudget stiegen damit auf 8 Millionen Euro, die nach Kassensturz, so der Vorsitzende der Freunde der Nationalgalerie, Peter Raue, aber eingespielt sein sollten.

 

Rund 150 Gemälde und Skulpturen hatten die Reise nach Berlin angetreten. Dies war die größte Auswahl an Kunstwerken, die das Metropolitan Museum, kurz MET, je in seiner über 100-jährigen Geschichte verliehen hat.

 

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Der Sammlungskomplex des Metropolitan Museums ist unbestritten einer der bedeutendsten seiner Art. Neben dem Pariser Musée d’Orsay beherbergt das Museum die größte Sammlung an französischer Kunst des 19. Jahrhunderts. Einige Werke verließen das Museum überhaupt zum ersten Mal und werden es in diesem Umfang aller Voraussicht kein zweites Mal tun. Nur selten verlassen die Spitzenwerke des Metropolitan Museums New York, und schon gar nicht in großer Fülle.

 

Dennoch gelang es den Veranstaltern bei der Auswahl der Kunstwerke nicht in Gänze auf die Glanzstücke der Sammlung zurückzugreifen. Einige Künstler waren, so kritische Stimmen der Ausstellung, lediglich mit zweitrangigen Werken vertreten. Neben konservatorischen Gründen spielte hierbei die generelle Ausleihuntersagung der Stiftung Walter Annenberg eine Rolle. Hingegen blieben die Werke der Stiftung Clark für eine MET-eigene Ausstellung in diesem Sommer in ihrer Heimatstadt.

 

Das Einmalige der Berliner Ausstellung lag daher vor allem auch in der Bandbreite an Exponaten einer Epoche, die in dieser Form in Deutschland erstmals zu sehen war. Das hieß für die Kuratoren eben nicht nur die wegbereitenden Meisterwerke der Avantgarden – darunter Manets »Im Boot«, Degas »Tanzstunde«, Gauguins »Ia Orana Maria« und Rodins »Bürger von Calais« – in die Ausstellung aufzunehmen, sondern auch die offizielle Salonmalerei einzubeziehen, die im Ausstellungsaufbau einen zentralen Platz einnahm.

 

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Das 19. Jahrhundert war eine Zeit großer Veränderungen. Die Künstler begannen sich von den traditionellen künstlerischen Techniken und Bildthemen, wie sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch ihre Gütigkeit hatten, zu entfernen. Die Landschaft entwickelte sich zum beliebten Bildthema. Dabei verließen die Künstler ihren traditionellen Arbeitsplatz, das Atelier. Freilichtmalerei wurde zu einem wichtigen Bestandteil des künstlerischen Arbeitsprozesses.

 

Die neuen Bewegungen in der Kunst führten auch zu einem Wandel in der Ausstellungspraxis. Akademie und École des Beaux-Arts gerieten mit ihren Entscheidungen über die Teilnahme und den Ausschluss von Künstlern und Kunstwerken bei den jährlich stattfindenden Salonausstellungen immer stärker in die Kritik. Er war für die Künstler das wichtigste Forum, um Arbeiten öffentlich zu präsentieren und sich einen Markt an Förderern und Käufern zu erschließen. Insofern war eine Präsenz auf dem Salon für den einzelnen Künstler überlebenswichtig. Die anhaltenden Proteste gegen das Auswahlverfahren ließen Napoléon III. 1863 der Einrichtung eines Salon des Refusées zustimmen, einer Ausstellung jener Werke, die die Jury des offiziellen Salons zuvor abgewiesen hatte. In acht unabhängigen Ausstellungen stellten von 1874 bis 1886 die Impressionisten ihre Werke aus, und 1884 fand ohne die sonst übliche Jury und Auszeichnungen der erste Salon der Indépentants statt. Darüber hinaus entfaltete sich durch kommerzielle und private Initiativen von Kunstgalerien ein immer wichtiger werdender neuer Umschlagplatz für die zeitgenössische Kunstproduktion.

 

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Anliegen der Berliner Ausstellung war es, den Auseinandersetzungen um Modernität – der Entwicklung von der früher anerkannten, später wenig geachteten Salonmalerei auf der einen und den anfangs verschmähten Werken, die zu wichtigen Vorläufern auf dem Weg zur Moderne wurden, auf der anderen Seite – nachzugehen. Berlin gelang es mit der großen Auswahl an Exponaten diese Entwicklungen nachzuzeichnen und einen weitestgehend umfassenden Blick auf die vielgestaltigen Kunstströmungen des 19. Jahrhunderts in Frankreich vom Klassizismus bis zu den großen Künstlerpersönlichkeiten des frühen 20. Jahrhunderts zu werfen – das allmähliche Sichloslösen von traditionellen akademischen Regeln, das Sichöffnen für technische Innovationen, gesellschaftliche, wissenschaftliche und ästhetische Neuerungen und Ideen darzustellen.

 

Möglich geworden war die groß angelegte Leihgabe durch die Erweiterungsmaßnahmen jener Ausstellungssäle des Metropolitan Museums, die dem 19. Jahrhundert gewidmet sind. Diese Räume wurde zwar erst 1993 der Öffentlichkeit zugänglich, doch hat der Erwerb von 125 neuen Gemälden in den vergangenen Jahren für diesen Sammlungsbestand eine Erweiterung und Neuordnung schon nach dieser kurzen Zeit zwingend notwendig werden lassen. 3000 Quadratmeter Ausstellungsfläche werden dem Metroplitan Museum in Zukunft zusätzlich zur Verfügung stehen.

 

Allen Liebhabern französischer Kunst des 19. Jahrhunderts bleibt bis zum 28. Oktober die Möglichkeit, die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel zu besuchen, die in einer Schau parallel zu der Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie französische Kunst aus den eigenen Beständen zeigt. Ursprünglich sollte sie zusammen mit der MET-Ausstellung ihre Tore schließen, wurde nun aber verlängert.

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